ONETZ: Laut Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) sind neun Hausarztsitze im Landkreis unbesetzt. Wie unterscheiden sich die Gebiete?
Dr. Peter Deinlein: Bei den hausärztlichen Planungsbereichen ist nur Kemnath für die Neubesetzung gesperrt, hier findet sich aber mit 59 Jahren ein hohes Durchschnittsalter. Im Bereich Waldsassen wurde im letzten Versorgungsatlas der KVB eine Unterversorgung ausgewiesen. Hier und im Bereich Tirschenreuth könnte man jederzeit eine Praxis neu gründen.
ONETZ: Wie ist die Lage bei den Fachärzten?
Dr. Peter Deinlein: Die Beurteilung der fachärztlichen Versorgung bezieht sich auf größere Gebiete. Im Fachgebiet HNO liegt der Versorgungsgrad im Bereich im Kreis Tirschenreuth bei 43 Prozent. (Anmerkung: Hier gelten Gebiete unter 50 Prozent als unterversorgt.) Hier wurden zwei Arztsitze nicht nachbesetzt. Bei den Kinderärzten sind kaum noch freie Behandlungskapazitäten vorhanden.
ONETZ: Wie verlässlich sind die Zahlen im Versorgungsatlas?
Dr. Peter Deinlein: Man sollte die Versorgung nicht nur nach den reinen Zahlen beurteilen. Denn es ist unter anderem entscheidend, ob auf einem Arztsitz das volle Spektrum des Fachgebiets angeboten wird. Ist dies nicht der Fall, dann besteht eine Versorgungslücke. Dieser Umstand wird in der aktuellen Versorgungsplanung nicht berücksichtigt. Somit kann die Versorgungsrealität deutlich von den veröffentlichten Zahlen abweichen.
ONETZ: Wo ist der Mangel besonders gravierend?
Dr. Peter Deinlein: Niederlassungsmöglichkeiten gibt es im gesamten Landkreis. Wobei im hausärztlichen Bereich der östliche Landkreis dringenden Bedarf hat.
ONETZ: Wie beurteilen Sie den Stand der Hausarztschmiede?
Dr. Peter Deinlein: Das Projekt ist langfristig angelegt. Bisher haben die Vorbereitungen wahrscheinlich die meiste Zeit in Anspruch genommen. Das liegt aber auch daran, dass wir unser Projekt seit der Anfangsphase stets weiterentwickeln und an die Rückmeldungen, die wir bekommen, anpassen.
ONETZ: Gibt es bereits greifbare Ergebnisse?
Dr. Peter Deinlein: Wir haben eine moderne Webseite als erste Anlaufstelle für den Nachwuchs und ausbildende Praxen in der Region veröffentlicht. Bei regelmäßigen Veranstaltungen bringen wir Jung und Alt zusammen. Es fanden Beratungen von Schülern, Studierenden, Ärzten in Weiterbildung, niedergelassenen Ärzten, Gemeinden und Geschäftsleuten statt. Unser Netzwerk wächst stetig.
ONETZ: Wie viele Hausarztpraxen gibt es im Landkreis, wie viele nehmen am Projekt teil?
Dr. Peter Deinlein: Mir sind 28 Praxen bekannt. Am Projekt nehmen bisher 8 Hausarztpraxen und 2 Facharztpraxen teil. Eine Praxis wird wohl ausscheiden, dafür haben zuletzt 2 weitere Hausarztpraxen ihr Interesse geäußert.
ONETZ: Welche Vorteile haben Mediziner beim Anschluss an die Hausarztschmiede?
Dr. Peter Deinlein: Die Praxen bekommen von uns die Möglichkeit, sich überregional zu präsentieren. Wer dabei ist, zeigt, dass er es ernst mit der Ausbildung des ärztlichen Nachwuchses meint. Zudem liefern wir Unterstützung in allen Fragen der Ausbildung von Studierenden bis zur Weiterbildung einer jungen Ärztin. Die Kontakte über das Netzwerk kommen dann noch dazu.
