25.05.2020 - 11:28 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Mundart-Gedichte zur Corona-Krise

Er schaut dem Volk "aufs Maul", wie es so schön heißt. Der Mundart -Autor Dieter Radl begeistert bei seinen Dialekt-Lesungen eigener Werke regelmäßig ganze Säle. Das ist seit langem nicht mehr möglich. Doch Mundart geht auch in der Krise.

Dieter Radl vor seinen Zuhörern: Hier fühlt sich der Mundart-Autor am wohlsten. Doch zur Zeit gibt es keine Auftritte.
von Joachim Gebhardt Kontakt Profil

Dieter Radl erreicht mit seinen Dialekt-Werken eine immer größer werdende Anhängerschaft. Der Sulzbach-Rosenberger ist derzeit quasi im erzwungenen Autoren-Asyl, arbeitet aber nach wie vor an aktuellen Themen. Wir sprachen mit dem ehemaligen Rektor über die momentane Lage.

ONETZ: Wie geht es einem Mundart-Autor, der in diesen Zeiten mangels Lesungen kaum mehr Kontakt zu seinen Fans hat?

Dieter Radl: Die Mundartliebhaber zeigen natürlich Einsicht. Diese Gruppe ist ja ebenfalls von den Einschränkungen betroffen. Termine wurden auf spätere Zeit verschoben. Es ist aber auch einmal schön, eine Ruhepause, eigene Zeit, einen Abstand zu haben.
Das Winterhalbjahr war ausgefüllt, in den Sommermonaten sind, bis auf wenige Ausnahmen, andere kulturelle Ereignisse vorherrschend. Ab September sind aber bereits wieder mehrere Lesungen vorgebucht. Ich kann mich über Nachfrage nicht beklagen und Pausen machen die Leute ja erwartungsvoller.

ONETZ: Welche Themen haben Sie in Ihren neuesten Werken aufgegriffen?

Mein Themenbogen ist weit gespannt: Von Ereignissen aus der früheren Zeit, Erzählungen von Originalen, von Heimatbildern und deren unterschiedlichsten Erscheinungsformen, eigenen Gedanken, Bildern, Stimmungen, bis zu politischen und gesellschaftlichen Formen der Gegenwart, wie zum Beispiel jetzt Corona-Pandemie und deren Folgen. Es gibt immer etwas für mich als Autor, manchmal ist es auch gar nicht einfach, alle Inhalte in Mundart zu formulieren. Zudem gibt es noch Überlegungen für ein vielleicht neues Buchprojekt, aber da braucht es noch einige Vorbereitungen. Und ehrlich, man muss sich schon zeitaufwendig hinsetzen, bis alle Texte Sinn, Form und Ausdruck haben.

ONETZ: Wie geht ein gestandener Oberpfälzer mit den doch spürbaren Einschränkungen und Bedrohungen um?

Na ja, jetzt werden die Beschränkungen langsam spürbar erleichtert. Manche Bestimmungen waren schwer einsichtig, zum Beispiel der Familienbesuch, religiöse Veranstaltungen, Kontakt- und Besuchsverbot, um nur einige zu nennen. In der Rückschau aber, mit Kenntnis der heutigen Infektionszahlen, sind sie, meiner Meinung nach, nachvollziehbar. Sicher, für Einzelpersonen, etwa in Heimen, oder für eine Familie mit schulpflichtigen Kindern, war es eine große Belastung. Meiner Frau und mir, als Mitglieder der sogenannten Risikogruppe war ja die Möglichkeit gegeben, sich in der Natur zu bewegen, Sport zu betreiben. Der "Sommermonat" April hat dazu auch eingeladen.

ONETZ: Können Sie dem Ganzen doch noch etwas abgewinnen?

