16.12.2020 - 17:53 Uhr
TännesbergOberpfalz

Hecke und Baum gefällt: Bauherr in Tännesberg muss mit Ärger rechnen

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Ein Bauherr in Tännesberg hat auf einer Länge von rund 50 Metern eine Hecke und einen Baum am Rande seines Grundstücks entfernt. Das dürfte ihn nun teuer zu stehen kommen.

An dieser Böschung in der Kleinschwandner Straße in Tännesberg sind zumindest teilweise unrechtmäßig rund 50 Meter Heckengebüsch und ein Baum entfernt worden.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

Vor rund drei Wochen sind in der Kleinschwandner Straße in Tännesberg auf einer Länge von rund 50 Metern eine Haselnusshecke und eine laut Toni Wolf vom Bund Naturschutz 150 Jahre alte Eiche verschwunden. Das zieht nun für einen Bauherrn, an dessen Grundstück Gebüsch und Baum standen, Ärger nach sich. Der Bund Naturschutz (BN) hat sich in die Sache eingeschaltet, ebenso die Gemeinde, ein Gutachter und die Untere Naturschutzbehörde. Denn der Bauherr hat laut Bürgermeister Ludwig Gürtler aus Unwissenheit Hecke und Baum eigenmächtig entfernt – und das ausgerechnet in der mehrfach ausgezeichneten Biodiversitäts-Gemeinde Tännesberg.

BN fordert Ahndung

Laut Toni Wolf, BN-Mitglied und langjähriger BN-Vorsitzender in Tännesberg, war der Erhalt der Haselnusshecke eine "ausdrückliche Auflage der Baubehörde", um dort überhaupt Baurecht zu bekommen. Die Ortsgruppe fordert "Aufklärung und eine entsprechende Ahndung durch Marktgemeinde und Naturschutzbehörde" – auch wegen der Bedeutung eines solchen Heckenstreifens für die Biodiversität. "Das sind Landschaftselemente und Lebensbereiche, die durch die intensive Nutzung in der freien Natur sehr selten geworden sind. Wir haben in Tännesberg solche Strukturen noch und sind daran interessiert, sie zu erhalten", erläutert Wolf.

Hecken wie die abgeholzte seien ein "zoologisch und botanisch sehr wichtiger Lebensraum", zum Beispiel für die Pflanzengruppe der Geophyten, die im Frühjahr blühen und unter solchen Feldgehölzen wachsen. "Dazu gehört der Lerchensporn, eine wichtige Pflanze für Wildbienen und andere Insektenarten", so Wolf. Vögel wie die Heckenbraunelle und Rotkehlchen seien auf solche Gehölze spezialisiert, und besonders geschützte Zauneidechsen lebten in den Randbereichen. Ein Teil der Feldgehölze in Tännesberg sei kartiert, beim Rest sei eine Kartierung geplant. "Wir gehen davon aus, dass dabei viele neue Arten auftauchen, zum Beispiel die Haselmaus." Die Hecke in der Kleinschwandner Straße sei bisher allerdings noch nicht erfasst worden. Es gibt neben dem Naturschutz aber noch einen weiteren Grund, warum Hecke und Baum nicht hätten einfach abgeholzt werden dürfen.

Gutachter eingeschaltet

"Der Bauherr hat gesagt, er habe gedacht, Baum und Hecke seien auf seinem Grund, und hat sie außerhalb der Vegetationsphase entfernt. Er hat auch signalisiert, dass er wohl neu pflanzen würde", sagt Tännesbergs Bürgermeister Ludwig Gürtler. Bei einer ersten Inaugenscheinnahme vor Ort sei der Verdacht aufgekommen, dass zumindest Teile des entfernten Gehölzes auf Gemeindegrund standen. Deshalb sei der Bauhof angerückt, habe die Grenze zum Grundstück aber nicht eindeutig festlegen können. Auch auf Luftaufnahmen sei die Grenze nicht eindeutig zu erkennen gewesen, weil Gebüsch und Bäume sie verdeckten. Also habe das Vermessungsamt mithilfe von GPS-Daten eine Grenzaufdeckung vorgenommen. Das Ergebnis: "Ein Baum stand komplett auf Gemeindegrund. Von den Haselnusssträuchern standen Stöcke auf dem Grund des Bauherrn, aber teilweise auch auf Gemeindegrund." Daraufhin habe sich ein Gutachter die Lage angesehen und sei beauftragt worden, den entstandenen Schaden zu ermitteln. Er beurteile zum Beispiel das Alter des gefällten Baumes und die Restlebensdauer der Pflanzen.

