14.10.2021 - 14:54 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Deutscher Dichterfürst verbindet Tirschenreuth und Malcesine

Als Besucher aus dem Stiftland stößt man am Gardasee auf den frühen „Touristen“ Goethe.

Goethes „Italienische Reise“ startete in Karlsbad und weist auf der Karte im Museum in Malcesine wohl auch Tirschenreuth als Station auf.
von Werner Schirmer Kontakt Profil

Wer kennt das nicht - Ende September, kurz vor der nebelige Herbstzeit, möchte man schnell nochmal im Süden etwas Sonne tanken. Am Gardasee für ein paar kurze Tage nochmal italienisches Flair, Wärme und Essen genießen. Und natürlich etwas Kultur – die markante, weithin in den See hinein grüßende Burganlage von Malcesine ist da schon fast Pflicht. Das man dort dann allerdings über Johann Wolfgang von Goethe stolpert, ist da schon wieder erstaunlich. Am 13.September 1786 hatte er dort ein ziemliches Abenteuer zu überstehen. Und wie kam er dorthin, wo kam er her, wo war er 10 Tage vorher? Überraschung - er war in Tirschenreuth!!

Italienreise ein Jugendtraum

Genauer gesagt natürlich auch vor allem in Karlsbad. Von dort brach er am 3. September 1786 zu seiner „Italienischen Reise“ auf. Er stahl sich davon, genervt von seinen aufreibenden Aufgaben als Minister am Weimar Fürstenhof, genervt von der dortigen Hofdame von Stein, die – 7 Jahre älter als Goethe – für ihn unerreichbar schien. Er stieg ohne jede Information an sein Umfeld in Karlsbad in eine Kutsche und reiste los – sich seinen Jugendtraum, das klassische Italien, zu erfüllen. Also auf nach bella Italia!

Zitat stammt nicht von Goethe

In seiner „Italienischen Reise“, unter dem Kapitel „Von Karlsbad bis auf den Brenner“ taucht dann unsere ganze Heimat auf. Natürlich nur kurz, in Schlaglichtern, aber immerhin, der Deutsche Dichterfürst war da und hat einige Beschreibungen über dieses hügelige Klosterland jenseits der kaum spürbaren, böhmischen Grenze mit seinen guten Straßen verfasst. Über Eger und Waldsassen („köstliche Besitztümer der geistlichen Herren, die früher als andere Menschen klug waren“) kam er nach Tirschenreuth. Nein, er hat nicht geschrieben „das Tuchmacherstädtchen liegt gar schön“, das hat wohl ein hiesiger, vorwitziger Marketingstratege der frühen 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts erfunden. Aber er erwähnt unsere guten Straßen („von gedachtem Ort (Tirschenreuth) – beginnt die treffliche Chaussee von Granitland – es lässt sich keine vortrefflicher denken. Man kömmt fort mit unglaublicher Schnelle, die gegen den Böhmischen Schneckengang recht absticht“).

Ora sorgt für Stopp in Malcesine

Dann geht es weiter über Weiden, Nabburg, Schwandorf, Regensburg. „Regensburg liegt gar schön“ – hier hat es das tatsächlich geschrieben. Bis rauf zum Brenner und dann weiter zum Gardasee. Am 13. September steigt er am See in Torbole in ein Boot mit zwei Ruderern ein, um schnell über den See in Richtung Verona zu kommen. Früh um 3 geht es los, nur dann wehen die Winde von Nord nach Süd, gegen Mittag kippt dann dir Richtung des Windes in Richtung Nord. Man war an Malcesine schon vorbei, aber der Ora, der warme Südwind trieb den deutschen Dichter genau dort hin zurück. Schon am Boot hatte er die hochaufragende Burg gezeichnet, jetzt musste er sich in dem Ort, der bis dato nur mit dem Boot erreichbar war, die Zeit bis zum nächsten Tag totschlagen. Also ging er genau in jene Burg, ins „Castello Scaligero di Malcesine, um dort die Zeichnung zu vollenden.

Für einen Spion gehalten

Der Fremde wurde sofort von den Einheimischen misstrauisch beäugt, es dauerte nicht lange, da wurde er gefragt, was er denn dort mache. Die Bewohner der Stadt vermuteten tatsächlich einen österreichischen Spion, der die Verteidigungsanlagen ausspionieren sollte. Allerdings lag die Burg schon lange brach, hatte keine Tore, alles stand offen und war dem Verfall preisgegeben. Das war den stolzen, südländischen Bewohnern allerdings egal. Einer zerriss Goethes Bild, die Lage wurde langsam bedrohlich. Schließlich wurde der „Podesta“ geholt, der Bürgermeister. Aber auch der wurde aus dem gut gekleideten und mit fürstlichen Manieren ausgestatteten Besucher nicht ganz schlau. Sollte man ihn nicht besser doch ins Gefängnis werfen?

Schutz und freies Geleit

Goethe, der alles mit einer belustigten Gelassenheit verfolgte und in seinem durchaus brauchbaren Italienischkenntnissen kommentierte, erzählte schließlich, dass er aus Frankfurt am Main abstamme. Da empfahl eine Zuhörerin, doch den „Gregorio“ zu holen, der hatte einige Jahre dort gearbeitet. Das war dann die Lösung, beide Herren konnten sich über gemeinsame Bekannte und alte Erinnerungen austauschen, die Lage wurde entspannter und freundlicher. Schließlich bekam Goethe sogar Schutz und freies Geleit angeboten. Mit Meister Gregorio ging er dann in die Wirtschaft und seine Weinberge. Der Sohn brach dort die besten Früchte – Weintrauben – und überreichte sie dem nun wohl gelittenen Freund. Gegen Mitternacht brachte ihn sein Begleiter dann zum See und er bestieg seine Barke. Mit günstigem Wind schied er so wohlbehalten aus diesem italienischen Abenteuer. Es ging weiter nach Rom, später dann Neapel und Sizilien. Erst am 18. Juni 1788 traf er wieder in Weimar ein, knapp 2 Jahre nach seiner Abreise.

Ein kunstreicher Mann

Nur nebenbei: In seiner Verteidigungsrede für Goethe erwies sich Gregorio in der Burganlage von Malcesine schon auch als Hellseher: „Herr Podesta, ich bin überzeugt, dass dieses ein braver, kunstreicher Mann ist, wohlerzogen, welcher herumreist, sich zu unterrichten. Wir wollen ihn freundlich entlassen, damit er bei seinen Landsleuten gut über uns rede und sie aufmuntere, Malcesine zu besuchen, dessen schöne Lage wohl wert ist, von Fremden bewundert zu werden“.

Und das alles funktioniert bis heute, was der Artikel ja wiedermal beweist, nur die Dauer der Reisen nach Italien hat sich leider irgendwie verkürzt. Es war wohl die Dankbarkeit dem großen Dichterfürsten gegenüber, ihm genau in dieser Burg ein kleines Museum einzurichten. Auf dass auch die Deutschen immer mal wieder über den wahren Begründer des Tourismus in Malcesine stolpern sollten.

Der Anblick des „Castello Scaligero di Malcesine“ hat auch Johann Wolfgang von Goethe begeistert. Er fertigte eine Zeichnung an.
Goethes Zeichnung der Burg in Malcesine.
Die Burganlage mit Goethe-Denkmal.
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