30.12.2019 - 10:55 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Freiheit für den Waldkauz: Sepp darf wieder Mäuse fangen

Über 200 Tage ist es nun her, als ein Waldkauzküken bei Dieter Brandl abgeliefert wurde. Das Tier war bei Holzfällarbeiten aus dem Nest gefallen. Brandl hat es aufgepäppelt und kürzlich wieder in die Freiheit entlassen.

von Ulla Britta BaumerProfil

Der possierliche Waldvogel hat viel mitgemacht und wohnte über ein halbes Jahr bei Dieter Brandl. Der Tirschenreuther hat ihn nach einem schlimmen Unglück aufgepäppelt. Das Nest des Waldkauzküken wurde bei Baumfällarbeiten übersehen. Seine drei Geschwister starben. Als einziger Überlebender wurde es sofort nach dem Unglück zu Dieter Brandl gebracht.

Der Tirschenreuther versucht, verletzte Waldtiere und Vögel zu retten. Zwar sind die kleinen Patienten manchmal lange bei Brandl, dennoch gibt er ihnen normal keine Namen. Da kämen zu viele Emotionen ins Spiel, begründet dies Brandl. Er dürfe sich nicht an die Tiere gewöhnen, weil sie wieder ausgewildert werden müssen. Das sei das einzig Richtige für sie.

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Wobei das mit dem "Namenlos" nicht ganz stimmt. "Manchmal sag' ich Sepp zu ihm, oder du Depp", gesteht Dieter Brandl lachend. Sepp lebte in einer Voliere draußen im Garten und wurde gut versorgt. "Zuerst mit geschabter Leber, später mit Küken, Mäusen und Tauwürmern", erzählt Brandl vom reich gedeckten Tisch. Kein Wunder, dass Sepp so zu einem stattlichen Waldkauz heran wuchs.

Appell an Holzfäller

Er hatte wirklich richtig Glück. Die Chancen, ein verletztes Tier durchzubringen, stehen laut Brandl 50 zu 50. Susanne Pätz, Biologin und Fachkraft für Naturschutz am Landratsamt, die mit Dieter Brandl eng zusammengearbeitet, bittet in diesem Zusammenhang die Holzfäller, im Frühjahr besonders auf Nester zu schauen. Zwar dürften die Bäume gefällt werden, aber es sei schade, wenn dann geschützte Vögel wie der Waldkauz dabei sterben müssten.

Pätz tippt bei dem Geschlecht des Tieres auf ein Männchen. Das höre man an seiner Stimme. Kürzlich war Sepps großer Tag: Er wurde ausgewildert. "Das war nicht leicht, ihn in der Voliere einzufangen", erzählt Brandl. "Der ist mit seinen Krallen auf mich zugeflogen, dass ich fast Angst bekommen habe." Diese Scheu zeige aber, dass sich der Waldkauz nicht an Menschen gewöhnt habe und deren Nähe nicht suche. Wochen vorher schon musste sich Sepp sein Futter selbst holen in der Voliere. Auch eine Maßnahme zur Auswilderung.

Während der Waldkauz in einer mit Stroh ausgelegten Tiertransportkiste in den Wald gefahren wird, sitzen die Elstern "Pkw" und "Lkw" in einer Pappschachtel. Warum "Lkw" und "Pkw" und warum diesmal doch Namen? "Weil die eine in einen Pkw geflogen ist und die andere in einen Lkw", lacht Brandl. Beide sollen heute auch entlassen werden, nach nur zwei Wochen päppeln. Sepp dagegen war 200 Tage in Brandls Obhut. Da kann man als Waldkauz schon "Schiss" bekommen vor der großen Freiheit, was Sepp gleich ungeniert demonstrieren wird.

Käuzchen-Rufe aus dem Handy

Brandl hat lange vorher nach einem Revier für den Vogel gesucht. Wo das ist, verrät er nicht. "Im Umland von Tirschenreuth", sagt er, wo er andere Käuze beobachtet habe. Nach einer holprigen Fahrt durch dichten Morgennebel im Jeep von Susanne Pätz wird im tiefen Wald bei einer Lichtung Stopp gemacht. Brandl stellt Sepp mit der Kiste auf einen Baumstumpf. Dann entfernt er die Klappe, Sepp ist frei.

Nur hat der Waldkauz nun völlig den Mut verloren. Ängstlich duckt er sich immer tiefer in seine Kiste und macht keine Anstalten, rauszukommen. Geduld ist angesagt. Brandl beteuert, dass er anfangs täglich nach Sepp schauen werde. Denn auch die Chance, dass das Tier die Wildnis überlebt, sei leider nur 50 zu 50.

Als natürliche Feinde zählt Brandl Fuchs, Dachs und Wildsau auf. Deshalb müsse der Vogel rasch rauf auf einen Baum. Er will aber auf keinen Baum. Er duckt sich weiter in die Kiste. Susanne Pätz lockt ihn mit Käuzchen-Rufen aus dem Handy. Sepp bleibt in der Kiste. Brandl nimmt Plan B in Angriff und hebt den gesamten Kistendeckel ab. Jetzt sitzt Sepp sozusagen im Freien. Da reckt sich der Waldkauz plötzlich in voller Größe und schaut neugierig mehrmals mit einer einzigen Kopfdrehung rundherum. Das können Käuze.

Eine Minute später fliegt der Vogel los und landet wenige Meter entfernt im Gebüsch auf dem Waldboden. Nicht ganz im Sinn von Dieter Brandl, der den Kauz lieber oben in den Ästen sehen würde. Aber er lässt es gut sein. Denn im Gebüsch herumstochern würde Sepp jetzt nur verschrecken. "Ich schaue gleich Mittag noch einmal nach ihm", verspricht Brandl, seinen Schützling lange nicht aus den Augen zu lassen.

Während sich der Kauz endgültig an seine Freiheit gewöhnen muss, machen die Elstern keine derartigen Zicken. Brandl und Pätz lassen sie an einer Bushaltestelle im Dorf frei und schon sind sie weg. Die beiden Tierfreunde können zufrieden heimfahren. Sie haben wieder drei heimische Vögel retten können.

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