03.01.2020 - 16:34 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Kunden in Weiden verschmähen Kassenbon

Ob beim Bäcker, Friseur oder am Kiosk, die seit 1. Januar geltende Bon-Pflicht verärgert auch die Einzelhändler in Weiden. Sie beklagen nicht nur höhere Kosten und mehr Müll.

Kein Kunde verlangt zur Bratwurstsemmel einen Kassenbeleg, sagt Imbiss-Besitzer Dieter Held. Dementsprechend lang ist die Schlange der verschmähten Bons am Endes des Arbeitstages.
von Stephanie Hladik Kontakt Profil

Mit einem Grinsen winkt die Kundin ab. Nein, den Kassenbon für ihre Breze braucht sie nicht und lässt den kleinen weißen Zettel liegen. Die Verkäuferin beim Schaller-Bäcker nimmt ihn vom Tresen und wirft ihn weg. "Keiner nimmt den Kassenbon mit, und wir haben den Müll", sagt die Verkäuferin kopfschüttelnd. Fragen müsse sie den Kunden trotzdem, ob er den Bon wünscht. Seit 1. Januar wirft die elektronische Kasse ihn automatisch aus. Die Kunden lässt das ziemlich kalt.

Elke Ferazin vom Kiosk im Markthaus Brunner ist es schon fast peinlich, jedes Mal die Kundschaft zu fragen, ob sie einen Kassenbon wünscht. "Die meisten sind Stammkunden, die regelmäßig ihre Fernsehzeitschrift oder Zigaretten hier kaufen. Die wollen dafür keinen Beleg", sagt Ferazin. Viele würden nur den Kopf schütteln.

Teures Ökopapier

Gerhard Brunner, Chef der gleichnamigen Bäckerei mit 85 Filialen, ist die neue Abgabenordnung mit Bon-Zwang ein Dorn im Auge, wie er sich bereits vor Weihnachten gegenüber Oberpfalz-Medien äußerte. "Wir sind ein zertifizierter Betrieb und tun ständig etwas für die Umwelt, und dann zwingt man uns, für jede Breze giftige Kassenbons rauszuhauen - ob der Kunde will oder nicht." Brunner will das ändern, recherchiert im Internet. "Wir stellen demnächst auf Ökopapier um", verkündet er am Freitag auf Anfrage. Noch sei es nicht da, die wenigen Hersteller hätten aktuell Lieferengpässe. Und das phenolfreie Papier ist teurer. Brunner rechnet mit rund 15 000 Euro an Mehrkosten im Jahr. Aber immerhin könne es im Altpapier entsorgt werden.

Die Mitarbeiter in den Filialen hat das Unternehmen Brunner im Rundschreiben über die Bon-Pflicht informiert. Zusätzlich ploppt beim Start der Kasse eine Erinnerung auf. Dass manche Mitarbeiter den Bon nur auf Kundenwunsch ausdrucken, duldet der Chef. "Eigentlich ist das nicht richtig. Das Gesetz verlangt die Ausgabe. Aber das machen andere auch, das muss sich noch einspielen."

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Bürokratismus nervt

Richtig sauer ist Dieter Held. Der Imbiss-Besitzer am ZOB würde am liebsten seine elektronische Kasse abschaffen und zur guten alten offenen "Schubladen"-Kasse zurückkehren. Denn die dürfe man ja auch noch führen - ohne Belegausgabepflicht. "Keiner meiner Kunden will den Zettel, und ich muss am Ende des Tages mehrere Meter Papier entsorgen. Sieht so Umweltschutz aus? Eigentlich sollte man es sammeln und nach Berlin schicken", schimpft Held. Der Speicherchip seiner Registrierkasse zeichne jede Buchung mit Datum, Mehrwertsteuersatz, der erbrachten Leistung und andere relevanten Daten für das Finanzamt auf. Auch führe er zusätzlich noch ein Kassenbuch. Warum die Ausgabe eines Bons unbedingt notwendig sei und wie dadurch Steuerbetrug verhindert werden soll, erschließe sich ihm nicht.

Die Umsetzung der gesetzlichen Bestimmung kostet Friseurmeister Josef Frey richtig Geld. Er glaubte, sein computergestütztes Kassensystem im Salon mit einem Bondrucker aufrüsten zu können. "Das läuft aber nicht so einfach, nur einstöpseln ist nicht", sagt Frey. Er müsse nun in Hard- und Software investieren, was ihn auf einen Schlag 3000 Euro kostet. Frey gibt zu, dass er das Thema zu spät angegangen ist. Jetzt könne er die Systemumstellung frühestens im Februar vornehmen. "So lange stellen wir die Belege weiterhin händisch aus, mit Stempel und Unterschrift", sagt der Friseur. Die meisten Kunden würden gar keinen wollen. Ob die Regelung, hilft, Steuersündern auf die Schliche zu kommen, wagt Frey zu bezweifeln.

