24.06.2021 - 17:04 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Ein Traum inspirierte Schriftsteller Steffen Kopetzky zum neuen Bestseller

Der Roman „Monschau“ ist frappierend, nicht nur was die Duplizität der Ereignisse betrifft. Am 3. Juli ist Steffen Kopetzky damit beim LiteraturSommerFest zu Gast. Der gute Draht zum Literaturarchiv besteht aber schon viel länger.

Schriftsteller Steffen Kopetzky kommt zum LiteraturSommerFest nach Sulzbach-Rosenberg.
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Von Anke Schäfer

ONETZ: Herr Kopetzky, obwohl Bayer von Geburt an, fühlen Sie sich offenkundig der Eifel und dem Rheinischen verbunden. Worin gründet diese Affinität?

Steffen Kopetzky: Von meinem ersten Besuch in Köln an habe ich mich dort wohlgefühlt - das Künstlerische, Spontane ist dort Teil der Stadtkultur und das hat gewiss meine Sympathien für das Rheinland überhaupt geprägt. Die benachbarte Eifel nun ist eine einzigartige Landschaft - von deren Geschichte ich mittlerweile ein wenig verstehe. Die wunderschöne Barockstadt Monschau kam nun noch hinzu - für mich ein Glück. Aber dort wo ich produktiv sein kann, fühle ich mich grundsätzlich wohl.

ONETZ: War es Zufall oder doch Plan, dass der Dermatologe Günter Stüttgen, der schon im Vorgänger-Roman „Propaganda“ eine wichtige Rolle spielt, so schnell wieder Ihren literarischen Weg gekreuzt hat?

Steffen Kopetzky: Es war der wie eine Notwendigkeit erscheinende Zufall - die Corona-Pandemie brachte mir die schon lange Zeit bekannte Geschichte der Variola-Epidemie wieder zu Bewusstsein. Ich begann zu recherchieren, führte Gespräche mit Zeitzeugen und bekam ein Gefühl für den Stoff. Und dann ist mir eines Nachts Günter Stüttgen im Traum erschienen und gab mir zu verstehen, dass ich das Wagnis eingehen solle.

ONETZ: Gastauftritte von Schriftsteller-Kollegen sind gute Tradition in Ihren Romanen. Was hat Sie diesmal auf Johannes Mario Simmel, den Bestseller-Garant schon länger vergangener Jahrzehnte, gebracht?

Steffen Kopetzky: Wer sich den Buchmarkt des Jahres 1962 anschaut, kommt an Simmel nicht vorbei, also habe ich mir seine Romane aus dieser Zeit besorgt und war verblüfft, wie viel handwerkliche Qualität man dort findet. Da er überdies ja Reporter für die Zeitschrift "Quick" war, die ja auch aus Monschau berichtete, lag es nahe, ihn persönlich auftreten zu lassen. Er war ein politisch engagierter Autor, der die Tabus seiner Zeit furchtlos angegangen ist. Genau der Richtige für mich. Und abgesehen davon - wann kommt man schon einmal in die Lage, Goethe und Simmel gleichzeitig zu wichtigen literarischen Referenzfiguren zu machen? Das hat mir gefallen.

ONETZ: Wenn man mit den frischen Erfahrungen der Corona-Zeit Ihre literarische Schilderung des Pockenausbruchs 1962 in Monschau liest, stellen sich schon die Nackenhaare auf. Wie haben Sie die Duplizität der Ereignisse empfunden?

Steffen Kopetzky: Als das Ur-Menschliche, das sich immer wieder zeigt. Es gab ähnliche Vorgänge, ähnliche Fehler, ähnliche Verleugnungen und ähnliche Lösungsversuche. Im Umgang mit solchen Krankheiten erscheinen immer wieder dieselben Muster. Und grundsätzlich gilt Helmut Schmidts Diktum: In der Krise zeigt sich der Charakter.

ONETZ: Hatten Sie keine Sorge, dass die Leserinnen und Leser so zeitnah vielleicht nicht gerne an die Entbehrungen und Zumutungen der letzten eineinhalb Jahre erinnert werden wollen?

