01.06.2020 - 16:19 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Ruhestand nach einem spannendem Polizei-Leben

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Von Geiselnahmen und Entführungen über den Kampf gegen Schleuserbanden, Einsätze beim SEK bis hin zu Lehr- und Führungsaufgaben: Ludwig Härtl, Chef der VII. Bereitschaftspolizeiabteilung in Sulzbach-Rosenberg, geht in den Ruhestand.

Ludwig Härtl erledigt letzte Aufgaben vor dem Ruhestand. „Ein bisschen Wehmut ist schon dabei“, sagt er. Der grüne Wimpel auf seinem Schreibtisch weist Härtl als Standortältesten der VII. BePo-Abteilung aus.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

"Ich kann zufrieden sein mit dem, was ich erreicht habe", sagt der Leitende Polizeidirektor Ludwig Härtl mit Blick auf sein langes Berufsleben. Nach 45 Jahren im Staatsdienst hat der 62-Jährige Ende Mai seine Uniform an den Nagel gehängt. Die VII. Bereitschaftspolizeiabteilung (BPA) in Sulzbach-Rosenberg verliert damit nicht nur ihren Chef, sondern auch einen versierten Spitzenbeamten mit enormem Erfahrungsschatz.

Dass er einmal vier goldene Sterne auf den Schulterklappen tragen würde, hat sich der gebürtige Friedenfelser (Kreis Tirschenreuth) nicht vorstellen können, als er 1974 als Praktikant bei der Inspektion in Tirschenreuth anfing. "Ich ging in Waldsassen auf die Realschule, und gleich nebenan war die örtliche Polizeidienststelle", blickt er zurück. Weil sein Klassenkamerad unbedingt zur Polizei will, animiert er Härtl, sich auch zu bewerben. "Ich hab den Einstellungstest gemacht und eine Zusage bekommen. Das hat meinen Elan gebremst, weiter auf die FOS zu gehen, wenn man auch Arbeiten und Geld verdienen kann", sagt Härtl lächelnd.

Verkehrspolizist im Abgasnebel

Nach der Ausbildung fängt der damals 17-Jährige im mittleren Dienst als einfacher Streifenpolizist in München an. "Wir sind stundenlang auf einem Schemel auf der Kreuzung im Abgasnebel gestanden und haben per Handzeichen den Verkehr geregelt - inzwischen unvorstellbar", blickt der heutige Abteilungsführer zurück.

Ab 1980 wird es für Härtl ernst. Der junge Polizist kommt zum Sondereinsatzkommando (SEK) Südbayern. Nach dreijähriger Fachhochschulausbildung für den gehobenen Polizeivollzugsdienst kehrt der Oberpfälzer 1985 zu den Elitekräften zurück. "Das SEK ist für alle Extremlagen zuständig: Entführungen, Geiselnahmen. Alles, was riskant ist, gehört zu deren Metier", erklärt Härtl. Der verheiratete Vater zweier Kinder bleibt bis 1994 in dem Kommando, wird Großgruppenführer und steigt zum Einheitsführer für Spezialeinsatzgruppen (SEG) auf.

SEK-Einsatz in Wackersdorf

In dieser Zeit erlebt Härtl "viel Action": "Das war die Zeit der RAF, es gab die Nachrüstungsdebatte und Groß-Demonstrationen." Der Kommissar ist bei den Anti-Atomkraft-Demonstrationen 1986 in Brokdorf genauso dabei wie beim Kampf der Oberpfälzer 1986-1988 gegen die Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf.

Als SEK-Einheitsführer erlebt er 1993 den Überfall auf das türkische Generalkonsulat in München. Kurdische Extremisten stürmen das Gebäude und nehmen 40 Geiseln. Der SEK-Mann hatte Glück: "Ich musste nie auf Menschen schießen, obwohl ich oft in kritischen Situationen und in Einsätzen mit tödlichem Waffengebrauch war." Denn: "In Spezialeinheiten ist die Waffe Teil von dir."

Auch Training und Ausbildung beim SEK sind hart. "Ich habe dort alles miterlebt. Abseilen vom Hubschrauber, außen mitfliegen auf den Kufen mit Gewehr, volles Programm", berichtet der durchtrainierte Polizist, der auch regelmäßig an Sportwettkämpfen teilnahm. Beim Training verletzte sich Härtl schwer, die Karriere stand auf der Kippe. "Ich bin im Hindernisparcour abgestürzt und habe mir beide Handgelenke gebrochen."

