11.07.2021 - 22:33 Uhr
TännesbergOberpfalz

Mit der Natur im Bunde: Das Lebenswerk des Tännesbergers Toni Wolf

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Als Arten verschwanden und das Wasser immer saurer wurde, nahm die Gemeinde Tännesberg ihr Glück in die Hand. Heute ist sie die deutschlandweit erste Biodiversitätsgemeinde. Woher rührt der Wandel? Ein Ausflug mit Toni Wolf.

Toni Wolf in seinem Reich. Der bekennende Naturfreund hat neues Leben ins Tännesberger Kainzbachtal gebracht. Davon profitiert die Gemeinde im Landkreis Neustadt seit vielen Jahren.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Die Luft ist kühl, der Boden feucht. Es riecht nach Fichtenharz und Holz. Außer dem Schmatzen der Stiefel im sumpfigen Untergrund ist nichts zu hören. Im Kainzbachtal ist es heute ruhig. "Viele Tiere werden wir nicht zu Gesicht bekommen", sagt Toni Wolf und rückt seine getönte Brille zurecht. Das Wetter ist schuld an diesem Maitag 2021. Nieselregen und Sonnenschein wechseln im Halbstundentakt, kaum ein Tier wagt sich aus seinem Versteck. Das Kainzbachtal bei Tännesberg ist Wolfs Reich – und sein Werk. Er kennt hier jeden Baum und jeden Tümpel. In unserer Serie "Echt.Oberpfalz" stellen wir besondere Orte und herausragende Personen der nördlichen Oberpfalz vor, die nicht immer in der Öffentlichkeit stehen. Und der Startschuss fällt: in Tännesberg, bei Naturschützer Toni Wolf.

Ein Besuch in der Biodiversitätsgemeinde Tännesberg

Wolf, 71 Jahre, ergraute Haare, Schnurrbart, gewinnendes Lächeln, ist keiner der sich in den Mittelpunkt drängt. Der gelobt, gerühmt und ausgezeichnet werden will. Über 30 Jahre lang arbeitete der gebürtige Tännesberger für Naturschutzbehörden, zuerst im Landratsamt Neustadt, später in Tirschenreuth. Toni Wolf ist Naturfreund durch und durch, früher von Beruf, heute von Herzen. Die Liebe zu Tier und Pflanze "liegt in den Genen", sagt er. Als eines von sieben Geschwistern war er schon als Kind "mit dem Vater draußen unterwegs". Sein Vater, Förster von Beruf, zeigte den Kindern alles, was die Natur zu bieten hat, was Arten schützenswert macht. Was auf dem Spiel steht, wenn man sie vernachlässigt. Bei keinem der Geschwister ging die Saat derart auf wie bei Toni.

Plötzlich bückt er sich und setzt den Blick eines Kenners auf. Mit den Fingern pflückt er ein dunkles Tier aus den Grasbüscheln am Waldrand. "Eine schwarze Wegschnecke", erklärt er. "Die steht auch auf der Roten Liste." Soll heißen: Sie ist mindestens selten, wenn nicht sogar vom Aussterben bedroht. Wie so viele Arten, die hier um den Kainzbach im Osten der Marktgemeinde Tännesberg (Landkreis Neustadt) eine Heimat gefunden haben. Libellen aller Art, Kreuzottern, die Knoblauchkröte, Schwarzstörche, Fledermäuse, Schmetterlinge, sie alle schwirren, kriechen und flattern durch das Kainzbachtal, ungestört. Auf Moor- und Streuwiesen wachsen heute wieder seltene Orchideen neben alten Heilpflanzen wie der Arnika.

