31.03.2021 - 10:36 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Spagat zwischen Ökologie und Sicherheit: Frühjahrskur für 350-jährige Prachtbäume in Sulzbach

Sie bilden einen Lebensraum für Vögel und Insekten, filtern Abgase aus der Luft und sind ein historisches Denkmal: Die Alleebäume aus dem 17. Jahrhundert bekommen eine aufwendige Frühjahrsbehandlung – das ist mehr als Verkehrssicherung.

In schwindelerregender Höhe von bis zu 30 Metern sind professionelle Baumpfleger per Hubkran in den Kronen der Alleebäume unterwegs. Helfer stehen Im Haag am Hang und entfernen das abgesägte Totholz.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Besonders Autofahrer dürften nicht erfreut sein über die Arbeiten an den Sulzbacher Alleebäumen rund um die Altstadt: Die Straße Im Haag ist zeitweise abgesperrt, Parken Auf der Schanze tageweise nicht möglich. Seit vergangener Woche ist eine Spezialfirma aus Altdorf bei Nürnberg mit Pflege- und Sicherungsarbeiten an den Bäumen tätig. Weil über 200 Linden und Eichen bearbeitet werden müssen, sind die Experten auch nach Ostern noch im Einsatz – dann aber im Bereich der östlichen Allee.

Die letzte Baumpflege liegt laut Klaus Herbst, dem Leiter der Stadtgärtnerei, bereits sechs Jahre zurück. Dementsprechend viel gibt es zu tun. Auch Höhenangst sollte keiner der Arbeiter haben: Mit Hilfe eines Hubkrans, Motor- und Stangensägen kürzen die Experten in bis zu 30 Metern Höhe die Kronen der mächtigen Bäume ein, entfernen Totholz und montieren Verankerungen für Sicherungsseile. „Damit wird verhindert, dass der Ast ausbricht, wenn starker Wind aufkommt“, erklärt Christian Sommer. Der Baumkontrolleur der Stadtgärtnerei ist während der Arbeiten häufig vor Ort. Er kennt jeden Alleebaum und kümmert sich liebevoll um „seine“ Schützlinge.

Linden faulen ab 100 Jahren

Wer sich mit ihm unterhält, merkt schnell: Das ist auch nötig. Ursprünglich pflanzen ließ die Gewächse Herzog Christian August im 17. Jahrhundert. Darunter sind hauptsächlich Sommerlinden, aber auch Eichen, Eschen, Spitzahorn oder Rosskastanien. Teils 350 Jahre haben viele von ihnen inzwischen auf dem Buckel – natürlich geht das mit Alterserscheinungen einher. „Linden fangen ab 100 Jahren an zu faulen“, sagt Sommer. Deshalb werde regelmäßig eine Bohrwiderstandsmessung durchgeführt. „Wir bohren dabei mit einer Nadel in den Stamm. So sehen wir, wie dick die Restwandstärke noch ist.“

Wird der Baum innerlich mehr und mehr morsch, wird er aber nicht gleich umgelegt. „Es ist immer ein Spagat zwischen Ökologie und Verkehrssicherung. Wir sägen dann erst mal die Krone zu und entfernen abgestorbenes Holz, um den Stamm statisch zu entlasten.“ Mit solchen Hilfsmaßnahmen könnten die Bäume bis zu 1000 Jahre alte werden. „Wir versuchen sie so lange wie möglich am Leben zu erhalten“, beteuert Stadtgärtnerei-Chef Herbst.

Tödliche Brandkruste

Das sei gut so, denn die stattlichen Exemplare mit bis zu sieben Meter Stammdurchmesser stehen nicht nur seit den 1990er-Jahren unter Naturschutz, sondern sie sind auch die grüne Lunge der Sulzbacher Altstadt, ergänzt Sommer. „Die Bäume sind für das Klima in der Stadt sehr wichtig. Sie reinigen die Luft von Abgasen und befeuchten sie, binden Staub und dienen der Schattierung.“

Wenn Bäume manchmal aus Sicherheitsgründen doch gefällt werden müssen, liegt dies neben Fäule auch an Schädlingen oder Pilzen. Eine Pilzart, die Brandkruste, sei besonders gefährlich, informiert Sommer. „Das sind Pilzsporen, die werden über die Luft übertragen. Sie greifen den Baum über die Wurzeln an, das ist quasi unheilbar. Irgendwann muss er dann einfach weg.“

