22.12.2019 - 14:34 Uhr
TännesbergOberpfalz

Fasten vor dem Festmahl

Adventszeit ist Plätzchenzeit? Eigentlich nicht, sagt Professor Thomas Schärtl-Trendel im Interview mit Oberpfalz-Medien. Im christlichen Sinne geht es um etwas anderes.

An Weihnachten feiern wir die Geburt Jesu, sagt Thomas Schärtl-Trendel, Dekan der Fakultät für Katholische Theologie an der Universität Regensburg.
von Wolfgang Fuchs Kontakt Profil

Weihnachten steht vor der Tür. Doch was bedeutet das eigentlich? Um was geht es beim Schenken? Und werden Menschen dem Weihnachtsgedanken gerecht, wenn sie nicht glauben? Der gebürtige Vohenstraußer Professor Thomas Schärtl-Trendel, Dekan der Fakultät für Katholische Theologie an der Universität Regensburg, gibt Antworten.

ONETZ: Herr Schärtl-Trendel, worum geht es an Weihnachten?

Thomas Schärtl-Trendel: An Weihnachten feiern wir die Geburt Jesu. Sein genaues Geburtsdatum ist nicht bekannt. Die russisch-orthodoxe Kirche feiert am 6. Januar, die westliche Christenheit am 25. Dezember. Der Dezemberzeitpunkt hat aber durchaus eine Bedeutung; es ist die Zeit der Sonnwende – die Tage werden wieder länger. Christlicherseits wird hier etwas Urtümliches neu gedeutet: Hier feiern wir eine Zeitenwende, die durch die Geburt Jesu eingeleitet wurde.

ONETZ: Zeitenwende? Was bedeutet das?

Thomas Schärtl-Trendel: Jesus verkörpert die Präsenz Gottes in der Welt – eines Gottes, der uns bedingungslos liebt. Jesus steht für Gottes unumkehrbare Vergebung, für Erlösung und Heil. Das ist – theologisch betrachtet – die Zeitenwende. In der christlichen Deutung ist Jesus die ultimative Zusage Gottes: Ich bin bei Euch. Jesus ist die Zäsur in einer Geschichte, die das Christentum als Zeit des Unheils, der Sünde und der Verstrickung deutet.

ONETZ: Ist Jesus ein Vorbild?

Thomas Schärtl-Trendel: Ja und nein. Er ist in unserem christlichen Verständnis vor allem Sohn Gottes. Damit sprengt er auch alle menschlichen Maßstäbe. Jesus hat eine provokative Kraft; er verkörpert die Hingabe an Menschen und an Gott. Das kann eine positive Provokation für uns werden, aber man kann sich das nicht wie einen Maßstab denken, den wir auch erreichen könnten.

ONETZ: Muss man religiös sein, um Weihnachten angemessen feiern zu können?

Thomas Schärtl-Trendel: Man wird dem Sinn des Festes nicht gerecht, wenn man den religiösen Blick komplett weglässt. Manchmal tut man so, als wäre Weihnachten nur das Fest der Liebe, der Freude, der Familie. Das ist zwar auch eine schöne Motivik, nimmt aber der religiösen Tiefenbedeutung seinen Sinn. Warum rücken denn Liebe, Familie und Freunde in den Blickpunkt – wenn nicht als Folgerung aus der eigentlich religiösen Dimension, die Gottes Liebe zelebriert. Wenn man das ignoriert, dann kann man schon fragen: Worauf bereiten wir uns eigentlich vor, wenn wir uns auf Weihnachten freuen?

ONETZ: Na dann: Worauf bereiten wir uns vor?

Thomas Schärtl-Trendel: Die Vorweihnachtszeit war eigentlich einmal als Fastenzeit ausgestaltet, in der man sich spirituell auf das Hochfest vorbereitet hat. Da konnte der Glanz von Weihnachten richtig leuchten. In Bayern gibt es aber auch noch starke Spuren einen sehr vitalen Volksfrömmigkeit: Bräuche zum Advent und zum Jahreswechsel, Posaunenchöre, Krippen, vielfältige Weihnachtssymbole – davon kann man sich gut auch in die religiöse Dimension dieses Festes hineinziehen lassen. Vielleicht ist angesichts der Kommerzialisierung und des permanent gegenwärtigen Konsumdrucks, aber auch angesichts der Verdichtung von Arbeitsbelastung gerade am Jahresende auch eine gewisse Entschleunigung hilfreich. Gerade das eigenartige Stillstehen aller Räder in der Zeit "zwischen den Jahren" hat einen eigenartigen Zauber.

ONETZ: Ist Schenken an Weihnachten wichtig?