Plötzlich Modellgemeinde

Das über 60 Hektar große Gebiet ist ein Hauptgrund, warum Tännesberg – mit nur knapp 1500 Einwohnern – deutschlandweite Bekanntheit erlangt hat. Wegen ihres Engagements für den Artenschutz ist sie vom Bundesumweltministerium als Biodiversitätsgemeinde ausgezeichnet worden. Als erste Kommune in Deutschland. Seitdem dient Tännesberg als Modell für andere Gemeinden, die sich in Sachen Biodiversität auf einen ähnlichen Weg machen wollen. Mit Biodiversität ist die Vielfalt der Arten und des Lebens gemeint. Also auch der Schutz von Lebensräumen für Tiere und Pflanzen, die vom Aussterben bedroht sind. Wer nun wissen will, warum Tännesberg seit Jahrzehnten alles auf die Karte Biodiversität setzt, der landet unweigerlich wieder im Kainzbachtal. Und bei Toni Wolf.

"Etwas schaffen für Tännesberg und die Menschen", wolle er. In seinem Job bei der Neustädter Naturbehörde war Wolf in der idealen Position. In Tännesberg war Wolf zudem Vorsitzender der Ortsgruppe des Bund Naturschutz. "Ich habe das Potenzial in Tännesberg erkannt und wusste, wie wir an Fördergelder kommen." Es war Zeit anzupacken – vor allem am Kainzbach.

Um zu verstehen, welchen Wandel dieses weitläufige Gebiet mit dem markanten Bachlauf erlebt hat, lohnt ein Blick zurück. Bis in die 1950er-Jahre prägten offene Moor- und Wässerwiesen samt unschätzbarem Artenreichtum das Kainzbachtal. Die industrielle Land- und Forstwirtschaft veränderte alles. Fichten, hieß es damals, sind schnell wachsendes Nutzholz. Das Naturidyll wich bald einem dichten Fichtenwald. Die Folge: Viele heimische Tier- und Pflanzenarten waren ihres Lebensraumes beraubt und verschwanden aus dem Tal. Die Fichten ließen aber auch den Boden versauern und die Wasserqualität in Tännesberg nahm ab. Es musste sich etwas ändern. Toni Wolf sah seine Gelegenheit gekommen.

"Natur ist die Grundlage"

Mit Hilfe von Fördergeldern wurde das Tal ab 1995 renaturiert. Das heißt: Die ursprüngliche Natur- und Lebensvielfalt sollte wiederhergestellt werden. "Natur ist die Grundlage für alles", sagt Toni Wolf, während er über die Weiher und Wiesen im Tal schaut. "Es ist ein kleines Paradies." Neun bis zehn Millionen Euro an EU-Fördergeldern, auch zum Ankauf der Flächen, seien in das Projekt geflossen, schätzt Wolf.

Am Anfang waren die Tännesberger skeptisch. Lohnt sich der Aufwand? Was haben wir davon? "Das hat sich aber gewandelt", ist sich Wolf sicher. Heute ziehe der Ort mit. Es geht schließlich neben dem Aspekt Naturschutz auch um Wertschöpfung für den Ort. Touristen oder Tagesausflügler, die die Naturvielfalt anlockt, kaufen im Ort ein, essen zu Mittag oder nehmen sich ein Hotel. Wolf selbst führt regelmäßig Gruppen durch das Kainzbachtal. Freilich, sein Lebenswerk soll sich für den Ort lohnen, auch finanziell.

Urlaub bei den Rindern

Besonders bekannt bei Besuchern ist das Rote Höhenvieh, eine alte Rinderrasse, die über Jahrhunderte das Oberpfälzer Landleben geprägt hatte. Weil andere Rassen aber mehr Ertrag und Profit versprachen, verschwanden die Tiere größtenteils und sind in ihrem Bestand bedroht. In Tännesberg gibt es mittlerweile wieder Züchter, alle drei Herden weiden im Bereich des Kainzbachtals. Einer der Züchter ist Alois Schwarz. Drei Mal pro Tag schaut er bei seinen Rindern vorbei, für ihn ist das "ein reines Hobby. Andere fahren in den Urlaub, ich fahre zu meinen Rindern". Das Fleisch der Tiere ist extrem begehrt. Es gibt Wartelisten, ein Interessent bekommt seine Ware bis nach München geschickt. Selbst schlachten kann und will Alois Schwarz seine Tiere nicht. Aber er stellt sicher, "dass sie ein schönes Leben auf ihrer Weide verbringen, gell?", sagt er und streichelt die Schnauze von Mutterkuh Lisa. Großen Profit schöpft er aus der Herde nicht. Der Gedanke dahinter zählt. Artenschutz. Biodiversität.

