31.05.2019 - 09:15 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Fried: „Wir sind verloren“

Alexander Fried hat drei KZ und den Todesmarsch an die Ostsee überlebt. Im zweiten Teil unserer Serie erzählt der 94-jährige Professor, der in Tirschenreuth lebt, über die permanente Todesangst und den Weg ins Lager.

In einen solchen Waggon wurden Alexander Frieds Freunde in den Tod transportiert.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Es ist die letzte Hoffnung für die Jungs und Mädchen aus Žilina: Vater Bertalan schickt Alexander Fried im Sommer 1941 in die Berge nach Cadca, zur Hachschara, der Vorbereitung für die Auswanderung nach Palästina. Die jungen Leute sollen in der Lage sein, im Kibbuz zu überleben. Der Traum vom Sehnsuchtsziel der Juden zerbirst mit den Fensterscheiben, die Männer der faschistischen Hlinka-Garde zertrümmern. Sie deportieren alle jungen Männer ab 16 Jahren, angeblich zum Arbeitseinsatz. Nur ein Junge kann fliehen, Moshe Schwarz. Ziel unbekannt.

Die Gardisten verfrachten die Gefangenen in einen Zug Richtung Žilina. Endstation: das Lager Závodie in der Nähe der Stadt. Am Tor der ehemaligen Kaserne der zynische Schriftzug „Arbeit macht frei“. „Die Wachen brüllten, prügelten mit Stöcken“, erinnert sich Alexander Fried. „Es gab kaum zu essen und zu trinken, wir mussten in der Kälte in überfüllten Pferdeställen auf Stroh schlafen.“ Die fünf Freunde aus der Hachschara bleiben zusammen. „Wer ist Alexander Fried?“, fragt nach ein paar Tagen ein Wachmann und bringt ihn zum Kommandanten. „Das ist ja Herr Marcek“, erkennt Fried den Mann vor ihm, der in der Nähe der Frieds gewohnt hatte. „Du wirst entlassen.“ Warum? Hatten seine Eltern bei dessen Frau vorgesprochen? Fried wird es nie erfahren.

Wie Schlachtvieh

„Deine Freunde gehen auf den Transport in ein Arbeitslager“, sagt Marcek lakonisch. Alexander will bei Kiki Alt, Isi Miadownik, Walter Holzmann, Schani Sproncz und Paul Zlattner bleiben. Keine Diskussion. „Der Horror begann zwischen Mitternacht und 4 Uhr“, sagt Fried. Der Stall wird geleert, der Kasernenhof mit Gleisanschluss ist in gleißendes Licht getaucht. Eine Lok und Viehwaggons mit winzigen vergitterten Fenstern. Gardisten brüllen und stoßen. Ein Schreiber hakt die Namen ab, die jungen Männer müssen einen Wisch unterschreiben. Fried ist nach Kiki an der Reihe. „Ach, du bist das. Rechts raustreten!“ Als alle abgehakt sind, muss er einem Soldaten zum Zug folgen, mobile Holztreppen zu den Waggons schleppen. Nach Stunden sind die Wagen vollgepfercht mit Menschen, Alexander ist in Schweiß gebadet. Mit Holzklappen werden Zugänge verriegelt. „Schlachtvieh wird zum Schlachthof gefahren“, muss er denken.

