10.11.2020 - 16:25 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Engpass im Landkreis Tirschenreuth: Grippeimpfstoff wird Mangelware

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Der Grippeimpfstoff ist auch im Landkreis Tirschenreuth begehrt. Die Lager der Apotheker sind leer oder nur noch gering bestückt. Besonders für Risikopatienten ist das problematisch.

Das ist er, der begehrte Grippeimpfstoff. Gut gekühlt bewahrt ihn Christian Züllich im Arzneimittelschrank im Keller auf. Der Pressesprecher der Landkreis-Apotheken hat noch Reserven. Das ist aber nicht überall so.
von Ulla Britta BaumerProfil

Hilde und Berta (Namen geändert), 92 und 80 Jahre alt und Schwestern, warten seit Wochen auf ihre Grippeimpfungen. Die beiden betagten Frauen aus Waldsassen sind Impfbefürworter. Im Corona-Pandemiejahr wollten sie es besonders richtig machen und haben sich bereits für Oktober einen Impftermin bei ihrem Hausarzt gesichert, für den 20. Oktober. Dann kam der Anruf aus der Arztpraxis: Abgesagt.

"Kein Impfstoff mehr da. Aber wir haben uns doch extra rechtzeitig angemeldet", sind die beiden Frauen erschrocken. Sie berufen sich auf die Aussage von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, dass gerade die Risikogruppen wie ältere Leute unbedingt gegen Grippe geimpft werden müssen und bevorzugt werden sollten. Die Seniorinnen werden auf Ende Oktober, Anfang November vertröstet und rufen in der Praxis an, wann die Impfung nun erfolgen kann. Die ernüchternde Antwort kann für die beiden Seniorinnen gefährlich werden, denn auch eine "normale" Grippe ist für ältere Menschen kein Pappenstiel: Wieder sei kein Impfstoff da, heißt es, vielleicht komme in drei Wochen Nachschub. Oberpfalz-Medien hat sich bei einigen Apotheken im Landkreis Tirschenreuth umgehört:

"Das wurde komplett unterschätzt"

In der Stadt-Apotheke Waldsassen schnauft die Mitarbeiterin Lisa Achatz tief durch, sobald sie die Frage nach Impfstoff am Telefon hört. "Es ist nichts mehr da und die Beschaffung ist extrem schwierig", sagt Achatz. Erschreckend: "Dabei sind wir mit über 500 Impfungen im Rückstand."

Ganz normal nach Bestellung im Vorjahr habe man die ersten Grippeimpfstoffe erhalten. „Aber die Nachfrage war viel größer“, sagt Lisa Achatz. „Das wurde komplett unterschätzt. Der Ansturm war ganz schlimm.“ Jetzt warte die Stadt-Apotheke täglich auf weitere Lieferungen. „Aber es gibt nichts mehr.“ Die Stadt-Apotheke habe bezüglich einer Nachlieferung auf Anfang November gehofft. Diese sei storniert worden. „Wir müssen dann immer erneut bestellen. Und das läuft nach dem Prinzip ,Wer zuerst kommt, mahlt zuerst‘.“

Keine Einzelimpfstoffe

Apotheker Roland Eckert von der Marien-Apotheke in Mitterteich geht es ähnlich. Er wartet auf die angeblich noch vorhandenen Bundesreserven und fragt sich ernsthaft, wo die denn seien und ob es diese, wie Minister Jens Spahn behaupte, überhaupt gebe. Dabei sei es absehbar gewesen, dass sich wegen Corona mehr Leute als sonst gegen Grippe impfen lassen wollen. Eckert befürchtet, dass die Nachlieferungen bei weitem nicht ausreichend sein werden und deshalb viele Leute nicht geimpft werden können in dieser Saison. "Impfstoffe können nicht einfach nachgeliefert werden."

Der Apotheker spricht Lieferungen aus Frankreich an, die aber nun auch eingestellt worden seien. "Zwar ist Impfstoff angekündigt. Wie viel wir bekommen und wann, das steht in den Sternen." Dabei, so Eckert, beginne die Hauptimpfsaison erst. Was ihn ärgert: Zu den sogenannten Bundesreserven gebe es für die Apotheker keine differenzierten Informationen. Keine guten Nachrichten hat Eckert für Privatpatienten, die sich ihren Impfstoff selbst in den Apotheken besorgen müssen. Großpackungen seien noch teilweise vorhanden. "Aber Einzelimpfstoffe werden voraussichtlich überhaupt keine mehr nachkommen", vermutet er. Eckert sorgt sich um die Risikogruppen, die dringend geimpft werden müssen. "Das wurde nicht vorausgedacht", sagt er.

Anfragen schon Anfang September

In Tirschenreuth zeichnet Christian Züllich, Pressesprecher der Landkreis-Apotheken, das Bild nicht ganz düster. Es sei noch Grippeimpfstoff auf Lager. "Aber er wird knapp." Züllich nennt als Grund für den Engpass 20 Prozent mehr Impfanwärter als im vergangenen Jahr. Statt erst im Oktober seien die ersten Nachfragen und Bestellungen von den Ärzten für den Impfstoff bereits Anfang September bei ihm eingetroffen. Auch er spricht davon, dass zu den Bundesreserven keine definitive Aussage gemacht werde vonseiten des Bundesgesundheitsministeriums.

Situation gemeistert

"Die Nachfrage nach Grippeimpfstoff ist weiterhin hoch", sagt Apotheker Dr. Sebastian Vonhoff aus Kemnath. Seiner Ansicht nach haben "die Ärzte engagiert geimpft". Weshalb er auch in seinen zwei Apotheken nicht mehr viel vorrätig hat. Dennoch hat man die Situation im Kemnather Land ohne großer Engpässe gemeistert. Nachschub wird es nach seinen Informationen in den kommenden Wochen geben.

Im Landkreis Schwandorf warten die Apotheker und Ärzte auch auf Nachschub beim Grippe-Impfstoff

Schwandorf
Hintergrund:

Aufforderung zur Solidarität

Laut einer Presseinformation der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) muss der Schwerpunkt für Grippeimpfungen bei Risikopatienten liegen. Die KVB schreibt, dass sie aus zahlreichen bayerischen Kommunen Rückmeldungen erhalte, dass kein Impfstoff mehr verfügbar sei. "Die Ankündigungen aus der Politik, wonach genug Impfstoff für alle zur Verfügung stünde, haben zu einem wahren Run auf die Praxen geführt. Fakt ist, dass die insgesamt geplanten Impfdosen nicht einmal dazu reichen werden, ein Drittel aller Menschen in diesem Lande zu impfen", heißt es weiter. Insofern sollte daher aus gemeinsamer Solidarität der Schwerpunkt der Impfungen gemäß der Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts auf Menschen mit erhöhtem Risiko, wie über 60-Jährigen, chronisch Kranken oder Schwangeren liegen, die des Impfschutzes am dringendsten bedürfen.

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