16.11.2020 - 18:52 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Carol Bischoff: Als Gesangslehrerin das Glück des Lebens gefunden

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Nach 23 Jahren ist der Abschied nicht mehr weit: Carol Bischoff, Gesangslehrerin und stellvertretende Leiterin der Kreismusikschule Tirschenreuth, bereitet sich auf das Ende ihres Berufslebens vor.

Mit einem herzlichen Lachen erzählt Carol Bischoff aus ihrem Leben als Gesangslehrerin. Damit ist es bald vorbei: In wenigen Wochen wird sie nur noch draußen bei der Gartenarbeit singen.
von Ulla Britta BaumerProfil

Ihr Lachen ist herzlich, ihr ausgeprägter amerikanischer Slang liebenswert: Carol Bischoff ist im Landkreis Tirschenreuth eine Institution. Die Gesangslehrerin an der Kreismusikschule (KMS) hat unzähligen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen das Singen beigebracht. Bald aber wird sie nur noch privat beim Singen gehört werden. Die 63-jährige Opernsängerin aus Amerika geht am 1. Februar 2021 nach 23 Jahren Berufsleben an der Kreismusikschule Tirschenreuth in den Ruhestand.

"Die denken alle, ich gehe, wenn ich in Rente bin, zurück nach Amerika", sagt Carol Bischoff. "Ich wohne seit 40 Jahren hier in Deutschland. Was will ich in Amerika?" Sie lacht herzlich. Ein Lachen, das viele ihrer Schüler vermissen werden. Carol Bischoff plant ihren Ruhestand und freut sich darauf. Dass die Opernsängerin, die am Landestheater Coburg eine feste Anstellung hatte, nach Tirschenreuth kam, geht auf das Konto des ehemaligen KMS-Leiters Max Schnurrer.

Auf die Straße gesetzt

"Ich war arbeitslos. In einem Kahlschlag wurden in Coburg 54 Leute auf die Straße gesetzt. Ich war eine davon", erzählt Bischoff. Mit einer achtjährigen Tochter sei das damals einer Katastrophe gleichgekommen. Sie habe die Stellenanzeige von Max Schnurrer als Schwangerschaftsvertretung für die KMS gelesen und sofort angerufen. "Ich erinnere mich gut, wie Max mich fragte, wann ich anfangen könne." Sie sei erst völlig baff gewesen. Er habe nicht einmal Unterlagen oder eine Bewerbung von ihr gewollt. "Und er kannte mich gar nicht." Schnurrer stellte Bischoff ein und bot ihr später die Aufgabe als Gesangslehrerin an, damit sie bleiben konnte.

Wie aber kommt eine junge Frau aus Amerika nach Tirschenreuth? Carol Bischoff erzählt die Geschichte einer jungen Sängerin, die von der großen Karriere träumte. "Mit 21 Jahren habe ich mich in New York zum Vorsingen beworben." Sie sei eingeladen worden, dann aber höflich darauf hingewiesen worden, dass sie im nächsten Jahr noch einmal vorsingen könne. Jung und ehrgeizig habe sie gemeint, Amerika warte nur auf sie als ausgebildete Diplom-Opernsängerin. Das war nicht so.

1997 Umzug nach Tirschenreuth

Also folgte Bischoff einer Einladung nach Frankfurt in die Oper. Es folgten Engagement-Angebote als Diplom-Opernsängerin in Regensburg, Kaiserslautern oder Coburg, sie nahm letzteres. "Zwei Jahre später wollte mich die Opera in New York. Ich wollte aber bleiben, deshalb sagte ich ab", erzählt Bischoff weiter, wie sie ihre große Chance in Amerika einfach ausschlug. "Ich dachte, die wollen mich später auch noch". Die Opera hat sich aber nie mehr gemeldet.

1997 zog Bischoff nach Tirschenreuth, um Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Singen zu lernen. Das, beteuert sie mehrmals, habe sie glücklich gemacht. Carol Bischoff unterrichtet alle Altersklassen von 11 bis 78 Jahren. Singen sei ein Hobby wie Golf spielen, sagt sie. Der Grund: "Ich habe immer nur glückliche Leute um mich." Ihre Schüler würden alle mit Freude singen und glücklich wieder nach Hause gehen.