Thomas Schärtl-Trendel: Ja. Schenken ist wichtig als Ausdruck von Liebe und Freundschaft. Aber Geschenke sollten etwas ausdrücken, das in einer Beziehung wirklich da und lebendig ist. Sie sollten daher besser keinen Mangel kompensieren oder gar ein Alibi sein. Die weihnachtliche Großherzigkeit, die sich im Schenken ausdrückt, ist – theologisch gesehen – eine Folge unserer Freude über die Präsenz Gottes, die in Jesus von Nazareth sichtbar und berührbar geworden ist. Nimmt man diesen Zusammenhang weg, dann wäre Weihnachten nur ein Geschenkeüberreichungsfest, das kalendarisch günstig liegt.

ONETZ: Welche Rolle spielt Kommerz?

Thomas Schärtl-Trendel: Liebe drückt sich im Schenken aus. Der Kommerz okkupiert solche Motive und macht sie auch ein wenig marode. Auch im Zusammenhang mit der Klimafrage ist das Schenken, das sich vom Kommerz ja alles Mögliche einflüstern lässt, nicht mehr ganz unschuldig. Wie man damit umgeht, ist jedoch eine allgemeine Frage ans Öko-Gewissen, die nicht nur Weihnachten betrifft.

ONETZ: Lässt sich dieses Problem umgehen?

Thomas Schärtl-Trendel: Ja. Die inzwischen schon längst bekannte Devise lautet: "Weg vom Materialismus." Man kann sich dem mit einer einfachen Frage nähern: "Was ist uns etwas wert? Wofür müssen wir wirklich einen Aufwand betreiben?" In meiner Familie und im Freundeskreis ist inzwischen Zeit das kostbarste Gut. Sich füreinander Zeit nehmen, Zeit verschenken, das bedeutet wirklich einen Aufwand.

ONETZ: Und Spenden?

Thomas Schärtl-Trendel: Es scheint statistisch tatsächlich erwiesen zu sein, dass Menschen an Weihnachten geben bereitwilliger an andere denken. Sie öffnen auch wegen Weihnachten ihre Herzen. Beim Schenken auch und gerade Notleidende einzubeziehen, das ist aber ein zutiefst christliches Konzept (das natürlich auch in unseren jüdischen und muslimischen Geschwisterreligionen einen starken Anhaltspunkt hat): Den Kreis der Beschenkten zu öffnen und mit seinem Mitleid über die eigene Sippe hinauszugehen – damit wird man einem Gott, der in sich Güte und Liebe verkörpert, am ehesten gerecht.

ONETZ: Ist Weihnachten nicht auch manchmal kitschig?

Thomas Schärtl-Trendel: Ich tue mich mit dem Ausdruck "Kitsch" sehr schwer, weil man nicht so recht sagen kann, was nun genau Kitsch ist. Ist Kitsch alles, was Gebrauchskunst sein will, den Kunstanspruch aber nicht erreicht. Oder ist Kitsch ein Label von Galeristen, die sich darüber ärgern, dass auch Supermärkte Kunstvolles verkaufen. Außerdem bin ich an dem Punkt ein ganz schlechter Ratgeber. Denn ich habe eine Schwäche für Kitsch. Mein Sohn und ich kaufen etwa immer wahnwitzige Dekoration für den Christbaum: Traktorglaskugeln, Tiere, Wichtel und sogar Micky Maus als Baumbehang.

ONETZ: Wie verbringen Sie Weihnachten?

Thomas Schärtl-Trendel: Klassisch. Wir besuchen den Gottesdienst; wir lesen die Weihnachtsgeschichte (und noch ein paar Weihnachtsmärchen), singen Weihnachtslieder und feiern Bescherung. Als Feiertagsessen gibt es (ganz traditionell) Geflügel.

ONETZ: Warum Geflügel?

Thomas Schärtl-Trendel: Früher galt Geflügel als eine seltene Leckerei, die man sich im Alltag nicht geleistet hat. Aber Weihnachten ist ein Hochfest und das Weihnachtsessen darf deshalb ein Festmahl sein.

Professor und Dekan:

Professor Thomas Schärtl-Trendel ist seit Oktober neuer Dekan der Fakultät für Katholische Theologie an der Universität Regensburg. Außerdem ist er Inhaber des Lehrstuhls für Philosophische Grundlagen der Theologie. Schärtl-Trendel kam in Vohenstrauß zur Welt, wuchs in Tännesberg auf und machte im Augustinus-Gymnasium in Weiden sein Abitur. Bereits in der Schulzeit interessierte er sich für Theologie und philosophische Grundfragen. Als Auslöser nennt er die Griechische Philologie und Religion – beides Leistungsfächer während seiner Schulzeit: "Ich interessierte mich für die großen Fragen: Was ist der Sinn des Lebens? Und vor allem auch die Gottesfrage, die mich seitdem begleitet." Nach der Schule studierte er Theologie und Philosophie in Regensburg und München. Mittlerweile wohnte er mit seiner Familie in Nürnberg.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.