Teil 1: Der Untergang des Schtetls

Deutschland und die Welt

In der Verwaltung sagt man ihm am nächsten Tag: „Du kannst gehen.“ – „Wann?“ – „Jetzt sofort, geh!“ Er wankt auf das Tor zu. Was würde geschehen? Ein Schuss in die Luft? In seine Brust? Er zeigte seinen Zettel vor, das Tor öffnete sich. Der Pfiff eines Zuges. Er hat die Gesichter seiner Freunde vor Augen. Er spürt nichts mehr. Die abgemagerte Gestalt des 16-Jährigen schleicht nach Hause. Es ist ein Freitag, als er an der Haustür klingelt. Fried steht vor dem Namensschild, er hört den Schlüssel im Schloss, die Mutter steht vor ihm. „Schanele ist da! Ein Wunder, welches Glück! Komm‘ rasch herein, Berti, Icu, kommt, Schani ist zurück!“ Er erfährt, wie sich sehr sich Žilina verändert hat. „Für Juden verboten.“ Alles. Als im September Závodie geschlossen wird, ist die jüdische Gemeinde um 80 Prozent dezimiert. „Lasst uns den Schabat feiern!“ Der Kerzenleuchter steht auf dem Tisch, der Kiddusch-Becher ist gefüllt. Mit den Eltern betet er für die Freunde, für die Namenlosen.

Alexander Fried im Interview.

Auf Tisos Baustelle

Ein Freund verschafft ihm eine Überlebenschance: „Der Inhaber dieses Ausweises ist für die Wirtschaft der Slowakei unabkömmlich.“ Darunter Name und Adresse von Fried. Die beiden gehören jetzt zur Stavebné Druzstvo, zum Bautrupp. Dazu steckt im sein Kumpel Alexander Spanik wortlos ein Stück Papier zu: ein Ausweis des Weltpostvereins auf den Namen Milan Novotný, ein in der Slowakei gebräuchliches Dokument. Frieds erster Arbeitseinsatz mit Jan Weil ist in Bratislava. Sie haben eine Unterkunft in der Nähe der deutschen Schokoladenfabrik Stollwerck. Anschließend werden beide Anfang 1943 nach Vrútky geschickt, 20 Kilometer von Žilina entfernt.

„Jedna pani povedela – eine Frau hat gesagt.“ So beginnt in diesen Tagen jedes Gerücht, dass eine Razzia bevorsteht. Manchmal stimmt es, manchmal nicht. Die Angst ist allgegenwärtig. Bruder Icu verstecken die Eltern in einem katholischen Kloster in der Spiš, der Zips, einem Landstrich der Hohen Tatra. Vater Bertalan findet Schutz in Nitra im Neutraer Hügelland im westslowakischen Donautiefland, wo geschickte Rabbiner mit Kontakten zu einem katholischen Priester eine Schutzzone, den „kleinen Vatikan“ errichten. Die nächste Baustelle: Bánovce nad Bebravou, wo ein Kulturgebäude gebaut wird. In Bánovce leitet Priester-Präsident Tiso eine Gemeinde. Eines Tages steht er vor dem Jungen. „Ich glaube, dass ihr niemals verschwinden werdet“, sagt er. Für Fried bleibt der Satz ein Rätsel.

Aufregung auf der Baustelle in Banovce. Der slowakische Cowboy Arpad Grünwald warnt Schani, dass die Nazis vor dem Einmarsch in die Slowakei stünden: „Du kannst gehen, hier bleiben, bis die Faschisten da sind, oder mit uns kommen.“ Sie beschließen, sich Partisanen in Nováky anzuschließen. Arpad verteilt Waffen, die im Gebüsch versteckt waren. Schani fühlt sich unwohl mit dem Gewehr und noch unwohler wegen Mutter und Bruder. Er entscheidet sich, trotz der Warnungen vor den Kontrollen der Deutschen, zu ihnen zu fahren. Auf freier Strecke hält der Zug, Soldaten durchsuchen die Waggons, Schani hat nur noch den Weltpostausweis, der kritisch begutachtet wird. Der deutsche Kontrolleur ist abgelenkt, gibt den Ausweis zurück.

