31.10.2019 - 10:57 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Wie Theresia aus Sulzbach-Rosenberg eine Frau in den USA gerettet hat

Die Sulzbach-Rosenbergerin Theresia Kaspar ist mit einem Menschen in den USA ganz besonders verbunden: Sie hat vor knapp zehn Jahren das Leben von Eleni Pahno Yeonas gerettet. Mit einem "winzigen Aufwand", wie sie heute sagt.

Eleni, die an Blutkrebs erkrankt war, und Stammzellenspenderin Theresia haben sich kürzlich erst wieder in Griechenland getroffen.
von Stephanie Wilcke Kontakt Profil

Die mutige Pippi Langstrumpf oder Bibi Blocksberg mit den zauberhaften Kräften? Einen kurzen Moment guckt Theresia Kaspar aus Sulzbach Rosenberg irritiert, doch gleich macht sich ein Lächeln auf ihren Lippen breit. "Dann finde ich Pippi besser. Sie ist mutiger und schafft es, ganz ohne Zauberei gute Dinge zu bewirken."

Etwas Gutes hat auch die 34-Jährige in ihrem Leben bewirkt. Etwas sehr Gutes. Vor einigen Jahren hat sie einer US-Amerikanerin das Leben gerettet. "Die Geschichte ist unglaublich", beginnt Theresia zu erzählen. "Es ist faszinierend, mit welch winzigem Aufwand einem Schwerkranken Lebenszeit geschenkt werden kann." 2010 spendete die Sulzbach-Rosenbergerin Stammzellen.

Engagement für Frauen

Doch von vorn: Theresia engagiert sich gern für andere. Sie half einige Zeit lang Schutzbedürftigen, die in einem Frauenhaus untergekommen waren, wieder einen Fuß auf die Erde zu setzen, indem sie Behördengänge begleitete oder bei der Wohnungssuche unterstützte. Eines Tages fiel ihr ein Plakat der DKMS in die Augen. Die gemeinnützige Firma vermittelt Stammzellspenden an Patienten, die an Blutkrebs erkrankt sind.

Theresia recherchierte und bestellte sich sogleich ein Infopaket nach Hause. Enthalten sind darin auch Wattestäbchen, mit denen sich die junge Frau an den Wangeninnenseiten entlang fuhr. Den Abstrich schickte sie an ein Labor. Aus den Mundschleimhautzellen können die Experten sogenannte Gewebemerkmale bestimmen. Die DKMS nahm Theresias Informationen in ihre Datenbank auf. "Normalerweise hören viele Spender dann jahrelang nichts mehr", sagt Theresia.

Geringe Wahrscheinlichkeit

Doch bei ihr war das anders: Nach sechs Wochen flatterte ihr schon ein Brief ins Haus. Es stellte sich heraus, dass Theresias Gewebemerkmale bei einer an Blutkrebs erkrankten Person passen könnten. "Die Wahrscheinlichkeit, dass die Merkmale zueinander passen, ist sehr gering", weiß die Sulzbach-Rosenbergerin. "Man hört oft im eigenen Umfeld, dass Menschen bei einer Typisierung mitmachen, doch zur Spende kommt es eher selten." Laut der DKMS liegt die Wahrscheinlichkeit oft bei eins zu mehreren Millionen. "Man sucht quasi seinen genetischen Zwilling", erklärt Theresia.

Es folgten noch einige Untersuchungen, damit ausgeschlossen wurde, dass Theresia irgendwelche schwerwiegenden Krankheiten an der Lunge, Niere oder am Herzen hat. Der Spender muss gesund sein. Theresia war gesund - und geeignet.

Theresias Zwilling war eine etwa 50 Jahre alte Frau aus den USA, die drei Kinder hat. Mehr wusste die 34-Jährige zu diesem Zeitpunkt nicht. "Nach und nach wurde mir klar, dass nur ich diese fremde Person retten kann", sagt sie. "Es ist faszinierend, wozu die moderne Wissenschaft imstande ist und was sie möglich machen kann."