Steffen Kopetzky: Ich habe darauf gesetzt, dass Leserinnen und Leser literarischer Romane der Aufklärung zuneigen und als solchen verstehe ich auch "Monschau" - der Spiegel des Geschehens in der Vergangenheit schafft Erleichterung durch Einsicht. Da hilft so ein Roman, die Reflexion einzuschalten und sich gleichzeitig zurückzulehnen und zu entspannen. Schließlich ist die Botschaft der Geschichte doch auch: Es wird enden. Wir werden das Virus unter Kontrolle bekommen.

ONETZ: Über Ihre vielschichtigen Figuren finden aber auch der Zweite Weltkrieg oder der lange Nazi-Schatten über der Wirtschaftswunderzeit Eingang in die Geschichte. Wie viel Zeit haben Sie im Vorfeld des Romans auf Recherche, Konzeption und die Suche nach den perfekten Anknüpfungspunkten verwendet?

Steffen Kopetzky: Es war ein fortlaufender Prozess, bei dem ich wirklich immer wieder glückliche Entdeckungen machen konnte. Es schien, als ob die Geister der Geschichte mich trugen - oder als ob der Roman eigentlich schon präformiert war, bevor ich anfing ihn zu schreiben. Das Traumgesicht Stüttgens hat mir also gut geraten, das Risiko einzugehen.

ONETZ: Bei aller Realitätsnähe Ihrer Geschichte– entwickeln die Protagonistinnen und Protagonisten im Laufe des Schreibprozesses auch ein Eigenleben, das Sie selbst überrascht?

Steffen Kopetzky: So würde ich es nicht unbedingt ausdrücken. Aber natürlich folgt man einer gewissen inneren Logik der Figur und kommt manchmal auf überraschende Wendungen. Doch deren Elemente stammen immer aus der eigenen Lebenserfahrung. Zumindest fühlt man sich ein. Aber die Entscheidung trifft das logische Ich des Autors.

ONETZ: Wer Sie jemals bei einer Lesung erlebt hat, weiß wie gut Sie Ihr Publikum auch jenseits der Buchdeckel unterhalten. Fällt die Umstellung von der langen Zwangspause auf Auftrittsmodus im Moment noch schwer oder fühlt es sich gleich wieder so an, als wäre nie Lockdown gewesen?

Steffen Kopetzky: Eine gute Frage - aber ich glaube, dass wir alle in dieser Zeit auf so vielen Ebenen neue Erfahrungen gemacht haben, Schmerzliches und Schlimmes, aber auch Tröstliches erlebt haben, dass wir andere geworden sind und uns deshalb auch noch gar nicht wieder genau kennen. Ich weiß jedenfalls, dass ich das Lesen vor Publikum nun noch kostbarer und schöner finde als früher. Und dass ich mich sehr darauf freue, nach Sulzbach-Rosenberg ans Literaturarchiv zu kommen, das ich in meinem achtzehnten Lebensjahr zum ersten Mal besucht habe und seitdem sehr schätze.

Hintergrund:

Person, Buch, Lesung

  • Steffen Kopetzky, geboren 1971, ist Autor von Romanen, Erzählungen, Hörspielen und Theaterstücken, und war zuletzt mit "Risiko" und "Propaganda" Gast im Literaturhaus Oberpfalz
  • "Monschau", Roman, 352 Seiten, gebunden,Verlag Rowohlt Berlin, 22 Euro
  • am Samstag, 3. Juli um 17 Uhr im Capitol liest Steffen Kopetzky im Rahmen des LiteraturSommerFestes in Sulzbach-Rosenberg, Veranstalter Literaturhaus Oberpfalz
  • Weiteres Programm LiteraturSommerFest: 13 Uhr Mitgliederversammlung des Literaturarchiv e.V., 15 Uhr "Landschaften-Denkräume im Kopf" Lesung und Gespräch mit Nico Bleutge und Anja Kampmann
  • Tickets 12 Euro, ermäßigt 10 Euro, Reservierung und Vorverkauf telefonisch 09661/8159590 oder per Mail info[at]literaturarchiv[dot]de

 

 

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