Als Härtl 1992 nach der Führungskräfte-Ausbildung in Münster in den höheren Dienst wechselt und als junger Polizeirat die Leitung der Grenzpolizeiinspektion in Selb übernimmt, wird es körperlich ruhiger - aber nicht weniger langweilig. Der Beamte führt 240 Beschäftigte und ist auch für die Grenzübergänge nach Tschechien zuständig. "Das waren damals kurz nach der Wende enorme Herausforderungen. In nur einem Jahr haben wir in Schirnding 2000 Lkw wegen technischer Mängel aus dem Verkehr gezogen."

In dieser Zeit macht sich Härtl einen Namen. Er leitet große Ermittlungsverfahren zu organisiertem Menschenhandel und internationalem Schleusertum. Zudem konzeptioniert er das Einsatztraining für die gesamte bayerische Polizei und führt Projektgruppen.

Das war die Krönung meiner Laufbahn und auch ein Stück Heimatrückkehr.

Leitender Polizeidirektor Ludwig Härtl über die Versetzung an den Standort in Sulzbach-Rosenberg

Sulzbach-Rosenberg als "Krönung"

Dann kommt der Wechsel als Dozent an die Polizeifachhochschule in Sulzbach-Rosenberg. Neun Jahre lang, bis 2016, lernt Härtl den Studienort kennen und pendelt täglich zu seiner Frau und den Kindern an den Wohnort nach Marktredwitz.

Die Beförderung zum Abteilungsführer der III. Bereitschaftspolizeiabteilung (BPA) führt den Beamten nach Würzburg, eher er im März 2018 erneut nach Sulzbach-Rosenberg versetzt wird. Diesmal kommt Härtl nicht als Dozent, sondern übernimmt als Leitender Polizeidirektor die Führung der VII. BPA. "Das war die Krönung meiner Laufbahn und schon auch ein Stück weit Heimatrückkehr", beschreibt er seine beiden letzten Jahre als BePo-Chef. "Die VII. Abteilung ist der größte Ausbildungsstandort der Bereitschaftspolizei in Bayern und zugleich die größte Polizeidienststelle bayernweit." Zusammen mit der Außenstelle Nabburg ist der Marktredwitzer Chef von knapp 1600 Beschäftigten und Polizisten.

Engagement für Standort Nabburg

"Dieser Job war eine große Herausforderung. Zeitgleich mit mir ist damals ein komplettes Ausbildungsseminar in Nabburg mit 200 Polizisten neu aus dem Boden gestampft worden." Die Außenstelle ist überbelegt und wächst nicht schnell genug. Härtl ist im Kontakt mit Bürgermeistern, Landräten und Abgeordneten. Er setzt sich ein für den Neubau von Krafträumen, Sportanlagen und einem Schwimmbad. "Ich habe viele Gespräche geführt und versucht, den Standort Nabburg zukunftssicher zu machen. Aber es ist letztlich immer eine Frage des Geldes."

Härtl bereut seine Berufswahl nicht. "Meine Zeit war unendlich spannend und erlebnisreich." Der Abteilungsführer sagt: "Ich kann auch jungen Menschen mit bestem Wissen empfehlen, zur Polizei zu gehen. Es gibt keinen spannenderen und facettenreicheren Job. Aber, man muss leistungsfähig sein und sich rundum fordern wollen."

Auch wenn Härtl immer gerne das Annabergfest besucht hat - er freut sich auf den Ruhestand in Marktredwitz. "Ich gehe gerne wandern in den Bergen und habe nun Zeit für meine Hobbys. Ich werde in kein Loch fallen", sagt er und lacht.

Im Januar sorgte der geplanten Fahrübungsplatz der Bereitschaftspolizei für Schlagzeilen

Sulzbach-Rosenberg
Wegen der Coronakrise muss Leitender Polizeidirektor Ludwig Härtl auf eine große Verabschiedungszeremonie mit Innenminister Joachim Herrmann verzichten. Hier steht der Chef der VII. Bereitschaftspolizeiabteilung in Sulzbach-Rosenberg neben der Tafel mit dem Leitspruch der Polizei.

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