27.07.2020 - 17:13 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Dealer vor Schöffengericht: Leben durch Drogen zerstört

Ein 23-Jähriger aus dem westlichen Landkreis Tirschenreuth soll Minderjährigen mehrere Gramm Marihuana verkauft haben. Vor dem Schöffengericht offenbart sich eine lange und tragische Drogengeschichte.

von Vanessa Lutz Kontakt Profil

Es hätte ein Fall sein können, wie so viele, die tagtäglich an Gerichten verhandelt werden: Paragraf 29a Betäubungsmittelgesetz, das Gesetz über den Verkehr mit Betäubungsmitteln. Mindestens eine einjährige Freiheitsstrafe ist dafür vorgesehen. Ein 23-Jähriger aus dem westlichen Landkreis sitzt deshalb vor dem Schöffengericht. Er wird beschuldigt, mehreren minderjährigen Mädchen mehrere Gramm Marihuana verkauft zu haben. Eine Tat, die er bestreitet. So weit, so gerichtlicher Alltag.

Doch am Ende muss die Hauptverhandlung ausgesetzt werden. Denn Verteidiger Marc Steinsdörfer präsentiert dem Schöffengericht mehrere ärztliche Gutachten, die das Bild eines früh durch Drogen zerstörten Lebens zeichnen. Erst jetzt habe sein junger Mandant zugestimmt, dass der Verteidiger diese Gutachten dem Gericht präsentiert, sagt er. "Ich ringe seit Monaten mit dem Angeklagten und er mit sich", sagt Steinsdörfer. "Aus meiner Sicht ist es offensichtlich, dass hier eine massive Betäubungsmittel-Problematik und psychische Problematik vorliegt."

Verminderte Schuldfähigkeit?

Im Zweifel sei sein Mandant in einer Therapie besser aufgehoben, sagt er. Und fügt mit Blick auf den Angeklagten hinzu: "Auch wenn Sie das nicht wahrhaben wollen." Durch die Gutachten, so der Verteidiger, könnte sich eine verminderte Schuldfähigkeit ergeben. Der Angeklagte mit den jugendlichen Gesichtszügen verbirgt sein Gesicht unter einem großen Schlauchschal, wird sich den mehrmals über die Ohren ziehen, so, als ob er nichts davon hören möchte. Nervös wippt er durchgehend mit seinem linken Fuß, die Mutter sitzt hinter ihm in der Zuschauerreihe.

"Ich ringe seit Monaten mit dem Angeklagten und er mit sich."

Marc Steinsdörfer, Verteidiger

Seit Monaten, so geht es aus den Gutachten hervor, die Richter Thomas Weiß verliest, fühlt sich der Angeklagte verfolgt, hört Stimmen oder Geräusche. Er habe sich selbst im Fernsehen gesehen, glaubt, dass Menschen Zugriff auf seine Gedanken hätten. Die Ärzte haben bei ihm eine drogeninduzierte Psychose und paranoide Schizophrenie diagnostiziert. Zurückzuführen sei das auf frühen und langjährigen Cannabiskonsum - damit begann er mit 12 Jahren.

Verminderter IQ

Schon früh war der junge Mann verhaltensauffällig. Bereits im Kindergarten galt er als "sozial schwierig", habe bei der Einschulung Konzentrationsstörungen gezeigt. Sein verminderter IQ könnte auf den frühen und langjährigen Gebrauch von Cannabis zurückzuführen sein, gepaart mit Alkoholkonsum. Die Hauptschule habe der Arbeitssuchende wegen seiner Drogenproblematik verlassen. Mehrere Therapieversuche seien fehlgeschlagen, drei Entgiftungen hat er bereits hinter sich.

Kürzlich musste sich auch ein Autoverkäufer vor dem Amtsgericht verantworten:

Tirschenreuth

Die Gründe für den frühen Drogenkonsum, die Verhaltensauffälligkeiten? Unklar. In den Gutachten heißt es, dass bei den Angehörigen seien keinerlei psychische Erkrankungen bekannt seien, die Mutter sei freundlich und unauffällig.

Richter Thomas Weiß setzt die Hauptverhandlung aus, ordnet ein gerichtliches Gutachten an. Als der Angeklagte den Saal mit seiner Mutter verlassen möchte, bittet Weiß ihn noch einmal zu sich und ermahnt ihn eingehend: "Lassen Sie die Finger von dem Zeug."

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