"Im Tempel der Natur"

Die Kalvarienbergkapelle am Kütschenrain hat ereignisreiche Jahre hinter sich. Baulich hat sich im Laufe der Zeit viel verändert, dafür ist etwas anderes stets gleich geblieben: Das Kirchlein zieht viele Gläubige an.

Umgeben von Bäumen steht die Kalvarienbergkapelle Kütschenain.
von Fritz FürkProfil

Seit 385 Jahren pilgern Gläubige aus nah und fern hinauf auf den Kütschenrain zur Kalvarienbergkapelle. Die Zahl der Betenden hat sich während der Corona-Zeit sogar erhöht. In einem Gästebuch, das in dem kleinen Gotteshaus aufliegt, ist unter anderem in englischer Sprache zu lesen: "Was für ein wunderbarer Ort. Hier bist du Gott so nahe, dass du ihn berühren kannst". Ein weiterer Eintrag lautet: "Ein wunderschöner Ort, um ihn sich zu kehren, Frieden zu finden und das Leben zu genießen. Danke Herr für diese einzigartigen Momente". An der Mutterhauskirche der Schulschwestern von Auerbach steht an der Apsis der Außenseite ein großes Kreuz. Auf dem Sockel ist in Stein folgender Text eingemeißelt. „Im schönen Tempel der Natur, siehst du des großen Schöpfers Spur. Doch willst du ihn noch größer sehn, bleib unter diesem Kreuze stehn“. Dieser Text kommt einem in den Sinn, wenn man die Anlage auf dem Kalvarienberg betritt. Der weite Blick, über Ortschaften und Wälder hinweg, lässt den Besucher die Schönheit unserer Heimat und die Vielfalt der Schöpfung in der ganzen Breite erkennen.

Betritt man die Kapelle, trifft der Blick unwillkürlich auf das Altarbild. Der Bamberger Künstler E. Stengele hat es im Jahre 1985 geschaffen, nachdem das ursprüngliche Altarbild bei einem sehr frevelhaften Diebstahl entwendet worden war. Der sterbende Heiland mit den weit ausgebreiteten durchbohrten Händen, sein geöffnetes ausgeblutetes Herz, den Kopf nach rechts geneigt und unter dem Kreuz drei Personen, die ihm auch in der Stunde des Todes die Treue gehalten haben: die Gottesmutter Maria, der Lieblingsjünger der heiligen Apostel und Evangelist Johannes sowie die Büßerin Maria von Magdala, die dem Herrn zu Füßen liegt. So klein war das Häuflein der Jünger geworden, dass Jesus in seiner Todesstunde, in seiner scheinbaren Gottverlassenheit in der Liebe verbunden waren. Der Künstler hat damit eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht, in welcher Hingabe und Geduld sich der Herr noch am Kreuz bis zum letzten Atemzug sich in der Liebe verzehrt hat.

Der Gekreuzigte in der Flasche

Kastl im Landkreis Amberg-Sulzbach

Biwak für Soldaten

Nicht immer zeigte sich dem Besucher, die Schönheit dieser Kapelle in der derzeitigen Verfassung. Nach dem Einbruch im Jahre 1969, bei dem neben dem Altarbild vor allem auch wertvolle Teile des Altars, die handgeschnitzte Kommunionbank und die kunstvoll gestalteten Wangen der Sitzbänke, gestohlen wurden, lag in der Mitte des Kirchleins ein nutzloser Haufen Holz, vergleichbar mit einem Scheiterhaufen und nur noch die Tafel über dem Altarbild mit der Aufschrift „Es ist vollbracht“ (das sechste Wort der sieben letzten Worte Jesu am Kreuz). Ab diesem Zeitpunkt diente die Kapelle auch den amerikanischen Soldaten bei ihren damaligen Manövern häufig als Winterbiwak.

Der damalige Kirchenpfleger Johann Dettenhöfer wagte im Jahre 1983 in Abstimmung mit dem Bauamt der Erzdiözese Bamberg das Projekt der Renovierung in drei Jahresschritten: 1983 Dachsanierung, 1984 Außensanierung (Trockenlegung und grundlegende Erneuerung des Sandsteinmauerwerks) und 1985 die Innenrenovierung. So entstand die Kapelle in der heutigen Gestalt und Schönheit. In einem festlichen Gottesdienst, dem Prälat Hans Wich als Vertreter des Erzbischofs vorstand, wurde am Sonntag, 23. Juni 1985, die Kapelle zum Abschluss der Renovierung gesegnet. Dabei wurde auch eine Kopie der päpstlichen Urkunde öffentlich gemacht. Papst Clemens XII. hatte am 25. März des Jahres 1762 die Kapelle mit einem Päpstlichen Ablass geschmückt. In dieser Zeit war die Kapelle ein gut besuchter Wallfahrtsort, sodass im Jahre 1797 der Erweiterungsbau in der heutigen Form erfolgen musste. Doch bereits zwischen 1635 und 1641 wurde nach Aufzeichnungen des Lehrers Köstler eine kleine Kapelle aus Dankbarkeit zufolge eines Gelübtes errichtet. Erbaut wurde sie von "jenen wenigen Untertanen, welche die furchtbaren Jahre 1630 bis1636 in denen der Krieg, Feuer und Schwert in Thurndorf wüteten und eine schreckliche Pest fast alle Bewohner hinwegraffte, überstanden hatten". Es sollen nur 20 erwachsene Personen am Leben geblieben sein.