In der Lernpsychologie gibt es den Begriff "entdeckendes Lernen". Man erfährt in dieser momentanen Enge wieder, was frei sein bedeutet, wir lernen wieder in den eigenen vier Wänden mit der Zeit etwas anzufangen, man merkt auf einmal, über was und wie ausdauernd man miteinander reden kann, man spürt am eigenen Leib, was "g'sund saa" für ein Geschenk ist und ich meine auch, man sucht wieder den Glauben, baut auf Hoffnung in die Zukunft. Sicher sind da aber auch noch andere Lernschritte mit eingebunden.

ONETZ: Ehrlich, ist Mundart noch aktuell?

Davon bin ich überzeugt! Wenn ich auch zugeben muss, dass meine Zuhörerschaft, meine Leser, mehrheitlich aus Personen bestehen, die unseren Dialekt noch kennen und reden können.
Aber ich kann aus meiner Erfahrung nur sagen, dass Überlieferung und Bodenständigkeit (dazu gehören neben Brauchtum, musikalischer Ausdrucksfreude, dazu auch ein weiter Bogen anderer kultureller Erscheinungen, mit Sicherheit aber unsere Mundart), immer mehr als Erbe erkannt werden, das es zu bewahren gilt! Es wäre schön, wenn sich viele junge Leute, die sich in der Smartphone-Sprache heimisch fühlen, auch dafür begeistern könnten.

ONETZ: Sind Sie ein einsamer Rufer in dieser mundartlichen Autorentätigkeit?

Ich kann aus meiner Erfahrung und Kenntnis zu Recht sagen, dass sich sehr viele Leute in der Oberpfalz mit unserem Dialekt beschäftigen, die darauf hinweisen, welches wertvolle Kulturgut er darstellt. Von der Universität, über Heimatforscher, Heimatpfleger, verschiedene Verlage aus unserem Gebiet und natürlich viele selbstständige Autoren, die das Sprachspektrum unserer Heimat wunderbar bereichern. Die Vielzahl der Veröffentlichungen und Präsentationen beweisen dies nachhaltig.

Info:

Wos ma Angst machd
(Triage-Diskussion)

I bin old,

i käijer zum Risiko, song’s,

di ganz Grubbn waar a Risiko, hoisd’s,

daou moiner’s: Alle Alldn, ansa ganzer!

Daou melnse aa schou oi,

däi song:

„Läimer di Alldn schderm,

damid di Junger lern kinner

und danaouch

alls wida brummd!“

Daou zuggsd zamm!

Daou laafdsder eiskold in Bugl oiche!

I bin a Allder,

i heng am Lem

und aaf oimal waar

des nix mäijer wert!

Des wor schou amal

und machdma Angst: Unwertes Leben!

Info:

Ungerechte Politik

Bis 800 m2 hoisds,

dermer wida aafmachn!

Schou a weng ungerecht, waal mäi Bäijergaaddn

haoud häichsdns 600m2!

Schou a bissl klener!

Mou ower zou bleim!

Mi daad daou koiner aschdeggn

und i aa koin!

Mäi Disch mid zwor Schdöll

is unter an Kastanebaam.

Wenn da Wirt kaammerd,

niggaden zou,

er niggerd zrugg

und wisserd:

Drei mid Kraud

und a Halwe!

Daou mäisserd koiner naouchd higäih

oder aa a Werterl ren!

Er schdöllerds aaf a Bosdamentl,

i hullerds

und a schäinere Braoudzeid

gewerds nird!

Zum Zolln lecherde

8 Euro am Disch,

wäi allerwaal,

daou is a schenerös Drinkgöld

schou mid dabei!

Des waar a weng iwern Dellerrand schauer,

für mi und Haaffer Anere aa gerecht,

enk Politische!

Info:

Schdaade Mess

Muddersöllnaloins

hogge in derer Kirchn

koi Leid

koi Bforrer

koi Orgl

Da Christus aaf dem Riesnkreiz

schaud ower

moi schou grod, blaous aaf mi

„Red ner, häind howe Zeid“

I fang a und red und bitt

und bet

Der hurchd zou

und naouchara Waal

häijaren flisdern

„Mein Seng haousd,

ite missa est!“

I glaab,

i sichn a weng blinsln

„Deo gratias“

soche laud

und des hallerd

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