An den Türstöcken hängen meterlange Spinnweben. Im ehemaligen Stellwerk hat irgendjemand alte Fahrräder entsorgt. Der Boden bietet mit Löchern und morschen Holzlatten etliche Stolperfallen. Und in den veralteten Sanitäranlagen stinkt es gewaltig, die Fliesen sind herausgebrochen, und es stehen leere Bierflaschen umher. Der Rundgang durch das 139 Jahre alte Sulzbacher Bahnhofsgebäude gleicht einer Tour an einem Lost-Place.
Auf diese Tour haben sich die Mitglieder des Bauausschusses begeben. Angeregt von Stefan Thar. Der FWU-Stadtrat hat nämlich um eine Besichtigungsmöglichkeit des Altbaus gebeten. Und er hat sie bewilligt bekommen. Doch was er beim Rundgang mit Bürgermeister Michael Göth, Hans-Jürgen Strehl vom Liegenschaftsamt und anderen Stadtrats-Kollegen gesehen hat, lässt ihn verdutzt zurück. Er unterstellt der Stadtverwaltung Ideenlosigkeit und Zögerlichkeit. Dabei, seinen Unmut hierüber auszudrücken, nimmt er kein Blatt vor den Mund: „Ich finde es unglaublich, dass so ein repräsentatives Gebäude leer herumsteht und niemand weiß, was damit gemacht werden soll.“
Eine Wohnung für Monteure
Doch zuvor einige Hintergrund-Infos zur Immobilie. Auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien teilt das Liegenschaftsamt der Stadt mit, dass das Bahnhofsgebäude 1883 gebaut wurde. Seit 2015 gehört es der Stadt. Es hat drei Stockwerke: Im circa 300 Quadratmeter großen Erdgeschoss befinden sich die ehemalige Wartehalle sowie der Verkaufsraum, in dem bis Ende vergangenen Jahres das Reisebüro Richthammer einen Kiosk betrieben hat. Hinzu kommt an der Westseite ein Anbau – das frühere Stellwerk. Die beiden Obergeschosse zusammen haben ebenfalls 300 Quadratmeter Fläche. Dort gibt es vier Wohnungen. Eine ist momentan an Monteure vermietet, die restlichen stehen leer und werden teils als Lagerraum genutzt.
Verkauf an Rinkenburger geplatzt
So weit, so gut. Unklar ist jedoch die künftige Nutzung des Altbaus. 2021 hat es bereits den Versuch eines Verkaufs an Storg-Investor Thilo Rinkenburger gegeben. „Herr Rinkenburger ist auf die Stadt zugekommen, da er ein Konzept für den Bahnhof hatte“, teilt das Liegenschaftsamt mit. Doch der Verkauf platzte. Die Verwaltung sei, so die Auskunft, zu der Ansicht gelangt, dass „es besser wäre“, den Bahnhof zu behalten. Sagt die Stadt. „Ich habe in der Stadtratssitzung Wind gemacht und mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass es ganz schlecht wäre, das Gebäude aus der Hand zu geben.“ Sagt Stefan Thar.
36 000 Euro haben angeblich als Verkaufssumme im Raum gestanden. Thar, der als Diplomingenieur und Raumgestalter mit seiner Firma Biokonstrukt durch das Sanieren von Altbauten sein Geld verdient, spricht angesichts dieser Summe von „verschachern“.
Unabhängig von einem langfristigen Nutzungskonzept plädiert Thar dafür, in den Wohnungen Flüchtlinge unterzubringen. „Ich kann nicht verstehen, dass ein paar Meter weiter in der Turnhalle die Flüchtlinge in einer Notunterkunft sitzen und im Bahnhof der Wohnraum leersteht.“ Die Stadt wiederum ist der Ansicht, dass es sich FWU-Politiker Thar mit diesem Vorschlag zu leicht mache.
