10.08.2020 - 13:05 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Acht Monate Bonpflicht: Mehr Papier, Aufwand und Kosten

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Seit nun über acht Monaten gilt die Bonpflicht in Deutschland. Anfangs war der Unmut darüber laut. Doch wie sind nun die Erfahrungswerte bei Geschäften in der Stadt Tirschenreuth.

Günter Hühn vom Café Rieß am Marktplatz in Tirschenreuth hält einen Eimer in der Hand mit Kassenbons, die Kunden im Geschäft liegen lassen. Am Tag wird gut ein Eimer voll.
von Lucia Seebauer Kontakt Profil

Oberpfalz-Medien war bereits zu Beginn des Jahres bei den Tirschenreuther Geschäften unterwegs und hat sich zur neuen Bonpflicht umgehört. Damals war es ein "Riesenaufwand" für den hiesigen Einzelhandel. Für einige entstanden Mehrkosten, Unmengen an Müll und Zeitaufwand. Aber wie ist die Situation einige Monate später?

Große Zettel und viel Müll

"Mitnehmen tut keiner was", sagt Günter Hühn vom Café Rieß am Marktplatz. "Vielleicht ein Prozent der Kunden nimmt einen Bon mit." Die meisten lassen aber das Papier liegen oder schmeißen es weg. "Für unsere Umwelt ist das nicht gut", findet seine Frau Hanka. Inzwischen drucke die Kasse automatisch die Kassenzettel aus. Das Papier wird im Anschluss in einem Eimer gesammelt, der bis zum Ende des Tages nahezu voll ist. "Es ist Thermopapier, das muss auch extra entsorgt werden." So dürfen die gedruckten Kassenbons nicht ins Altpapier, sondern wandern in den Restmüll.

Umfrage bei Geschäften aus Tirschenreuth zur Bon-Pflicht Anfang Januar

Tirschenreuth

Da seit dem 1. Januar in Deutschland auch die sogenannte Kassensicherungsverordnung gilt, müssen Unternehmen, die mit digitalen Kassensystemen oder Registrierkassen arbeiten, spätestens bis zum 30. September 2020 eine zertifizierte Sicherheitseinrichtung (TSE) haben. Die Software speichert die Kassenvorgänge ab und soll dafür sorgen, dass steuerrelevante Daten im Nachhinein nicht mehr verändert werden können. Das Café Rieß ist damit schon ausgerüstet. Die Signaturen und Kennzeichen, die durch die Software verarbeitet werden, landen auch auf den Kassenbons. "Der Zettel wird dadurch auch bei kleinen Bestellungen ewig lang und den Kunden interessiert es nicht", sagt Hanka Hühn.

Kassenbons in elektronischer Form

Der Pressesprecher der Apotheker im Landkreis Tirschenreuth, Christian Züllich, berichtet: "Der Papierverbrauch an Bon-Rollen ist angestiegen." Generell sei der Aufwand hoch und es enstehen laufende Kosten für den Einzelhandel. Auch er hat die Software TSE bereits in der Stadtapotheke in Tirschenreuth eingerichtet. Dafür investierte die Apotheke auch in ein neues Kassensystem. "Kollegen aus dem Landkreis überlegen bereits, ob sie Bons in elektronischer Form zur Verfügung stellen." So gibt es Systeme, die den Kassenzettel in digitaler Form auf das Smartphone übertragen können. "Für uns ist das aber noch Zukunftsmusik", sagt Züllich.

Jedes Mal werde der Bon in seinem Geschäft ausgedruckt. "Viele Kunden wollen ihn nicht." Da auf den Zetteln sensible Daten zu Medikamenten stehen, müssen diese ebenfalls gesondert entsorgt werden. So werden die Bons in einer extra Tonne gesammelt, die dann an eine professionelle Datenvernichtungsfirma gegeben wird.

Kollegen aus dem Landkreis überlegen bereits, ob sie Bons in elektronischer Form zur Verfügung stellen.

Pressesprecher der Apotheker im Kreis Tirschenreuth

Keine große Nachfrage mehr

Holt sich jemand im "La Strada" ein Eis zum Mitnehmen, wird selten ein Kassenbon verlangt. Wenn jemand einen Beleg benötigt, stellt das Eiscafé eine Rechnung aus. Riccardo Neitz und seine Mitarbeiter fragen die Kunden nicht, ob sie einen Bon wollen. "Da wirst du ja narrisch", sagt er. Die Daten selbst werden in der Kasse verbucht. "Die Gäste, die sitzen, bekommen immer einen Bon." Die meisten Kunden lassen aber auch hier das Thermopapier liegen.

Die Bilder von den riesigen Bergen aus Kassenbons des Backhauses Kutzer gingen viral durchs Netz

Konnersreuth

"Jetzt ist die Nachfrage nach Bons nicht mehr groß", weiß Helga Zintl, Inhaberin der Bäckerei Zintl. Inzwischen habe sich diese gelegt. "Wir müssen die Zettel wegschmeißen." Inzwischen habe sie sich an die Bonpflicht gewöhnt. "Ich frage die Kunden nicht bei jeder einzelnen Semmel, ob sie einen Bon haben wollen." Bei größeren Bestellungen ist für sie aber selbstverständlich. "Wer ihn will, kriegt ihn."

In der Stadtapotheke in Tirschenreuth werden Kassenbons in einer gesonderten Mülltonne gesammelt. Diese wird dann an eine professionelle Datenvernichtungsfirma weitergegeben.
Im Blickpunkt:

Backhaus Kutzer: Keine Müllberge durch digitale Lösung

"Die Kunden verhalten sich nicht anders als vor der Bonpflicht", sagt Patrick Kutzer, Geschäftsführer von Backhaus Kutzer. Lediglich jeder zehnte Kunde möchte einen Kassenzettel. Anfang des Jahres veröffentlichte das Unternehmen auf Facebook einen Beitrag mit einem Bild das viral durchs Netz ging.

Darauf zu sehen war Patrick Kutzer selbst inmitten von Bergen an Bons aus den Filialen. "Es ist unsinnig, so viel Müll zu produzieren." In den sozialen Medien wurde auch gefragt, warum Kutzer noch nicht auf eine digitale Lösung umgestiegen sei. "Die Rechtssicherheit dazu war schwierig. Noch heute ist die Formulierung hierzu unklar", sagt Kutzer. Trotzdem hat er inzwischen den Schritt gewagt: "Wer einen Bon möchte, kann sich diesen per QR-Code auf sein Smartphone holen. Wer kein Smartphone hat, bekommt aber noch den Bon in Papierform. So hat jeder die Wahl", sagt Kutzer.

Seither gebe es keinen Papiermüll mehr in den Bäckereifilialen und auch die Diskussion zu den Bons habe sich gelegt. Deshalb fordert Kutzer Rechtssicherheit für digitale Wege vom Gesetzgeber und hofft, dass diese Möglichkeit akzeptiert wird.

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