Wie geht es weiter in Tännesberg? Artenschutz ist kein endlicher Prozess. Längst kümmert sich ein Trägerverein mit verschiedensten regionalen Partnern um das Projekt. Die Naturschutz-Ortsgruppe hat Wolf auch schon seinem Nachfolger übergeben. Er weiß natürlich, dass er nicht mehr das volle Pensum gehen kann, und will kürzertreten. Noch fühlt er sich aber fit genug, um sein Wissen und seine Energie weiterzugeben. Auf die Gene, so viel ist klar, kann sich Toni Wolf verlassen. Sein Enkel Moritz kommt ganz nach dem Opa. "Der ist drei und erkennt jetzt schon zehn Tagfalterarten." Mit etwas Glück gehen den Tännesbergern die Naturschützer auch in den kommenden Jahren nicht aus. "Man muss dranbleiben", mahnt Wolf. Bleibe der Naturschutz auf der Strecke, "dann werden die Aussichten für die zukünftigen Generationen nicht so gut sein".

"Artenvielfalt ist Grundlage unserer Existenz"

Neustadt an der Waldnaab
Das Tännesberger Rotvieh auf seiner Weide. Die alte Rinderrasse galt als nahezu ausgestorben. In Tännesberg gibt es mittlerweile wieder Herden. Und das Fleisch der Tiere ist heiß begehrt.
Hintergrund :

Biodiversitätsgemeinde Tännesberg

  • Für seine Projekte zum Erhalt der biologischen Vielfalt erhält Tännesberg 2014 als erster Ort Deutschlands vom Bundesumweltministerium den Titel "Biodiversitätsgemeinde".
  • 2015 wird Tännesberg als UN-Dekadenprojekt für biologische Vielfalt ausgezeichnet.
  • Als Modellgemeinde dient Tännesberg nun zehn Gemeinden in Bayern offiziell als Vorbild und Pate in Sachen Artenschutz (u.a. Ursensollen im Landkreis Amberg-Sulzbach).
  • Nächster Schritt: Nahe des Marktplatzes soll das "Haus der Biodiversität" entstehen. Neben der zentralen Verwaltung aller Projekte sind Ausstellungen, etwa für Schülergruppen, geplant.
echt.Oberpfalz:

Serie: Besondere Menschen und Orte in der Region

Was macht die Oberpfalz so einzigartig? - Dieser Frage gehen die Volontäre von Oberpfalz-Medien auf den Grund. Anlässlich des diesjährigen Dreifach-Jubiläums im Medienhaus wollen sie die Vielfalt der Region würdigen. Sie suchen für die Serie "echt. Oberpfalz" nach besonderen Menschen, kreativen Köpfen, bunten Hunden, außergewöhnlichen Vereinen oder verrückten Traditionen, die unsere Heimat so einzigartig machen. Die Volontäre fahren einmal quer durch die Oberpfalz und machen Halt an berühmten und auch vielleicht nicht so berühmten Orten. Den Auftakt macht die Biodiversitätsgemeinde Tännesberg. Und es sollen noch viele weitere Städte und Gemeinden folgen. Bei Ihnen gibt es auch etwas Besonderes und Einzigartiges in Ihrem Heimatort? Dann schreiben Sie uns an jubi[at]oberpfalzmedien[dot]de. Vielleicht schauen unsere Volontäre auch in Ihrer Heimat vorbei.

 

 

Kommentare

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Christa Vogl

Echt klasse Artikel!

13.07.2021