Rohrbrüche im Winter
Die „Räumlichkeiten im Bahnhof sind in einem schlechten Zustand und aktuell nicht nutzbar. Das Gebäude verfügt auch nicht über eine ausreichende Heizmöglichkeit“, antwortet das Liegenschaftsamt. Das ganze Haus sei „stark sanierungsbedürftig“. Elektrik, Heizung und Sanitäranlagen müssten „umfassend“ instandgesetzt werden. Im Winter habe es wegen der Kälte zwei Rohrbrüche gegeben, auch das Dach war undicht. Diese Defekte seien aber behoben worden.
Zudem, führt die Verwaltung an, müsse bei kommunalen Baumaßnahmen das Vergaberecht eingehalten werden. Fazit: „Eine schnelle und kostengünstige Sanierung zur Unterbringung von Flüchtlingen ist daher dort momentan leider nicht möglich.“
Fehlt der Stadt der Wille?
Thars Meinung dazu? „Der Macher findet Wege, der Zweifler findet Gründe“, sagt er lakonisch. Der Stadtrat streitet zwar nicht ab, dass der Bahnhof baufällig ist, aber: „Die Räume sind an sich nutzbar. Gerade im Sommer kann man da ohne Probleme mit einer Elektroheizung für Wärme sorgen. Und wir haben einen Bauhof, da sind Profis angestellt, die so was reparieren können. Eine neue Kloschüssel, ein Eimer Farbe, damit lässt sich viel erreichen. Bei der Stadt fehlt einfach der Wille, etwas zu bewegen.“ Sulzbach-Rosenberg solle sich ein Beispiel an Hersbruck nehmen – dort sei ein ebenfalls baufälliger Bahnhof für Flüchtlinge instandgesetzt worden.
Im März habe er selbst gemeinsam mit vielen Helfern ein baufälliges Haus in Rosenberg (Anbau der „Homerie“) für Flüchtlinge bewohnbar gemacht. Gemünzt auf den Bahnhof, findet er: „Die Stadt müsste das Gebäude nur öffnen. Da fänden sich bestimmt freiwillige Helfer, die würden das für Flüchtlinge herrichten. Für das Waldbad sind acht Millionen Euro da, aber für eine solche Kleinigkeit fehlt offenbar jeder Euro.“
Kiosk-Pläne noch aktuell
Dass sich die Stadt überhaupt keine Gedanken über eine mögliche künftige Nutzung gemacht hat, stimmt jedoch nicht. Langfristig könnten darin sowohl moderne Wohnungen entstehen, aber auch eine gewerbliche Nutzung sei möglich, sagte Stadtbaumeisterin Petra Schöllhorn beim Rundgang im Gebäude. Für die nahe Zukunft existieren auch Pläne: Im Erdgeschoss, das ist bereits beschlossen, baut die Bahn in die frühere Wartehalle ein Videoreisezentrum. Und: „Die Pläne für einen Kiosk am Bahnhof sind noch nicht endgültig gestorben“, teilt die Verwaltung mit. Das Liegenschaftsamt sei mit einem „potenziellen Interessenten“ im Kontakt.
Infos zum Bahnhofsgebäude
- Baujahr: 1883
- Größe: Erdgeschoss (mit Stellwerksanbau, ehemaliger Wartehalle und Kiosk) sowie zwei Obergeschosse; zusammen rund 700 Quadratmeter Fläche.
- Vier Wohnungen, davon eine an Monteure vermietet. Die restlichen drei stehen leer oder dienen als Lagerraum.
- Gebäude seit 1. Januar 2015 im Besitz der Stadt und seit April 2020 von "Bahnbetriebszwecken freigestellt". Das heißt, der Bahnhof ist keine Bahn-Betriebsanlage mehr, sondern unterliegt der kommunalen Bauleitplanung/Zuständigkeit.
- Aktueller Gebäude-Zustand: Laut Stadt "schlechter Gesamtzustand" und deshalb "stark sanierungsbedürftig" (insb. Elektrik, Heizung, Sanitär, Dach).






























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