Die Expertin schätzt, dass 80 Prozent der Menschen singen können. "Jeder hat ein Stimmband. Aber wenn ein Kind keine Führung in Richtung Gesang bekommt, entwickelt es kein Gefühl dafür." Viele kämen zu ihr mit dem Satz: "Ich glaube, ich kann singen." Und meistens sei das der Fall. Nur einmal, erzählt Carol Bischoff, habe sie eine Mutter angerufen und ihr gesagt, sie möge ihrer Tochter bitte ein anderes Hobby anbieten. Aber die Mutter sei hartnäckig geblieben. "Sie soll weitersingen. Bei Ihnen ist sie gut aufgehoben", hieß es. Die Schülerin habe sechs Jahre durchgehalten. "Und nach ihrer Ausbildung in Regensburg ist sie wiedergekommen." Talente gebe es häufig. Aber ein Nicht-Talent ausbilden, das sei eine echte Herausforderung gewesen.

Mehr Zeit für Enkel

Carol Bischoff, die einige Hundert Schüler in den 23 Jahren hatte, denkt lange nach, wer von ihren Schützlingen Karriere als Sänger gemacht habe. "Die Oberpfälzer an sich gehen nicht gern aus der Heimat weg", wählt sie eine charmante Erklärung, warum manche Gesangstalente nie Karriere gemacht hätten. Eine Schülerin kommt ihr in den Sinn, die in Salzburg Opernsängerin sei. Und auch Bischoffs eigene Tochter, die an der Leipziger Oper ist und bei der Mama zur Schule gegangen ist.

Über ihr Ausscheiden sagt sie, es werde Zeit für einen Wechsel. Viele Schüler kämen bereits über zehn Jahre zu ihr. "Da wird Vieles eingefahren, man hat den Blick nicht mehr offen für Neues." Für sie sei das schönste Erlebnis bei ihrem Ankommen in Tirschenreuth die Herzlichkeit gewesen, mit der sie in Tirschenreuth aufgenommen worden sei, denkt sie an ihre Anfänge zurück. "Das war ein Geschenk. Ich hatte sofort das Gefühl, ich bin angekommen", sagt sie.

Für ihren Ruhestand hat sich Carol Bischoff eine Liste all jener Dinge angelegt, die sie in ihrem Leben noch tun möchte. "Mein Mann hat mir ein Treibhaus gebaut", erzählt sie von der Leidenschaft zum Gärtnern. Und sie freue sich auf ihre zwei Enkel, für die bald mehr Zeit sei. "Und vielleicht gibt es einen Chor, der ehrenamtlich eine Leiterin braucht", klammert die Frau, die Kindern im Landkreis 23 Jahre lang das Singen beigebracht hat, eine neue Herausforderung als Ruheständlerin nicht gänzlich aus.

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Hintergrund:

Stellvertreter-Nachfolger steht schon fest

  • Zur Person: Carol Bischoff ist 63 Jahre alt und hat 23 Jahre in der Kreismusikschule Tirschenreuth (KMS) die Gesangsschüler unterrichtet. Seit 2005 ist sie stellvertretende KMS-Leiterin. Während ihrer Amtszeit ist unter anderem das Kindermusiktheater entstanden. Später hat Carol Bischoff auch ein Musiktheater mit Erwachsenen eingeführt. Beide Sparten haben sich im Angebot der KMS etabliert.
  • Nachfolge: Kreismusikschul-Leiter Tobias Böhm bedauert es sehr, dass Carol Bischoff nun bald geht. Die Zusammenarbeit mit ihr sei in jeder Hinsicht, auch in der Verwaltung als seine Stellvertreterin, hervorragend gelaufen. Böhm freut sich aber auch auf seinen neuen Kollegen. Patrick Oroudji, 28 Jahre alt und Lehrer für Blechblasinstrumente, wird den Posten des KMS-Leiter-Stellvertreters übernehmen. Als neuen Gesangslehrer oder neue Gesangslehrerin kann Böhm noch niemanden präsentieren. Erste Bewerbungsgespräche seien am Laufen.
KMS-Leiter Tobias Böhm (rechts) stellt als stellvertretenden Leiter der Kreismusikschule den 28-jährigen Lehrer für Blechblasinstrumente Patrick Oroudji vor (Mitte). Carol Bischoff freut es, dass für diesen Posten, den sie 2005 übernommen hat, bereits ein Nachfolger gefunden ist.
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