Sulzbach-Rosenberg
15.07.2026 - 10:13 Uhr

Sulzbach-Rosenberger in Rio: Fußballfieber zwischen Deutschland und Brasilien

Vor zwanzig Jahren wanderte Michael Biersack aus der Oberpfalz nach Brasilien aus. Der diesjährige Heimatbesuch fällt mit der Fußball-Weltmeisterschaft zusammen – und mit zwei gebrochenen Fußball-Herzen in der Brust des Oberpfälzers.

Immer, wenn Brasilien spielt, ist in Rio de Janeiro Feiertag. „Niemand geht zur Schule und niemand geht zur Arbeit“, das weiß Michael Biersack, der Mann aus Sulzbach-Rosenberg, der die Oberpfalz vor zwanzig Jahren der Liebe wegen verließ. Bunt geschmückte Straßen, Musik, Menschen, die schon lange vor Anpfiff auf dem Weg zu den großen Leinwänden der Bars und Restaurants in Rio de Janeiro sind – all das gehört dazu. In Brasilien, sagt Biersack, ist Fußball schon lange Zeit eine „Ersatzreligion“ und so tief in der Kultur verankert wie Samba.

Einmal im Jahr lässt der 59-Jährige seine Wahlheimat, das brasilianische Rio de Janeiro, hinter sich und stattet der Oberpfalz einen Besuch ab. In diesem Jahr fällt dieser Besuch mit der Fußball-Weltmeisterschaft zusammen. Die Fußballspiele verfolgt er beim Public-Viewing in Amberg oder spät abends vor dem heimischen Fernseher. Statt Sonne, Samba und inmitten gelb-grüner Flaggen sitzt der Designer bei der Weltmeisterschaft 2026 zwischen Deutschlandtrikots und Oberpfälzer Bier. Für Biersack ist das grundsätzlich nicht tragisch: In der Brust des begeisterten Fußballfans schlagen zwei Herzen – dennoch: „Bei der WM fiebere ich aber in allererster Linie für Deutschland“, so Biersack.

Brasilien-Fans: Mehr Lebensfreude

Trotzdem werde die Fußballbegeisterung der beiden Länder unterschiedlich ausgelebt. Worin sich Brasilien und Deutschland dabei am meisten unterscheiden? „In der Lebensfreude“, weiß der Architekt. „Die Deutschen saßen da halt, aber es kam keine Stimmung auf. Alle saßen nur die ganze Zeit und haben geguckt. In Brasilien wird getrommelt, gesungen, geklatscht, geschrien. Es ist eine ungebändigte Lebensfreude“, so Biersack.

Was die Leidenschaft der Brasilianer angehe, da könne man in Deutschland kaum mithalten. Und auch in Sachen Veranstaltungsorte muss Sulzbach-Rosenberg wohl einstecken: Public-Viewing am Strand mit Tausenden Zuschauern – das ist in Brasilien normal.

Enttäuschung in Brasilien

Eine Fußballbegeisterung, von der sich Biersack gern anstecken lässt. Schon sein Vater sei begeisterter Club-Fan gewesen. Auch er selbst habe in seiner Jugend Fußball gespielt, und auch sein Sohn habe sich in Brasilien für den Fußball begeistern können. Umso bitterer, dass seine beiden Herzensmannschaften, Deutschland und Brasilien, es bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft nicht sonderlich weit brachten. Nach dem WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft im Sechzehntelfinale gegen Paraguay habe er den Brasilianern die Daumen gedrückt, doch auch diese hätten nicht abliefern können – nach dem Achtelfinale gegen Norwegen sei auch für sie Schluss gewesen.

Eine Enttäuschung, die aber nicht unerwartet zu kommen scheint. Ob die Fußballbegeisterung Rios in bittere Enttäuschung kippt? Dass er nach seinem Heimatbesuch in eine Stadt voller Trübsal zurückkehren wird, glaubt Michael Biersack nicht. „Ich glaube, inzwischen ist man schon wieder zum Tagesgeschäft übergegangen. Dass da noch eine Euphorie und eine Traurigkeit zu spüren wäre, glaube ich nicht mehr. Man hat sie stärker erwartet. Man hofft natürlich immer als Brasilianer. Man hofft auf den sechsten Titel, aber ich meine, Brasilien hat schon in der Vorrunde nicht überzeugt.“

Fußball: Ein Politikum

Ohnehin sei der Fußball in Rio de Janeiro mittlerweile überschattet. So sehr Fußball einen kann, so sehr kann er spalten. Seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien sei die Kluft zwischen Arm und Reich und die Diskussion über soziale Gerechtigkeit eng mit dem Fußball verknüpft. „Ganze Stadtteile sind damals platt gemacht worden“, erinnert sich Biersack.

Für den Fußball und den Zusammenhalt der Bevölkerung also könnte Brasilien den sechsten Titel in der Fußball-Weltmeisterschaft gebrauchen. In diesem Jahr aber soll daraus nichts werden. Weiterverfolgen will Biersack die Weltmeisterschaft auf jeden Fall – egal, ob aus dem oberpfälzischen Sulzbach-Rosenberg oder dem brasilianischen Rio de Janeiro.

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