ONETZ: Hat die Umstrukturierung der Krankenhauslandschaft einen Einfluss auf die Ausbildungsmöglichkeiten im Rahmen der Hausarztschmiede?
Dr. Peter Deinlein: Ja das hat sie, denn das stationäre Ausbildungsangebot im Landkreis wird hierdurch deutlich eingeschränkt. Man muss nur einmal genau hinsehen, wo die niedergelassenen Ärzte und Notärzte bisher ausgebildet wurden, da hatte auch das ehemalige Krankenhaus in Waldsassen einen wesentlichen Beitrag geleistet. Die Ausbildung vor Ort trägt nachhaltig zur Sicherung der Versorgung auf dem Land bei.
ONETZ: Welche Vorteile bieten kleinere Krankenhäuser für die Ausbildung?
Dr. Peter Deinlein: In kleinen Häusern lernt man, eigenständig zu handeln und ist für ein breites Spektrum an Krankheitsbildern zuständig. Beides ist für die hausärztliche Tätigkeit sehr wertvoll. Darüber hinaus ist eine gute Weiterbildung in den Krankenhäusern vor Ort für die überregionale Attraktivität wichtig. Wir müssen für Mediziner, die ihren Ursprung in unserem Landkreis haben, interessant sein, aber auch versuchen, ärztlichen Nachwuchs von außerhalb zu gewinnen. Deshalb ist eine Intensivierung der Zusammenarbeit mit den Kliniken dringend erforderlich. Hier hoffe ich auf eine strukturierte Weiterbildung mit festem Rotationsplan und Inhalten, die für ambulante Versorgung in den Praxen, aber auch für die Notfallversorgung vorbereiten. Auch damit junge Ärztinnen und Ärzte nicht ständig bangen müssen, ob und wo sie eine Anschlussstelle bekommen.
ONETZ: Was bringen Stipendien für künftige Hausärzte?
Dr. Peter Deinlein: Stipendien sind ein weiteres wichtiges Puzzleteil für die kontinuierliche Begleitung vom Abitur bis zur Niederlassung. Am Ende sollte die Ausbildung zum Hausarzt nicht an den finanziellen Möglichkeiten scheitern, wenn der Wunsch und die Fähigkeiten vorhanden sind.
ONETZ: Gab es schon Anfragen für das neue Hausarztstipendium des Landkreises?
Dr. Peter Deinlein: Ja, es gab bereits mehrere Anfragen vom Studienanfänger bis zum Studierenden im klinischen Abschnitt.
ONETZ: Was versprechen Sie und Ihre Kollegen sich vom Workshop am 21. Februar im Landratsamt?
Dr. Peter Deinlein: Neue Ideen über die Weiterentwicklung einer Praxis zu bekommen. Interessante Möglichkeiten zu erfahren, unser Personal weiterzubilden, um im Sinne einer Teampraxis die zunehmend komplexeren Aufgaben in Patientenversorgung gemeinsam anzugehen. Außerdem können Kooperationsmöglichkeiten mit anderen Versorgungsebenen und Gemeinden erörtert werden.
ONETZ: Welche Zielgruppe ist beim Treffen am Mittwoch im Landratsamt besonders willkommen?
Dr. Peter Deinlein: Es werden hauptsächlich hausärztlich niedergelassene Ärztinnen und Ärzte sowie Gemeindevertreter kommen, aber auch einige Fachärzte und Ärzte in Weiterbildung. Generell sind alle willkommen, die Interesse daran haben, die flächendeckende ambulante Versorgung im Landkreis aktiv mitzugestalten.
Hausärztliche Versorgungsquoten
- bis 75 Prozent: Unterversorgung (Kassenärztliche Vereinigungen bieten bei festgestellter oder drohender Unterversorgung Fördermöglichkeiten an); bei Fachärzten gilt Grenze von 50 Prozent.
- 100 Prozent: Soll-Versorgungsniveau
- bis 110 Prozent: Planungsbereich offen, neue Ärzte können sich ansiedeln
- über 110 Prozent: Planungsbereich für weitere Niederlassungen gesperrt
- Quellen: Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB), Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA)

























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