24.04.2020 - 11:40 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Fisch- und Seeadler erobern Oberpfalz

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Das neue Adlerjahr hat begonnen. Nach dem milden Winter balzten die Seeadler bereits im Februar, besserten Horste aus und brüten seit Mitte März. Auch die Fischadler sind aus Afrika zurückgekehrt und haben mit dem Brutgeschäft begonnen.

Der Adler wegen begibt sich Matthias Gibhardt in schwindelnde Höhen. Jetzt sind 16 Kameras an den bekannten Horsten installiert, die wieder umfassende Erkenntnisse über die Brutsaison 2020 liefern werden. Diese Methode ist sehr hilfreich für das Monitoring der beiden seltenen Vogelarten.
von Norbert Grüner Kontakt Profil

Lange Zeit waren Fisch- und Seeadler im westlichen Teil Deutschlands ausgestorben. Laut Statistiken des Landesamtes für Umwelt (LfU) gab es in Bayern Seeadler bis 1850. Die Art spielte aber in der nördlichen Oberpfalz kaum eine Rolle. 1980 tauchten einzelne Exemplare auf und verschwanden wieder.

Birgit Üblacker, Leiterin der Unteren Naturschutzbehörde (UNB) am Landratsamt Tirschenreuth, erklärt, dass zu dieser Zeit alle Greifvögel große Probleme mit der Ausbringung des Pflanzenschutzmittels DDT hatten. Am Ende der Nahrungskette führte das Mittel bei den Greifvögeln dazu, dass die Eierschalen hauchdünn wurden und deshalb praktisch sämtliche Bruten erfolglos waren.

Alles begann in Grafenwöhr

Erst 2001 entdeckte ein Seeadlerpaar plötzlich die Region wieder für sich und brütete erfolgreich auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr. Erwin Möhrlein, Tirschenreuther BN-Ortsvorsitzender, weiß nach einer Aufzeichnung eines Herrn Zahn, dass Fischadler zuletzt 1928 und 1929 im Großensterzer Wald beziehungsweise Heusterzwinkel brüteten. Auch diese Art kehrte urplötzlich zurück und ist in der Oberpfalz gerade dabei, eine funktionsfähige Population aufzubauen. Dabei steht der Landkreis Tirschenreuth besonders im Fokus.

Von Anfang an sind viele Experten damit beschäftigt, das Leben der seltenen Greife zu beobachten und zu dokumentieren. An allen bekannten Horsten werden die Jungvögel beringt und im vergangenen Jahr stattete Matthias Gibhardt, der Leiter des Reviers Falkenberg im Forstbetrieb (FB) der Bayerischen Staatsforsten Waldsassen, zusätzlich alle Adlernester mit Wildkameras aus, die Aufschluss auf die Jungenaufzucht der stolzen Vögel geben.

Reportage über die Beringgung der Jungadler

Tirschenreuth

Bereits im Februar bestückte der Förster zusammen mit Baumkletterer Manfred Köstler wieder alle bekannten Horste mit den Kameras samt frischer Batterien und leerer Speicherkarten. Bis weit in den September hinein zeigen die alles, was dort oben in schwindelnden Höhen passiert.

Täglich sendet jede Kamera pünktlich um 12 Uhr ein Bild an den Rechner in Gibhardts Büro. Damit ist er immer bestens informiert: "Ich weiß, welche Adler wie viele Eier gelegt haben, wie viele Jungen daraus geschlüpft sind und wann sie groß genug sind, dass sie beringt werden können." Auch viele neugierige Gäste der verschiedensten Arten ziehen die Adlernester an, was viele der 16 888 Fotos, die die elf Kameras in der Vorjahressaison aufgezeichnet haben, dokumentieren. Neben dem Forstbetrieb hat auch der Landkreis auf seinen Flächen fünf Nisthilfen für Adler installiert. Drei davon wurden in Kooperation mit dem FB Waldsassen heuer erstmals mit Wildkameras bestückt. Die gehören dem Landkreis und wurden vom Baumkletterer Manfred Härtl, der seit Jahren das Adlerprojekt der BaySF Waldsassen begleitet, installiert. Diese Daten gehen nicht an Matthias Gibhardt, sondern direkt an die UNB, wo sie ebenfalls um die Mittagszeit an einen UNB-Rechner im Landratsamt gesendet werden.

Wildkameras geben Aufschluss auf die Jungenaufzucht der Adler

Tirschenreuth

Die vorjährige Brutsaison sei eine durchschnittlich gute gewesen, erklärt Matthias Gibhardt. Mit einer Nistplattform, die Förster Günther Weiß vor gut zehn Jahren in dessen Wiesauer Revier auf einem idealen Horstbaum platziert hat, habe alles angefangen. Niemand habe damals wohl damit gerechnet, dass von dort aus in relativ kurzer Zeit einmal ein Adler-Hotspot entstehen würde. Die erste Brut im Jahr 2010 brachen die Fischadler aber ab.

Ich weiß, welche Adler wie viele Eier gelegt haben, wie viele Jungen daraus geschlüpft sind und wann sie groß genug sind, dass sie beringt werden können.

Adlerexperte Matthias Gibhardt

Elf Nester beim Forstbetrieb

Von Anfang an war der Adler-Experte Daniel Schmidt-Rothmund, Leiter des Nabu-Vogelschutzzentrums Mössingen, mit an Bord. Er beringte die meisten Jungvögel. Matthias Gibhardt betreut seitens der BaySF die Gesamtpopulation in der Region.