Theresia musste sich daraufhin einige Tage Spritzen in den Bauch setzen, um ihre Stammzellen aus dem Knochenmark ins Blut zu transportieren. Sie hätte dafür auch täglich zum Hausarzt gehen können, sagt die 34-Jährige. "Erst hatte ich etwas Angst." Doch sie tat es trotzdem.

In einem Nürnberger Krankenhaus wurde Theresia vier Stunden lang Blut abgezapft. Darin schwammen ihre wertvolle Stammzellen, die kurz darauf mit einem Boten in die USA gebracht wurden.

Diese Art der Vorbereitung funktioniert laut der DKMS bei rund 80 Prozent der Fälle. Eine Operation mit einem stationären Aufenthalt ist eher selten notwendig. Theresia hätte sich dem Eingriff, bei dem die Stammzellen aus dem Knochenmark des Hüftknochens entnommen wird, jedoch auch gestellt. "Stell dir vor, dass der Erkrankte ein Familienmitglied ist, und nur ein Fremder könnte dem geliebten Menschen helfen."

Immunsystem komplett zerstört

Zeitgleich bereitete sich die Frau auf der anderen Seite des Atlantiks auf die Spende vor. "Ihr komplettes Immunsystem wurde abgetötet", sagt Theresia. Die Frau saß völlig isoliert von der Außenwelt in Quarantäne im Krankenhaus. Die DKMS schreibt dazu nüchtern auf ihrer Webseite: "Ab diesem Zeitpunkt kann der Patient ohne nachfolgende Übertragung Ihrer Stammzellen nicht überleben." Man komme nicht auf die Idee, kurzfristig zu kneifen. "Das wäre ihr Todesurteil gewesen", sagt Theresia.

Vier Stunden lang wurde Theresia anschließend in einem Nürnberger Klinikum Blut abgenommen. Darin schwimmen die Stammzellen und werden in einen Beutel aufgefangen. "Am Ende bleibt eine durchsichtige Flüssigkeit."

Gleich nach der Spende brachte ein Bote die wertvolle Fracht in die USA. Dort wartete Eleni Pahno Yeonas, wie die Sulzbacherin heute weiß, darauf, Theresias "genetischer Zwilling" zu werden. "Das bedeutet auch, dass Eleni eine Hausstaub- und Katzenallergie von mir übertragen bekommen hat", erzählt sie lachend.

Schwierigste Zeit des Lebens

Bei Eleni wurde im Frühjahr 2006 das Non-Hodgkin-Lymphon, eine bösartige Erkrankung des Lymphatischen Systems, diagnostiziert. Sie erhielt zwar nach acht Monaten eine aggressive Chemotherapie, doch schon neun Monate später kehrte der Krebs wieder zurück. Auch eine neue Behandlungsmethode wurde an Eleni getestet - erneut ohne Erfolg. "Die einzige Option für mich, um zu überleben, war eine Stammzellen-Transplantation", schreibt die Mutter in einem Erfahrungsbericht später.

Elenis Bruder sei zunächst als Stammzellen-Spender vorgesehen gewesen. Er brachte acht von zehn Gewebemerkmalen mit. Doch die Experten suchten international nach einer Person, die alle zehn Merkmale hatte.

Was ist Blutkrebs?:

Die DKMS schreibt: Blutkrebs ist der Oberbegriff für bösartige Erkrankungen des Knochenmarks beziehungsweise des blutbildenden Systems, bei denen die normale Blutbildung durch die unkontrollierte Vermehrung von bösartigen Blutzellen gestört ist. Wegen dieser Krebszellen kann das Blut seine lebensnotwendigen Aufgaben nicht mehr ausführen, zum Beispiel Infektionen bekämpfen, Sauerstoff transportieren oder Blutungen stoppen. Blutkrebspatienten können die Krankheit häufig nur mithilfe einer Stammzellspende eines passenden Spenders besiegen. Bei Leukämie und malignen Lymphomen ist die Übertragung gesunder Stammzellen sogar die einzige Aussicht auf Heilung.

