23.12.2019 - 13:49 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Blutkrebs: Hugo kämpft sich zurück

Hugo ist auf einem guten Weg. Der an Blutkrebs erkrankte sechsjährige Bub aus Tirschenreuth hat die letzte Chemo hinter sich. Nun freut er sich auf die Badewanne, Tauchen, Erdnüsse und ganz besonders auf ein Geräuchertes.

Voller Lebensfreude lachte Hugo vor einem Jahr in die Kamera. Mittlerweile hat der Sechsjährige seine letzte Chemo hinter sich.
von Martin Maier Kontakt Profil

In der Küche der Familie Walbrunn sitzt ein kleiner, sehr aufgeweckter Junge. Nur wirkt er schon um einiges älter als normale Sechsjährige. „Er ist wirklich groß geworden“, bestätigt Vater Berthold. „Und stark“, ergänzt Hugo sofort. Er tippt auf seinen Kopf. Dort sprießen mittlerweile wieder kleine Härchen.

Ganz unaufgeregt schiebt er sein T-Shirt hoch und zeigt den Hickman-Katheter, der an seiner Brust befestigt ist. Über ihn erhielt er die Infusionen. Anfang Januar sollen die Schläuche entfernt werden. „Dann gehe ich in die Badewanne“, weiß Hugo schon ganz genau, was er als erstes macht. Denn mit dem Katheter durfte der Bub nicht ins Wasser. Fest eingeplant hat er auch einen Besuch in der Therme in Weiden: „Da mache ich dann eine Arschbombe und tauche unter Wasser. Das habe ich schon gekonnt.“

Natürlich hat es für Hugo noch viel mehr Einschränkungen gegeben, auch beim Essen. Daher hat der Sechsjährige schon eine konkrete Vorstellung, was künftig auf seinem Speiseplan steht: „Ich freue mich am meisten auf Nüsse und ‚Greicherts‘. Das mache ich nämlich mit meinem Opa.“ Darauf musste er über ein Jahr verzichten.

Rückblende: Der 14. Dezember 2018 stellte das Leben der Familie Walbrunn auf den Kopf. Ein Kinderarzt teilte Hugos Eltern Berthold und Sabrina mit, dass bei ihrem Sohn der Verdacht auf Blutkrebs besteht. Drei Tage später stand die niederschmetternde Diagnose fest. Im Januar ging die Familie an die Öffentlichkeit, da der Bub möglicherweise eine Knochenmarkspende benötigte. Die Tirschenreuther erfuhren eine Welle der Hilfsbereitschaft. Überall wurde für eine DKMS-Registrierungsaktion geworben. Zig Vereine und Organisationen unterstützten die Walbrunns.

Diagnose Blutkrebs

Tirschenreuth

„Die Hilfe war und ist gigantisch. Das ist nicht selbstverständlich und werden wir nie gut machen können“, dankt Berthold allen. Auch sein Arbeitgeber (Liebensteiner Kartonagenwerk) und der seiner Frau Sabrina (AOK) hätten für alles Verständnis gezeigt. Nun hofft die Familie, dass sie das Gröbste überstanden hat. Denn am dritten Advent war es so weit: Hugo brachte seine letzte Chemo hinter sich, es war die insgesamt 104.

„Das war ein wahnsinnig gutes Gefühl. Das ganze Prozedere ist ja schon fast irgendwie zur Normalität geworden“, bekennt Berthold. Die Chemos dauerten immer zwischen zwei Minuten und 24 Stunden. In den vergangenen zwölf Monaten legte die Familie mit ihrem Auto rund 34.000 Kilometer zurück. Immer dasselbe Ziel: die Kinderklinik in Regensburg. An genau 119 Tagen war Hugo stationär dort, dabei war immer Mama oder Papa. Berthold hat alles genau notiert.

Zum Abschluss gab es von Hugo für die Schwestern Pralinen. „Ich kenne fast jeden auf der Station in Regensburg“, erklärt der kleine Mann. Um die vielen Tage in der Kinderklinik zu überbrücken, haben die Walbrunns mittlerweile fast ein neues Hobby: das Bauen von Lego-Figuren. Als Berthold das erzählt, sprintet Hugo sofort in sein Zimmer und kommt stolz mit einem großen vierköpfigen Lego-Drachen in der Hand wieder. „Solche Sachen haben wir zusammengebaut, damit der Tag rumgeht“, so der Vater.

Typisierungsaktion und Lkw-Konvoi für Hugo

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Auf dem Küchentisch liegt auch Hugos Mut-Perlenkette, an der rund 500 Perlen hängen. Sie ist über 5,5 Meter lang. Nach jeder Behandlung und Untersuchung kam eine weitere, besonders geformte Perle hinzu. „Das ist wie ein Tagebuch. Das war ein Wahnsinns-Jahr“, denkt Berthold zurück. Der Intensiv-Block sei nun endlich vorbei. Nun starte die Erhaltungstherapie bis Dezember 2020. Die Tirschenreuther müssen weiterhin einmal in der Woche nach Regensburg. Wenn Hugo stabil ist, geht es alle 14 Tage in die Bezirkshauptstadt. „Er kann dann normal wie jedes Kind leben. Auch wenn er weiterhin Medikamente nehmen muss“, erklärt Berthold.

Der 30-Jährige ist insgesamt vorsichtig optimistisch: „Die Leukämie ist momentan weg, besiegt ist sie aber nicht. Wir sind auf einem guten Weg. Aber es gibt keine Garantie, dass es so bleibt. Die Angst eines Rückfalls bleibt immer und man wird nie aus der Krebs-Schiene rauskommen.“ Diese bedeutet für Hugo lebenslange Kontrollen. Sein DNA-Fehler mache das nicht unbedingt leichter.

Letztendlich sei es richtig gewesen, den Ärzten zu vertrauen. Auf eine große Internetrecherche hätten die Tirschenreuther verzichtet. Sonst mache man sich verrückt. Glücklich ist die Familie, dass es jederzeit noch einen Plan B gibt, da auch ein Stammzellenspender gefunden wurde. „Aber wir hoffen natürlich, dass wir darauf nie zurückgreifen müssen.“

Hoffnung für Hugo

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Normal könne der Sechsjährige künftig alles wieder machen. Aber am Anfang alles sehr langsam. „Am langweiligsten war, dass ich die ganze Zeit daheim sein musste. Das wird jetzt anders“, freut sich Hugo darauf, dass er ab Mitte Januar wieder in den Kindergarten darf. Im September folgt die Einschulung.

Für Berthold steht fest: „Unsere Familie ist in den letzten Monaten noch enger zusammengewachsen.“ Auch die kleine Tochter Eva habe immer Verständnis gezeigt. Und im Rückblick auf 2019 stellt der 30-Jährige fest: „Die beschissenen Dinge vergisst man schnell, die lustigen bleiben in Erinnerung. Wir haben das letzte Jahr auch viel gelacht.“

Hugo war nie alleine im Krankenhaus: Hier war Papa Berthold mit dabei. Er hat sich immer mit seiner Frau Sabrina abgewechselt.
Voller Lebensfreude lachte Hugo vor einem Jahr in die Kamera. Mittlerweile hat der Sechsjährige seine letzte Chemo hinter sich.
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