Der Lindenprachtkäfer wiederum gilt zwar als Schädling für Linden, er tötet den Baum aber nicht. Außerdem steht das Insekt selbst unter Schutz. „Wir gehen nicht gegen ihn vor, er macht den Baum auch nicht kaputt.“

Fledermäuse und Siebenschläfer

Wenn es möglich ist, lässt die Stadtgärtnerei abgestorbene Stämme stehen. „Stehendes Totholz hat einen großen ökologischen Nutzen“, weiß Klaus Herbst. In kurzer Zeit ziehen dort viele Tiere ein. „Totholz ist ein wertvoller Lebensraum, es bilden sich Habitatstrukturen wie Baumhöhlen für Vögel“, sagt er. Am Annabergweg stünden mehrere tote Stämme, in welchen es – paradoxerweise – vor Leben nur so wuselt. „Wir haben den Stamm oben mit einer Platte abgedeckt, damit der Innenraum nicht vom Regen ausgeschwemmt und zerstört wird. Der hohle Stamm bildet einen geschützten Lebensraum für Käfer und Insekten aller Art.“ Auch Fledermäuse und Siebenschläfer lebten in den Alleebäumen.

Wundheilung im Frühjahr

Bis zu zwei Mal pro Jahr werde jeder Baum im Stadtgebiet kontrollert. „Das ist unsere Pflichtaufgabe“, sagt Klaus Herbst. Beim Zuschneiden werde dabei immer mit Augenmaß vorgegangen, versichert er. Auch habe sich die Baumpflege im Laufe der Zeit durch neue Erkenntnisse verändert. „Früher hat man radikal zugeschnitten und die Bäume bei der Pflege geradezu verstümmelt.“ Wenn heute gesägt wird, seien das laut dem Gärtnerei-Leiter vielmehr „gehölzerhaltende Maßnahmen“. „Lieber viele kleine Schnitte als große radikale“, ist die Devise der Baumpfleger heute.

Zudem habe man früher bevorzugt im Winter zugeschnitten. Auch das sei falsch gewesen. „Man weiß heute, dass die Wundheilung der Bäume während der Wachstumsphase viel aktiver ist.“ Mit Beginn des Laubaustriebs wie jetzt im Frühjahr habe man einen guten Zeitpunkt.

Aushängeschild der Residenzstadt Sulzbach

Auch Baumkontrolleur Christian Sommer ist stolz auf die vielen Prachtexemplare der Stadt. „Wenn Sachverständige von außerhalb kommen, staunen die immer über die tolle Allee. Wir haben teilweise einen älteren Bestand als die Nürnberger Altstadt.“ Die Bäume seien deshalb nicht nur ökologisch wertvoll, sondern auch historisch und kulturell. „Eine solch imposante Allee zeugt von prachtvoller Vergangenheit. Man sieht daran, dass Sulzbach früher einmal eine reiche Residenzstadt war. Nicht jede Kommune konnte sich das leisten“, fügt Herbst hinzu.

Der alte Baumbestand müsse deshalb laut dem Gärtnerei-Chef wie alte, architektonisch wertvolle Gebäude gesehen werden. „Wie Prachthäuser sind die Bäume eigentlich lebendige Denkmäler. Sie sind ortsbildprägend und ein richtiges Aushängeschild.“

Info:

Baumpflege in der Allee

  • Wer? Stadtgärtnerei Sulzbach-Rosenberg und die Fachfirma Nürnberger Baumpflege aus Altdorf
  • Wann? Die Arbeiten dauern circa drei Wochen und dauern noch bis voraussichtlich 9. April.
  • Wo? Betroffen ist der Alleering um die Sulzbacher Altstadt (zuerst die westliche, nach Ostern die östliche Allee)
  • Was? Pflege- und Verkehrssicherungsmaßnahmen: Kronenpflege und -kürzung, Sicherungsseile und Verankerungen montieren, Totholz beseitigen, Häcksler-Arbeiten.
  • Baum-Infos: Circa 200 Alleebäume mit einem Alter von bis zu 350 Jahren, bis zu 30 Meter Höhe und sieben Meter Stammdurchmesser.
  • Baum-Arten: Linden, Eichen, Elsbeeren, Rosskastanien, Hainbuchen, Eschen, Spitzahorn

„Linden fangen ab 100 Jahren an zu faulen. Wir versuchen aber, sie so lange wie möglich zu erhalten.“

Christian Sommer, Baumkontrolleur der Stadtgärtnerei

Christian Sommer, Baumkontrolleur der Stadtgärtnerei

 

 

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