20.12.2020 - 12:35 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Sigrid-Maria Größing wuchs in Sulzbach-Rosenberg auf: Kindheit im Chaos als Rückschau

Sigrid-Maria Größing ist Historikerin und Autorin. Sie hat über 30 Bücher über die Habsburger geschrieben. In ihrem jüngsten Buch allerdings erzählt sie von ihrer eigenen Kindheit, und die erlebte sie zum Teil in Sulzbach-Rosenberg.

Erstkommunion in der Oberpfalz
von Helga KammProfil

Die „Salzburger Nachrichten“ schreiben über Sigrid-Maria Größing: „Sie weiß wohl mehr über die Habsburger als die Habsburger selber“. In der Tat hat sich die Autorin akribisch mit dieser Dynastie befasst und ist zu einer Expertin auf dem Gebiet geworden. Ihre Bücher mit Titeln wie „Habsburgs Kaiserinnen“, „Franz Joseph und seine Familie“, „Tragödien im Hause Habsburg“ oder „99 Fragen zu Kaiserin Sisi“ wurden Bestseller und in acht Sprachen übersetzt.

Dass man sie einmal „Königin der Geschichte(n)erzähler“ nennen würde, war dem kleinen Mädchen nicht in die Wiege gelegt, das als Sigrid-Maria Stöhr am 5. Juni 1939 in Sulzbach-Rosenberg zur Welt gekommen ist. Sie war die Tochter eines österreichischen Vaters und einer sudetendeutschen Mutter, hatte eine jüngere Schwester und verbrachte die Kriegs- und einige Nachkriegsjahre in der Provinzstadt in der Oberpfalz. Wie ihr Leben, das ihrer Spielkameraden und der Erwachsenen in dieser Zeit war, erzählt sie in ihrem Buch „Kindheit im Chaos“.

Grenzenlose Freiheit

„Mausi“, so wurde Größing als kleines Mädchen gerufen, lebte im ersten Stock des Hauses Gartenstraße 832. Dazu gehörte ein großer Hof, der für die Kinder der Straße zum Spielplatz wurde. „Wir genossen hier grenzenlose Freiheit“, schreibt die Autorin in ihrem Buch, denn die Mütter waren in den Kriegsjahren damit ausgelastet, trotz aller Mängel den Alltag irgendwie zu meistern und Lebensmittel zu organisieren. Die Menschheit bestand für die Kinder damals aus Frauen, Kindern und Soldaten. Väter gehörten nicht dazu, denn „der Vater ist im Krieg“, war eine Selbstverständlichkeit. Für Sigrid-Maria und ihre Schwester Richildis zählen zu den schönen Erinnerungen die Abende, an denen die Buben und Mädchen im Treppenhaus Abenteuergeschichten erfanden oder die im Haus lebende Großmutter im dürftigen Schein einer Karbidlampe erzählte und sang.

„Wir genossen hier grenzenlose Freiheit.“

Sigrid-Maria Größing in Erinnerung an ihre Kindheit in Sulzbach-Rosenberg während der Kriegsjahre.

Sigrid-Maria Größing in Erinnerung an ihre Kindheit in Sulzbach-Rosenberg während der Kriegsjahre.

Abenteuerlich war die Fahrt mit dem Leiterwagen in den Wald auf der Suche nach Brennmaterial – „Der Wald war wie ausgekehrt“ -, ebenso die Hamster-Radfahrten der Mutter nach Kriegsende in die umliegenden Dörfer. „Die Bauern waren die Könige: Ein Zobelpelz gegen ein Stück Butter, etwas Zucker und ein Kilo Fleisch“, weiß Größing aus den Erfahrungen ihrer Mutter zu berichten.

"Nürnberg brennt"

Natürlich erlebten die Kinder auch die Schattenseiten dieser Jahre, vor allem in den letzten Kriegstagen im April 1945: den nächtlichen Fliegeralarm und die Flucht in den Keller, der Angriff der Tiefflieger am helllichten Tag, den Mangel an Essen. „Als wir eines Nachts nach der Entwarnung aus dem Kohlenkeller ins Freie kamen, war der Himmel im Westen glühend rot. Die Erwachsenen flüsterten: Nürnberg brennt“. Eine schreckliche Wahrnehmung für viele Menschen in der Stadt.

Die Autorin berichtet von der Einquartierung amerikanischer Soldaten, die die elterliche Wohnung verwüstet haben, sie beschreibt die Mühen ihrer Mutter, ein auf Holz gemaltes Hitlerbild zu zerhacken und zu verbrennen und sie erinnert sich ungern an ihre albtraumhaften Gastspiele in zunächst einem Kindergarten der Nazis und später im Klosterkindergarten. Ein langer Fußmarsch durch die Altstadt, das Geschrei von mehr als siebzig Kindern, ein gelber Sandhaufen und leere Konservendosen zum Sand schaufeln. „Aber immerhin gab es eine „Ausspeisung“, die später zur Schulspeisung wurde“, erinnert sie sich, „Haferbrei oder Erbsensuppe, was erstaunlich gut schmeckte“. Die Verpflegung der Familie wurde besser, als Größings Mutter in Iber als Volksschullehrerin unterrichten konnte. Da gab es von den Bauern ab und zu allerlei Köstlichkeiten, man wollte es wohl im Hinblick auf die Beurteilung der Sprösslinge mit der Frau Lehrerin nicht verscherzen.

An der Universität Wien

Als Größings Vater aus englischer Gefangenschaft zurück kam, übersiedelte die Familie im Herbst 1948 an seinen neuen Wirkungsort nach Niederbayern. „Damit begann für mich ein völlig neues Leben“, beschreibt die Autorin diesen weiteren Lebensabschnitt. Sie studiert in späteren Jahren Germanistik und Geschichte an der Universität Wien und arbeitet als Gymnasiallehrerin in Salzburg und Vaterstetten bei München. 1961 heiratet sie Stefan Größing, bekommt die Kinder Nikolaus und Gudrun und gibt ihre Lehrtätigkeit auf. Nach diversen Artikeln für Zeitungen und Zeitschriften entstehen einige Bücher für Österreich-Freunde, 1990 ihr erster Band über die Habsburger. Seit 1981 lebt und arbeitet sie in Großgmain bei Salzburg. Sie wurde vielfach ausgezeichnet: Vom Land Salzburg, der Republik Österreich und der Gemeinde Großgmain.

Kontakt mit Ingomar Fraas

Die Erinnerungen an die „Kindheit im Chaos“ teilen mit Sigrid-Maria Größing einige ihrer damaligen Spielkameraden, die sie im Buch erwähnt und auch in einem alten Foto abgebildet hat. Einer davon ist Ingomar Fraas, der mit seiner einstigen Kinder-Freundin über die Jahre hinweg Kontakt gehalten und sie laut Größing „an Dinge unserer gemeinsamen Tage erinnert hat, die dann aus dem Dunkel der Vergangenheit auftauchten“.

Bei mehreren Besuchen der Autorin in Sulzbach-Rosenberg haben sich beide in den vergangenen Jahren getroffen. Auch heuer sollte das so bei einem Treffen sein, die Corona-Pandemie aber hat diese Pläne zunichte gemacht.

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"Kindheit im Chaos - Erzählungen"

Das Buch „Kindheit im Chaos – Erzählungen“ von Sigrid-Maria Größing ist erschienen im Verlag Edition Tandem, Salzburg, ISBN 978-3-904068-18-5, Preis: 17 Euro.

 

 

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