So bekam Eleni im September 2010 Theresias Stammzellen. "Nach knapp vier Jahren mit Chemotherapien, Scans, Nadeln, Operationen, Haarausfall, Übelkeit und Erbrechen dachte ich: Ich hätte das Schlimmste hinter mir. Doch ich hatte mich geirrt. Das Jahr um die Transplantation war die körperlich, emotional und psychisch schwierigste Zeit in meinem Leben", berichtet Eleni. Währenddessen saß Theresia in Deutschland und fragte sich: "Immer wieder habe ich darüber nachgedacht, was für ein Mensch die Empfängerin wohl ist."

Janina Papp leidet an einer seltenen Krankheit

Amberg

Elenis Körper nahm Theresias gesunde Stammzellen an. Die DKMS schreibt auf ihrer Webseite: "Wir können frühestens nach drei Monaten nach der Stammzellspende in der Transplantationsklinik Informationen über den Gesundheitszustand des Patienten erfragen." Theresia war neugierig, musste sich aber gedulden. "Die deutschen Richtlinien sehen vor, dass sich Spender und Patient erst zwei Jahre nach der Spende persönlich kennenlernen dürfen", steht da weiter. "Nach Ablauf der vorgesehenen Kontaktsperre können Spender und Patient sich auch direkt schreiben oder persönlich treffen - wiederum über die DKMS vermittelt, vorausgesetzt Sie und der Patient sind einverstanden. Unsere Erfahrung über die Jahre zeigt: Viele Spender und Patienten wollen einander kennenlernen."

Beide suchen Kontakt

So geschah es auch zwischen der Sulzbach-Rosenbergerin Theresia und Eleni. Schon im September 2011 bat Eleni darum, dass die Identität ihrer Spenderin in Deutschland preisgegeben wird. "Weil es ein internationaler Spender warund man in diesem Fall zwei Jahre warten muss, wurde das zunächst abgelehnt", erklärt die US-Amerikanerin. Genau ein Jahr später versuchte sie es erneut. "Theresia Kaspar - der für mich schönste Name der Welt", dachte sich die Empfängerin damals.

Auch auf der anderen Seite des Atlantiks kamen die Daten der US-Amerikanerin bei Theresia an. Sie zögerte aber noch. "Sie sollte den Kontakt zu mir suchen, sonst wäre ich mir aufdringlich vorgekommen." Eleni meldete sich nicht gleich, "weil es noch einige Fragen zu meiner Gesundheit zu klären gab. Ich wollte, dass sie von mir den besten Gesundheitszustand erfährt, den ich ihr geben kann." Also tauchte erst im Januar 2014 eine Mail in Theresias Postfach auf. "Sie antwortete direkt am nächsten Tag", erinnert sich Eleni.

Beide waren neugierig aufeinander. "Ich bin dankbar, in jeder Minute, an jedem Tag, allen, die mir mehr Zeit in diesem Leben mit meiner Familie und meinen Freunden geschenkt haben", sagt Eleni. Diesen Menschen muss man doch einfach persönlich kennenlernen.

Besuch in Griechenland

Elenis familiäre Wurzeln liegen in Griechenland, weshalb sie mit ihren Lieben den Sommer jedes Jahr in der Heimat verbringt. Ende 2014 war es dann soweit: Theresia flog mit ihrem damaligen Freund nach Athen. "Es ist ein krasses Gefühl, dem Menschen gegenüberzustehen." Die beiden waren sich auf Anhieb sympathisch. "Eleni ist ein großartiger Mensch. Sie ist selbst sehr viel ehrenamtlich engagiert, gerade für benachteiligte Kinder." Noch weitere zwei Male stieg Theresia ins Flugzeug in Richtung Griechenland.

Mittlerweile kennt sie auch Elenis Heimatort Kalamata und den Rest der Familie. "Im Winter plant Eleni, mit ihren Kindern nach Sulzbach zu kommen", freut sich Theresia. Da möchte sie ihrem "Zwilling" die Weihnachtsmärkte in der Region zeigen. Dann können die beiden persönlich Elenis neunten Geburtstag nachfeiern. Denn seit 2010 hat die US-Amerikanerin zweimal im Jahr Grund zu feiern.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Aktuell und Wissenswert

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.