"Seitens der Gemeinde geht formell alles den korrekten Gang. Wir werden dem Bauherrn den Schaden in Rechnung stellen und auch die damit verbundenen Kosten", kündigt der Bürgermeister an. Wie hoch die Kosten ausfallen, könne er nicht beziffern. "Bauhof, Grenzaufdeckung, Gutachter – da kommt schon einiges zusammen." Man sei eigentlich froh, wenn junge Menschen in Tännesberg bauen. Ausgerechnet in einer Gemeinde, die für Biodiversität steht, gebe so ein Vorfall aber natürlich kein so gutes Bild ab. Man könne aber auch nicht ausschließen, dass einmal etwas schiefläuft. Im privaten Bereich passiere es immer wieder, dass Menschen zum Beispiel Bäume absägen, obwohl sie kein Recht dazu haben. "Das haben wir auch schon in der Gemeinde gehabt", erinnert er sich.

Ordnungswidrigkeit?

Und was sagt die Untere Naturschutzbehörde zu dem Fall? "Der Markt Tännesberg hat die Untere Naturschutzbehörde im Landratsamt informiert. Derzeit dauert die Prüfung an, inwiefern es sich um eine Hecke in der freien Natur handelt oder gegen Auflagen der Baugenehmigung verstoßen wurde", schreibt Landratsamtssprecher Marcel Weidner auf Nachfrage. Da es sich um ein laufendes Verfahren handle, werde man weitere Fragen zu diesem Fall nicht beantworten. "Generell stellt eine Hecke in der freien Natur ein gesetzlich geschütztes Biotop dar, sodass eine erhebliche Beeinträchtigung des Bestands verboten ist. Ein Verstoß gegen den Biotopschutz kann als Ordnungswidrigkeit geahndet werden", so Weidner. Außerdem könne bei einem Verstoß grundsätzlich vom Verursacher eine Wiederherstellung gefordert werden.

Laut der BN-Ortsgruppe Tännesberg zeigt dieses Bild die gefällte Eiche in der Kleinschwandner Straße im Jahr 2014. Laut Toni Wolf war der Baum 150 Jahre alt.

Biodiversität in Tännesberg: Zusammenarbeit mit Bevölkerung angestrebt

Tännesberg
Hintergrund:

Biodiversitäts-Gemeinde Tännesberg

  • Der Markt Tännesberg ist seit 2014 die erste Biodiversitäts-Gemeinde Deutschlands. Hier wird zum ersten Mal die Biodiversitäts-Strategie im innerörtlichen Bereich umgesetzt.
  • Andere Kommunen können und sollen sich am Modellprojekt Natur.Vielfalt.Tännesberg orientieren. Deshalb hat die Marktgemeinde einen Leitfaden für biologische Vielfalt in Kommunen herausgegeben.
  • 2015 und 2017 wurde Tännesberg als UN-Dekadeprojekt ausgezeichnet. Die Vereinten Nationen haben das Jahrzehnt von 2011 bis 2020 als UN-Dekade Biologische Vielfalt ausgerufen. Die deutsche UN-Dekade möchte mehr Menschen für die Erhaltung der biologischen Vielfalt gewinnen. Ein Schwerpunkt ist die Auszeichnung vorbildlicher Projekte.
  • Das Biodiversitäts-Projekt in Tännesberg wird vom Bayerischen Naturschutzfonds und der Regierung der Oberpfalz gefördert. Träger sind der Markt Tännesberg sowie unter anderem der Bund Naturschutz. Die Träger übernehmen die Kofinanzierung und unterstützen bei Maßnahmen.

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