08.01.2020 - 16:37 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Bon-Pflicht ein Riesenaufwand

Ob beim Bäcker, Friseur oder in der Apotheke ist die Schlange der verschmähten Bons am Ende des Arbeitstages lang. Niemand will zur Tasse Kaffee oder zur Wurstsemmel einen Kassenbeleg, berichten Tirschenreuther Händler.

Obwohl viele Kunden ihren Kassenbeleg für Döner oder Pizza mitnehmen, ist die Schlange der verschmähten Bons bei Imbiss-Besitzer Halil Babayigit lang.
von Lena Schulze Kontakt Profil

Seit 1. Januar muss jedes Geschäft Kassenbons ausgeben - an alle Kunden und bei jedem Verkauf. Höhere Kosten, mehr Bürokratie, erhöhtes Müllaufkommen, größere Umweltbelastung: Unverhältnismäßig und überflüssig sei das Ganze, wettern Tirschenreuther Geschäftsleute.

Erhöhter Papierverbrauch

Bereits nach wenigen Tagen mit der neuen Bon-Pflicht bemerkt Halil Babayigit einen gesteigerten Papierverbrauch an der Kasse in seinem Döner-Imbiss "Siena" in Tirschenreuth. Er musste sich zudem extra eine neue Kasse für mehrere Tausend Euro anschaffen. "Ich habe nur Stress damit." Zu Stoßzeiten kommt er gar nicht dazu, die Kassenzettel auszuteilen. Obwohl er viele Kunden hat, die den Beleg mitnehmen wollen, ist auch bei Babayigit die Schlange an abgelehnten Kassenzetteln lang.

Nervige Zettelwirtschaft

Ähnlich sehen die Erfahrungen in der Stadtapotheke am Maximilianplatz aus. Auch wenn es nur ein kleiner technischer Aufwand war - im Kassensystem musste nur ein Haken gesetzt werden - verursache die neue Regelung in jedem Fall mehr Aufwand und produziere Unmengen Müll, sagt Apothekerin Anja Birkner. "Es sind alle genervt." Selbst wenn null Euro auf dem Beleg stehen, etwa wenn die Krankenkasse die Kosten für das Medikament übernimmt, werde der Bon ausgedruckt. Viele Kunden würden lachen, wenn Birkner oder ihre Kolleginnen fragen, ob sie den Kassenzettel möchten. "Die meisten winken ab." Und oft komme die Apothekerin gar nicht dazu nachzufragen, weil sich der Kunde schon abgewandt hat. Wenn die Leute den Bon doch mitnehmen, heißt es: "Dann schmeißen wir ihn eben zu Hause weg." Die liegengelassenen Belege werfen die Mitarbeiter weg oder vernichten sie, wenn sensible Daten draufstehen. Auch in der Stadtapotheke wird bereits jetzt wesentlich mehr Papier verbraucht.

"So viel Müll"

"Letzten Endes Papierverschwendung", findet auch Theresa Schuller. Sie arbeitet im Café Verena am oberen Markt in der Kreisstadt. Zwar hätten sich die Café-Mitarbeiter bereits 2019 auf die Änderung eingestellt und teilen schon seit Monaten Kassenbons für eine Tasse Kaffee oder ein Stück Kuchen aus. "Es ist schon zur Gewohnheit geworden." Dennoch: Oft kommt sie sich komisch vor, wenn sie nachfragen muss, ob ein Gast den Beleg haben möchte. "Die meisten Leute können damit nichts anfangen." Die wenigsten Café-Besucher würden nach einem Kassenbeleg fragen, weiß Schuller aus Erfahrung. Zumal es nur kleine Beträge sind. Am Ende muss sie den Bon wegwerfen. "Das ist so viel Müll! Man macht so viel für die Umwelt und dann kommt so ein Gesetz?", fragt die Studentin und schüttelt verständnislos den Kopf. Margarete Schels von der gleichnamigen Metzgerei spricht von einem Riesenaufwand. "Jahrelang hat das gepasst, wie wir's gemacht haben und jetzt passts auf einmal nicht mehr", ist sie verärgert. "Das Papier ist sauteuer und am Ende liegts nur rum." Denn auch in der Metzgerei verschmähen die Kunden den Kassenbon.

Dass die Bon-Pflicht ein Unding ist findet auch Bianca Freundl. Die Inhaberin des Salons "Stadtfriseur" in Tirschenreuth und ihre Mitarbeiterinnen machen so weiter wie bisher. "Ich habe das mit meinem Steuerberater abgesprochen. Erst wenn ich eine schriftliche Aufforderung habe, stelle ich um." Sie könne sich nicht erinnern, dass je ein Kunde nach einem Kassenbeleg gefragt hätte. Hintergrund

Die wenigsten Kunden nehmen den Kassenbeleg mit, auch im Café Verena wandern diese dann in den Müll.

Kunden in Weiden verschmähen Kassenbon:

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Bon-Zwang, aber kein Bußgeld bei Verstößen

(exb) Das neue Kassengesetz soll die Transparenz stärken und gegen Steuerbetrug helfen. Das Gesetz zum Schutz vor Manipulationen an digitalen Grundaufzeichnungen vom 22. Dezember 2016, das "Kassengesetz", führt die Pflicht zur Ausgabe von Belegen zum 1. Januar 2020 ein. Der Beleg kann elektronisch oder in Papierform ausgestellt werden. Das Erstellen des Belegs muss in unmittelbarem zeitlichem Zusammenhang mit dem Geschäftsvorgang erfolgen. Der Gesetzgeber hatte sich bei der Einführung der Anforderungen an elektronische Aufzeichnungssysteme gegen eine Registrierkassenpflicht entschieden. Daher kann jeder Unternehmer auch eine offene Ladenkasse anstelle des Einsatzes eines elektronischen Aufzeichnungssystems verwenden.

Unabhängig davon, ob eine offene Ladenkasse oder ein elektronisches Aufzeichnungssystem verwendet wird, kann die Ordnungsmäßigkeit der Aufzeichnungen und Buchungen von Ein- und Ausgaben jederzeit und unangemeldet mittels der Kassen-Nachschau durch das Finanzamt verifiziert werden. Bei einem Verstoß gegen die Belegausgabepflicht droht kein Bußgeld. Er könnte aber als Indiz dafür gewertet werden, dass den Aufzeichnungspflichten nicht entsprochen wurde. (Quelle: Bundesfinanzministerium)

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