05.12.2021 - 11:54 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Erinnerungen an ungewöhnliche Ton-Krippen aus Tirschenreuth

Es ist schon gut 100 Jahre her, als die Geschichte des Gustav Grassy über seinen Großvater Friedrich und dessen ungewöhnliche Krippen begann. Der Werksleiter der Firma Zehendner schuf seine Figuren aus einem ungewohnten Material – aus Ton.

Einst zu Tausenden hergestellt, sind die Krippenfiguren aus Ton heute eine Rarität.
von Thomas SporrerProfil

Als Meister seines Faches schuf Friedrich Grassy, einst Werksleiter der Firma Zehendner, in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts ganz besondere Krippen und Figuren aus Ton: Handgefertigt, jedes einzelne Stück bemalt, alles „made in Tirschenreuth“. Jahrzehntelang wurden sie auf Christkindl- und Jahrmärkten verkauft, man möchte fast sagen verscherbelt. Heute ist das alles längst in Vergessenheit geraten. Es gibt wohl nur noch eine einzige komplette Ton-Krippe: die von Gustav Grassy, der sie als Familienerbe und Andenken an seinen Großvater hütet wie seinen Augapfel.

Wenige Pfennige pro Figur

Eine Krippe nicht aus Holz? In der Krippenstadt Tirschenreuth tut sich schon so mancher „Kenner“ schwer mit den geschichtsträchtigen Papierkrippen des Maurus Fuchs. Aber gar aus Ton? Ja, geht denn das? Na klar, es ging. Und ähnlich wie die Papierkrippe war die Krippe aus Ton eine „Krippe für die Leute mit weniger Geld“. So zwischen 5 bis 25 Pfennige pro Figur hat Friedrich Grassy dafür verlangt, als er und sein Sohn Georg die Figuren feilgeboten haben. Sie waren damit auf vielen Weihnachtsmärkten unterwegs im Stiftland und darüber hinaus, ausgestattet mit einem Buckelkoffer voller kleiner Krippenfiguren aus Tirschenreuther Ton. „Und selbst bei dem Preis haben die Leute noch versucht, zu handeln“, kann sich der 1936 geborene Gustav Grassy an so manche Geschichte seines Großvaters erinnern.

Los ging alles in den 1910er Jahren. Friedrich Grassy stammte aus Thurnau am Rande der Fränkischen Schweiz, sein Vater war ein italienischer Einwanderer. Dort betrieben sie gemeinsam eine Töpferei. Der Großvater hat dort gelernt und ist wegen der Geschäftsaufgabe nach Tirschenreuth gezogen, wo er dann in der Tonfabrik Wallner als Werkmeister gearbeitet hat. Später wechselte er in die Porzellanfabrik Zehendner und stieg zum Werksleiter auf. „Er brauchte von Zuhause nur über die Straße laufen und war in der Arbeit“, beschreibt Enkel Gustav den bequemen Arbeitsweg.

Einige tausend Figuren

Wie er auf die Idee kam, diese Figuren anzufertigen, konnte Gustav Grassy nicht mehr sagen. Die Figuren hat er privat gemacht, auch gebrannt wurde im heimischen Brennofen, sein Arbeitgeber hatte damit nichts zu tun. „Da sind über die Jahre einige Tausend Figuren geschaffen worden, wir hatten ganze Reihen von gleichen Figuren“, erinnert sich Enkel Gustav, der damals kurz nach dem Krieg auch schon in das „Geschäft“ hineingeschnuppert hat.

Für die Herstellung seiner Tonfiguren verwendete der Großvater exakte, selbst gemachte Modeln aus Gips. Von allen Figuren machte er große und kleinere Exemplare, die großen waren dabei die Ausnahme. Lange haben die Gips-Modeln auch nicht gehalten, maximal zwei bis drei Jahre, dann waren sie nicht mehr „scharf“, das heißt, die Kanten wurden rund. Es mussten neue Modeln gemacht werden, jeweils nach einem Abdruck aus den bisherigen. Das hatte zur Folge, dass im Laufe der Jahre die Figuren immer kleiner wurden. „Die Krippen mit den jeweils größten Figuren sind die ältesten Krippen“, erzählt Gustav Grassy lachend.