Nach der Renovierung 1985 war klar, dass das schmucke Kirchlein in das Pfarrleben integriert werden müsse. Und so haben Pfarrgemeinderat und der damalige Pfarrer von Thurndorf Dr. Simon Shih beschlossen, diesen Weg zu gehen. So wird nun am Karfreitag die Andacht zu den sieben Worten Jesu am Kreuz gebetet. Am Ostersonntag beim Morgengrauen wurde ein früherer Brauch wieder verlebendigt, der an den Gang der Jünger zum Grab Jesu erinnert. Dort treffen sich seither eine Gruppe bei der ersten Station zum Kreuzweg und beten den Lichtweg. Anschließend bei Sonnenaufgang wird dann in der Kapelle die österliche Eucharistie gefeiert. Während der Sommerzeit wurde zunächst einmal pro Woche in der Zeit von Mai bis September am Freitag eine Abendmesse gefeiert. Diese findet zwischenzeitlich bedingt durch den Priestermangel nur noch alle zwei Wochen jetzt am Mittwochabend statt.

Sandstein durch Granit ersetzten

Das Patrozinium der Kapelle wird am Fest der Kreuzerhöhung (14. September) gefeiert. Auch suchen sich Paare, mit einem kleineren Kreis von Gästen, die Kapelle als Ort für die kirchliche Trauung aus. Diese liturgische Praxis musste in diesem Jahr bedingt durch die Corona-Pandemie ausfallen. Jedoch war die Kapelle nahezu täglich zum persönlichen Gebet geöffnet und dies nutzten zahlreiche Besucher. Zum Jubiläumsjahr 2000 wurde neben der Kirche ein großes Holzkreuz errichtet. Im Jahre 2002 konnte das 250-jährige Bestehen der Kapelle – erbaut im Jahre 1752 – groß gefeiert werden. Heuer wurde der Kreuzweg entlang der Allee, es waren bis zu diesem Zeitpunkt Stationen aus Sandstein, die stark verwittert waren, durch einen neuen Kreuzweg aus geschliffenem Flossenbürger Granit ersetzt. Eine Spendenaktion der Pfarrgemeinde brachte das stolze Ergebnis von 10.770 Euro, und so konnte die Anschaffung erfolgen. Die Steinmetzfirma Friedrich Klappan aus Thurndorf übernahm die Lieferung und Aufstellung der Stationen. Am Sonntag, 4. August 2002, erfolgte im Rahmen eines festlichen Jubiläumsgottesdienstes durch Domkapitular Prälat Hans Wich die Segnung der neuen Stationen.

Seit dem Jahre 2014 liegt auch ein Gästebuch in der Kapelle auf. Besucher machen reichlich davon Gebrauch, in dem sie ihre Eindrücke, vor allem aber auch ihre Gebetsbitten niederschreiben. Am 12. September 2014 erfolgte im Rahmen einer ökumenischen Feier die Segnung des neuen Aussichtsturmes, der von der Marktgemeinde Kirchenthumbach im Rahmen des ELER-Programms auf dem Kalvarienberg errichtet worden ist. Die Pflege der Außenanlage übernimmt die Kirchenverwaltung Thurndorf. Die Marktgemeinde Kirchenthumbach sorgt für die Pflege im Umfeld des Aussichtsturmes. Elisabeth Looshorn aus Thurndorf hält die Kapelle sauber und kümmert sich um den Blumenschmuck. Der ehemalige Kirchenpfleger Franz Eller hat den Dienst des Auf- und Abschließens übernommen. Er berichtet auch von gelegentlichen und interessanten Glaubensgesprächen mit Besuchern. Die Kapelle ist in der Sommerzeit täglich von 10.30 Uhr bis 18.00 Uhr geöffnet. Im Winter dann, wenn es die Witterung erlaubt. Wenn es die Coronakrise und das Wetter erlauben, wird heuer am Fest der Kreuzerhöhung bei einem Gottesdienst auch an das 20-jährige Bestehen des Jubiläumskreuzes gedacht.

Info:

Gerhard Dettenhöfers Festschrift

Aus Anlass der Einweihung des Pfarrhofs und des Pfarrhauses im Juni 1979 verfasste Gerhard Dettenhöfer eine Festschrift. Über die Kalvarienbergkapelle schrieb er unter anderem: "Der Kalvarienberg, an dessen Fuße Thurndorf ruht, ist in jeder Beziehung ein bedeutender Punkt. Diese Erhebung ist in geologischer, hydrografischer und ethnologischer Hinsicht interessant. So wird der Kalvarienberg bei der Herstellung von Generalstabskarten als trigonometrischer Anhaltspunkt benützt, weshalb bereits 1838 auf Staatskosten ein Türmchen auf die Kalvarienbergkapelle gesetzt wurde. Auf dem Kalvarienberg genießt man nach allen Seiten, besonders bei klarem Wetter, eine herrliche Aussicht, die von den schwarzen Basaltkuppen des Rauhen Kulms, bis zu den Gipfeln des greifbar nahe scheinenden Fichtelgebirges und des Steinwaldes im Osten reicht. Im Süden können wir den Maria-Hilfberg bei Amberg, den Annaberg bei Sulzbach und sogar die Berge Veldenstein und Hartenstein sehen. Gegen Westen gewandt liegt vor uns die große Reihe der Juraberge von Hersbruck bis Pegnitz. Im Norden sehen wir die Orte Creußen und Bayreuth, bei guter Sicht auch die alte Markgrafenstadt Kulmbach mit der Veste Plassenburg". (ü)

Der Altar der Kalvarienbergkapelle ist ein Blickfang.
Kalvarienbergkapelle
Schilder weisen den Weg zur Kalvarienbergkapelle am Kütschnrain.
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