"Extrem viel Müll" registriert Miriam Müller, Mitarbeiterin in "Beanerys Kitchen", in den ersten drei Tagen des neuen Jahres. "Die Leute wollen keinen Beleg, lehnen ihn entweder gleich ab oder lassen ihn auf dem Tablett liegen." Die meisten lachen: "Ein Kassenbeleg für eine Tasse Kaffee? Nein, danke."

Seit 1. Januar 2020 besteht die Pflicht, bei jeder Transaktion in Geschäften oder Cafés einen Beleg auszugeben.

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39 Euro pro Patrone

Über 80 Prozent der Kunden in der Mohren-Apotheke winken ebenfalls ab. "Die Kasse druckt den Bon automatisch", sagt Apotheker Andreas Biebl. Da bleibe viel Papier übrig. Das werde wegen sensibler Daten (u. a. Kundenname, Medikamentenangaben) am Abend geschreddert und entsorgt. Ein zusätzlicher Aufwand. Am meisten ärgern Biebl aber die Kosten für die Tintenpatronen der vier Kassendrucker. "Früher hatten wir Farbbänder für 3 Euro. Die neue Hardware verschlingt Patronen zu je 39 Euro. Die reichen normalerweise bis zu vier Monate. Mit dem Bon-Ausdruck vermute ich jedoch, dass die Patrone nach einem Monat leer ist."

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Info:

Bon-Zwang, aber kein Bußgeld bei Verstößen

Das neue Kassengesetz soll die Transparenz stärken und gegen Steuerbetrug helfen. Das Gesetz zum Schutz vor Manipulationen an digitalen Grundaufzeichnungen vom 22. Dezember 2016, das "Kassengesetz", führt die Pflicht zur Ausgabe von Belegen zum 1. Januar 2020 ein. Der Beleg kann elektronisch oder in Papierform ausgestellt werden. Das Erstellen des Belegs muss in unmittelbarem zeitlichem Zusammenhang mit dem Geschäftsvorgang erfolgen.

Der Gesetzgeber hatte sich bei der Einführung der Anforderungen an elektronische Aufzeichnungssysteme gegen eine Registrierkassenpflicht entschieden. Daher kann jeder Unternehmer auch eine offene Ladenkasse anstelle des Einsatzes eines elektronischen Aufzeichnungssystems verwenden.

Unabhängig davon, ob eine offene Ladenkasse oder ein elektronisches Aufzeichnungssystem verwendet wird, kann die Ordnungsmäßigkeit der Aufzeichnungen und Buchungen von Ein- und Ausgaben jederzeit und unangemeldet mittels der Kassen-Nachschau durch das Finanzamt verifiziert werden.

Bei einem Verstoß gegen die Belegausgabepflicht droht kein Bußgeld. Er könnte aber als Indiz dafür gewertet werden, dass den Aufzeichnungspflichten nicht entsprochen wurde.

(Quelle: Bundesfinanzministerium)

Kommentar:

Verzettelt

Es soll Steuerberater geben, die ihren Klienten bereits geraten haben, ihre elektronische Kasse abzuschaffen und zur offenen Ladenkasse (ohne Bon-Ausgabe) zurückzukehren. Eine Verzweiflungstat? Gut möglich, denn die neue Kassenbon-Pflicht zerrt seit 1. Januar an den Nerven aller Beteiligten.
Für den Wocheneinkauf im Supermarkt oder die Anschaffung einer Waschmaschine mag der kleine weiße Zettel für Kunden wichtig sein, aber für einen Döner oder die Tasse Kaffee legt kaum jemand Wert auf das Stückchen Papier. Auch der Einzelhandel nicht. Dieser nutzt heutzutage in der Mehrheit intelligente computergestützte Kassensysteme, die alles speichern und weit mehr als nur den Warenumsatz im Auge behalten. Die Software dazu verlangt nach regelmäßigen Updates. Die Finanzbehörden ebenfalls. Zu groß ist ihrer Meinung nach immer noch die Zahl potenzieller Steuerbetrüger. Die neue Abgabenordnung mit Bon-Pflicht soll dem entgegensteuern. Doch wie sie in der Praxis funktionieren soll, versteht kaum jemand. Kopfschütteln vor und hinter den Ladentheken. Auch der Weidener Einzelhandel stöhnt und bleibt neben den Kosten auf Papiermüllbergen sitzen. Der kleine, weiße Zettel erweist sich als Ladenhüter.

Von Stephanie Hladik

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