Mittlerweile hat der FB Waldsassen elf Adler-Nisthilfen auf seinen Flächen im Landkreis angebracht. Zwei Seeadlerpaare haben den Landkreis ebenfalls für sich wiederentdeckt und ziehen hier seit ein paar Jahren erfolgreich ihre Jungen groß.

In beiden Seeadlerhorsten des Landkreises ist wieder Nachwuchs in Sicht. In einem Horst sind, streng bewacht von der Mutter, bereits zwei Küken (die weißen Flaumknäuel unter dem Bauch des Altvogels (links im Bild) geschlüpft.
Dieser Fischadler brütet auf einer Nistplattform, die der Landkreis installiert hat. Auch da wird sich bald Nachwuchs einstellen.
Im Blickpunkt:

Für ihre Arbeit für den See- und Fischadlerschutz wurde der Adlergruppe Oberpfalz Ende vergangenen Jahres die "Natura 2000-Partnerschaft" zuerkannt. Mit dieser Auszeichnung werden Naturschutz-Partner geehrt, die sich auf vorbildliche Weise um den Schutz und die Erhaltung des europäischen Natur-Erbes bemühen. Im Falle der Adlergruppe Oberpfalz "handelt es sich um ein Netzwerk aus etwa 50 Personen unterschiedlichster Organisationen, Institutionen und ehrenamtlich Tätigen, die sich gemeinsam um den Schutz der Fisch- und Seeadler in der Oberpfalz bemühen", heißt es in der Laudatio. Regierungspräsident Axel Bartelt, der stellvertretend für Umweltminister Torsten Glauber die Auszeichnung vornahm, lobte: "Sie unterstützen mit Ihrer Arbeit, mit Ihrer Kooperation und Ihrem Wissen, dass sich die Könige der Lüfte ihren Lebensraum bei uns in der Oberpfalz zurückerobern können. Ihr vorbildlicher Einsatz für den Artenschutz verdient Lob und Anerkennung." "Natura 2000" sei ein Netzwerk aus Schutzgebieten zur Sicherung des Europäischen Naturerbes. In allen EU-Mitgliedstaaten schütze "Natura 2000" besondere oder für Europa charakteristische Lebensräume und ihre typischen Tier- und Pflanzenarten. Dabei seien in ganz Europa mehr als 27 000 Schutzgebiete ausgewählt worden. Zum anderen schütze "Natura 2000" einzelne Tier- und Pflanzenarten, die in Europa selten geworden seien oder nur in Europa vorkämen. Fisch- und Seeadler galten in Bayern schon lange als ausgestorben. Vor allem in der Oberpfalz lebten seit einigen Jahren wieder Brutpaare dieser stolzen Greifvögel. Sie seien fast die einzigen ihrer Art in ganz Süddeutschland und damit wahre Juwelen der heimischen Natur. Wolfgang Nerb, fachlicher Koordinator und Ansprechpartner für Fisch- und Seeadlerschutz an der Regierung der Oberpfalz, zeigt sich beeindruckt vom Verbund der Adlerbetreuer aus Forstbetrieben, der Umweltabteilung der US-Army, Privatwaldbesitzern, Behörden und Naturschutzverbänden sowie vielen weiteren engagierten Akteuren. Ihnen sei es zu verdanken, dass im Jahr 2019 oberpfalzweit 36 junge Fischadler und 9 Seeadler ausgeflogen sind - das bislang beste Ergebnis seit Beginn der Wiederbesiedlung. Der Falkenberger Revierleiter des Forstbetriebs Waldsassen ist regional der Experte, bei dem alle Fäden zusammenlaufen. 2019 hat er erstmals alle bekannten Adlerhorste im Gebiet der Staatsforsten mit Kameras ausgestattet und so ein Monitoring vom Brutgeschäft der scheuen Vögel ermöglicht. Er freut sich über die Auszeichnung mit der "Natura-2000-Partnerschaft".

Matthias Gibhardt mit der Urkunde, die ihn als Adlerschützer auszeichnet.
Information:

In Bayern brüteten im Vorjahr 17 Fischadlerpaare, 11 davon erfolgreich. 15 Jungvögel sind ausgeflogen. In der Oberpfalz waren 7 Brutpaare erfolgreich und 8 Jungvögel wurden flügge. Verzeichnete man 2018 bei den Fischadlern einen Totalausfall, war bei den Jungvögeln die Situation 2019 besser und lag im Durchschnitt. 5 Fischadlerpaare brüteten 2019 im Landkreis. Sie legten 15 Eier, aus denen 11 Jungtiere schlüpften. 8 von ihnen sind ausgeflogen. Oberpfalzweit brüteten im vergangenen Jahr 16 Fischadlerpaare. 40 Jungvögel wurden beringt, 37 wurden flügge. Aktuell sieht es so aus, dass die zwei bekannten Seeadlerhorste im Landkreis bebrütet werden. An drei Fischadlernestern sind ebenfalls Bruttätigkeiten im Gange. Auf mehreren anderen Fischadlerplattformen wird noch gebaut. Ob dort noch eine Brut zustande kommt, ist laut Matthias Gibhardt nicht vorhersagbar.

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