13.08.2021 - 15:27 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Samba, Karneval – und Corona: Auswanderer aus Brasilien zu Besuch in Sulzbach-Rosenberg

Der Sulzbach-Rosenberger Architekt Michael Biersack lebt seit 15 Jahren in Rio de Janeiro. Sein Jugendfreund Armin Kraus berichtet über den Auswanderer, die dortige Corona-Katastrophe und warum er selbst die Oberpfalz nie verlassen würde.

Der Wahl-Brasilianer Michael Biersack hat mit seine Frau Patricia (Zweiter und Dritte von links) seinen alten Jugendfreund Armin Kraus (rechts) in Sulzbach-Rosenberg besucht: Eine Oberpfälzer Brotzeit und ein Sperber-Bier waren für die Gäste aus Südamerika kulinarische Pflicht. Mit am Tisch: Tamara Kraus und ihr Freund Johannes Müller.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Armin Kraus und Michael Biersack aus Sulzbach-Rosenberg kennen sich von klein auf. „Wir sind gemeinsam in der Bühlgasse aufgewachsen, haben unsere Jugend dort verbracht, waren bei den Pfadfindern“, berichtet Kraus. Doch der studierte Designer Biersack verliebt sich beim Arbeiten in Köln in seine spätere Frau Patricia. 2006 wandert der Sulzbacher mit der gebürtigen Brasilianerin nach Rio de Janeiro aus. Der Kontakt in die Heimat aber ist nie abgebrochen. Armin Kraus berichtet über den sechswöchigen Besuch des Wahl-Brasilianers und seine eigenen Eindrücke von der Copacabana.

„Der Michl und seine Patricia waren, auch wegen Corona, schon seit drei Jahren nicht mehr hier. Sie mussten nach der Einreise erst mal zwei Wochen in Quarantäne“, erzählt Kraus. Weil Präsident Bolsonaro das Virus nicht ernst nimmt, ist die Pandemie in Brasilien außer Kontrolle, über eine halbe Million Menschen sind dort bereits an dem Virus gestorben. „Sie hatten im April selbst Corona und sind wieder genesen. Deshalb haben sie die Chance genutzt und sich in Deutschland gleich impfen lassen. In Brasilien läuft die Impfkampagne nämlich gerade erst stockend an.“ Die Biersacks seien geschockt von der Corona-Politik des populistischen Präsidenten. In Rio hätte das Paar das gemeinsame Haus wegen der Zustände wochenlang nicht verlassen können.

Bei seinem ersten Besuch in Südamerika im Februar vergangenen Jahres hat Armin Kraus mit seiner Frau Karin und Tochter Tamara die brasilianische Hauptstadt noch voller Lebenslust erlebt. „Es war beeindruckend. Die Menschen dort haben eine enorme Offenheit und sind herzlich. Sie leben ganz locker in den Tag hinein, die Mentalität, das Temperament ist anders als in Deutschland. Und es ist ständig schönes Wetter, wir hatten 30 Grad.“

Blick von der Loft auf den Zuckerhut

Die Sulzbach-Rosenberger übernachteten im Haus der Biersacks. „Es ist eine hammergeile Loft in Santa Teresa (auf einem Hügel gelegener, zentraler Stadtteil von Rio de Janeiro, Anm.d.R.), gebaut an einen Steilhang, mit Pool im Garten, Atelier und Ferienwohnung. Von dort blickt man auf die Wahrzeichen der Stadt, auf den Zuckerhut und die riesige Christus-Statue.“ Michael Biersack entwerfe dort Möbel, seine Frau Patricia Kunstobjekte. „Beide sind Designer und verkaufen ihre Produkte international.“

Der Auswanderer habe seinen Freunden aus der Oberpfalz ein unvergessliches Wiedersehen bereitet. „Michl konnte uns Gebiete zeigen, in die hätten wir uns allein nie getraut.“ Der Kontrast zwischen arm und reich, zwischen noblen Stadtteilen und den Favelas genannten Slums habe sich eingebrannt. „Doch gerade die Armen sind unglaublich gastfreundlich und nett“, erinnert sich Armin Kraus.

Obwohl sein Freund Michael Biersack inzwischen fließend portugiesisch spreche, habe er den Oberpfälzer Zungenschlag nicht abgelegt. „Es war einfach toll, am anderen Ende der Welt in Rio de Janeiro zu landen und dann begrüßt dich da jemand im Oberpfälzer Dialekt“, sagt Kraus und lacht. „Da fühlst du dich sofort heimisch.“

Und dennoch steht für den Systembetreuer bei Siemens in Amberg fest: Auswandern und es seinem Freund gleichtun kommt für ihn nicht infrage: „Mir ist die Oberpfalz mit ihren Kirwan, unseren schönen Biergärten doch deutlich lieber.“ Als Vorsitzender des Sulzbach-Rosenberger Bergknappenvereins und langjähriger Georgs-Pfadfinder sei er auch sehr heimatverbunden und in der Stadt verwurzelt.

Fuchsbeck-Bier und Braten

Umso mehr freute er sich, Michael und Patricia Biersack für den Gegenbesuch einige Wochen in Sulzbach-Rosenberg begrüßen zu können. „Michaels Eltern leben noch in der Bühlgasse, auch sein Bruder ist hier“, berichtet Kraus. Klar, dass bei der heiß ersehnten Zusammenkunft kulinarische Schmankerla aus der Region nicht fehlen durften und eine deftige Brotzeit serviert wurde. „Michl trinkt immer gerne ein Weizen vom Fuchsbeck oder Sperber.“ Und auch in Brasilien soll er der Oberpfälzer Küche treu geblieben sein. „Er kocht dort oft bayerisch, zum Beispiel Schweinebraten, oder macht selber Obazda, und kauft vor allem bei deutschen Bäckern und Metzgern ein.“ Es gebe dort eine größere Gemeinschaft deutscher Auswanderer, das entsprechende Angebot sei deshalb vorhanden.

Anfang der Woche sind Michael und Patricia Biersack wieder in ihre Wahlheimat zurückgekehrt – und damit auch in ein Land, welches das Robert-Koch-Institut als Virusvariantengebiet einstuft. Kraus macht sich deshalb Sorgen und hofft, dass die Auswanderer bald ihre zweite Impfdosis erhalten, um von der dort grassierenden Mutante P1 verschont zu bleiben. „Im Februar 2020 waren wir selbst noch ganz unbeschwert dort, kurz darauf ist Corona ausgebrochen. Wir haben schlimme Bilder im Fernsehen von einer menschenleeren Christusstatue und von Massengräbern gesehen.“

Aus Sydney und Australien haben zwei Freunde in Sulzbach wieder zusammengefunden

Sulzbach-Rosenberg
Info:

Corona-Situation in Brasilien

  • Das Robert-Koch-Institut (RKI) stuft Brasilien als Virusvariantengebiet ein. Das Auswärtige Amt warnt vor nicht notwendigen, touristischen Reisen in das Land.
  • Brasilien ist von der Corona-Pandemie besonders stark betroffen. Die Mutation P.1 des Coronavirus hat dort ihren Ursprung.
  • Laut Weltgesundheitsorganisation sind in Brasilien bereits 565.000 Menschen in Zusammenhang mit Corona gestorben. Täglich kommen circa 2000 weitere Todesopfer hinzu. Hält diese Entwicklung an, wird das südamerikanische Land schon bald die meisten Corona-Toten weltweit zu beklagen haben (USA momentan circa 630.000, Indien circa 430.000)

 

 

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