Freudenschrei aus der Küche

Schani klopft wie vereinbart an die Wohnungstür, zweimal lang, zweimal kurz. Geräusche, die Tür geht auf: „Icu!“ – „Es ist Schani!“ Ein Freudenschrei aus der Küche. Julischka ist glücklich. Der 19-Jährige will die Mutter überzeugen zu fliehen. Doch Julischka ist nach einer Operation schwach, kann kaum mehr gehen. Julischka Fried sitzt inmitten der Front zwischen SS-Truppen und Partisanen mit ihren Söhnen auf der Veranda ihrer Wohnung und singt. „Ein Lied geht um die Welt, ein Lied, das uns gefällt. Die Melodie erreicht die Sterne. Jeder von uns hört sie so gerne.“ Auch Schani sollte sich ein Lied aussuchen: „Dos jidl vandert un wert nit mid. Er lakht fun di sonim wen got iz mit im. Ver ken im shlekhts ton, ver? – Der Jude wandert und wird nicht müd’, er lacht über die Feinde, denn Gott ist mit ihm. Wer kann ihm Schlechtes tun, wer?“

Am nächsten morgen sagt Julischka: „Ihr müsst verschwinden. Sofort!“ Der furchtbarste Moment in Schanis Leben. Icu sieht schon Soldaten aus dem Haus Nummer 16 kommen: „Mama, bitte komm mit uns, bitte!“ Sie hören Schritte unten näherkommen. „Los, lauft! Los!“, ist das Letzte, was sie von Julischka hören, als sie über die hohe Mauer hinter dem Haus springen. Die beiden Jungs laufen planlos aus der Stadt zum Fluss Rajcanka zwischen der Landstraße nach Bratislava und dem Strom Vah/Waag. In einem Steinbruch beobachten sie Arbeiter. Ein 30-jähriger Landarbeiter geht auf sie zu: „Ich heiße Antonin Belanik, aber ihr könnt mich gerne Tonko nennen.“ Tonko hatte im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Faschisten gekämpft. Sie überqueren mit ihm den Fluss Vah, bis sie das Dorf Dlhé Pole in einem freundlichen Bergtal erreichen. Tonko schiebt die müden Jungs ins Haus Nummer 1 mit dem großen Kreuz im Garten. „Du heißt Zyprian“, deutet er auf Schani, „und du Philipp. Meine Frau Maria ist eure Schwester und ich bin euer Schwager.“

Gedenkstätte des Konzentrationslagers Sereď.

Versteck im Heustadel

Maria sieht die beiden sorgenvoll an, stellt Gemüsesuppe auf den Tisch. In der ersten Nacht dürfen die beiden im Bett des Paars schlafen. Dann sucht Tonko ein Versteck in einem Heustadel. Die Jungs helfen bei der Kartoffelernte, riskieren, dass sie gesehen werden.

Die Einschläge kommen näher, die Deutschen reißen die Macht in der Slowakei ganz an sich. Es wird immer gefährlicher auch für die Beschützer. Am 6. Dezember 1944 eine Razzia, es klopft an die Kiste, in der sie sich verstecken. Großes Durcheinander, Soldaten mit ukrainischem Akzent, das letzte Aufgebot der Deutschen durchkämmt das Dorf, einer der Soldaten stellt Schani an die Wand, entsichert das Gewehr, Todesangst, ein anderer Soldat kommt dazu: „Warte, schieß noch nicht. Unser Kommandant kann aus denen noch Informationen herauspressen.“ Schani wird auf einen Lastwagen verfrachtet. Die Fahrt führt zurück nach Žilina.

Schwarz uniformierte slowakische Soldaten zerren die Gefangenen aus dem Lastwagen, bringen sie in einen Keller. Anschließend wieder hoch und raus durch die Straßen der Stadt zum zentralen Polizeiamt in Žilina, wenige hundert Meter von der Dlabacová weg. Dort residiert jetzt die SS. Eine große Zahl Gefangener kauert sich zusammen, nichts zu essen oder trinken, kaum funktionierende Toiletten. Die völlige Auflösung der Zivilisation. „Wir sind verloren“, sagen einige immer wieder. Manche beten, manche weinen, manche erbrechen sich, andere fallen in Ohnmacht. Die Uniformierten bewegen sich mit blasierter Sicherheit. Gewalt, Angst und Bluff verunsichern die Opfer. Sie können jederzeit zuschlagen oder auf der Stelle töten. Allmachtsphantasien kleiner Biedermänner werden Wirklichkeit.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.