Den Ton hat der Großvater aus dem „Dougluach“ in der Maria-Weiher-Kurve (graue Farbe), gemischt mit einem Ton aus Schwandorf (braune Farbe). Das verbesserte die Brennfähigkeit der Figuren. Der Ton kam in die Modeln und wurde zusammengedrückt. Der Gips hat dann das Wasser ausgesaugt, nach etwa zehn Minuten konnte man die Figuren herausnehmen. „Das war eine komplizierte Geschichte, nach vier oder fünf Figuren ging es immer schlechter, man musste die Modeln wieder trocknen.“ Dann sind die Figuren getrocknet worden, 8 bis 14 Tage. „Waren sie zu nass, sind sie im Brennofen regelrecht zerrissen“, erinnert sich der Krippenfreund.

Arme mit Draht fixiert

Extremitäten wie Arme oder Flügel der Engel wurden vor dem Brennen mit einem Draht fixiert, sonst hielten sie nicht, kann sich der Rentner noch erinnern. Hergestellt wurden auch Hohl-Figuren. Da wurde der Ton ziemlich flüssig in die Model gefüllt und es gewartet, bis der Rand einigermaßen trocken war. Dann wurde der noch flüssige innere Teil des Tons wieder ausgeschüttet, fertig war die hohle Figur. War es soweit, kamen sie in den heimischen Brennofen, den sich Friedrich Grassy noch selbst in sein Haus eingebaut hat. Gebrannt hat der Ofen zwei Tage und Nächte. Auch nachts musste Holz nachgelegt werden. „Mit ein paar Schnapserln hat das der Großvater dann schon ganz gut geschafft“, schildert der Enkel schmunzelnd. Die Figuren haben in der Zeit tatsächlich geglüht. Nach dem Abkühlen sind sie dann angemalt worden. Da war dann mehr die Schwägerin aus Mitterteich zuständig.

Dann kam Sohn Georg zum Einsatz und zog von Weihnachtsmarkt zu Weihnachtsmarkt. Auch auf Kirchweihständen wurden die Figuren verkauft. Georg war gelernter Bäcker mit eigenem Geschäft in der Mitterteicher Straße, er ist dann im Krieg gefallen. Danach wurde der Reise-Verkauf eingestellt. Nur mehr von zu Hause aus wurden Figuren noch angeboten. Produziert wurde noch bis Anfang der 50er Jahre, dann war auch damit Schluss.

128 Figuren

Gustav Grassys Ton-Krippe dürfte eine der wenigen noch kompletten Ton-Krippen aus Tirschenreuth sein. Sie besteht aus insgesamt 128 Figuren. Das ist der Rest von einst vielen tausenden Figuren, die über die Jahrzehnte angefertigt worden waren. Seit dem Tod seiner Frau baut Gustav Grassy die Krippe aber nicht mehr auf. Ob die Krippe in der Zukunft auch wieder mal in einer großen Tirschenreuther Krippenschau ausgestellt wird, ist offen.

Im Museumsquartier in Tirschenreuth finden sich auch außergewöhnliche Krippen

Tirschenreuth
Figuren aus der Krippe von Gustav Grassy.
Figuren aus der Krippe von Gustav Grassy.
Großvater Friedrich Grassy und sein Enkel Gustav, etwa um 1938. Mit italienischen Wurzeln blieb der geborene Franke dann doch in Tirschenreuth hängen und begründete die feine, aber leider nur kurze Tradition der Ton-Krippen in Tirschenreuth.
Figuren aus der Krippe von Gustav Grassy.
Figuren aus der Krippe von Gustav Grassy.
Gustav Grassy hütet sie wie seinen Augapfel, die mit 128 Figuren wohl letzte, komplette Ton-Krippe aus Tirschenreuth.
Figuren aus der Krippe von Gustav Grassy.

„Da sind über die Jahre einige Tausend Figuren geschaffen worden.“

Gustav Grassy

 

 

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