04.02.2021 - 10:34 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Wenn der Frost beißt, rücken die "Eiserer" an

Für die Brauer ist lange Zeit Natureis die Grundlage ihrer Existenz. Gebraut werden kann daher nur im Winter. Unter anderem am Musl-Teich in der Stadt Tirschenreuth sägen Arbeiter das Eis in Blöcke. Erst mit einer Erfindung von Carl Linde ändern sich die Zeiten.

von Rainer ChristophProfil

Bayern zählt zu den deutschen Bierhochburgen. Im heutigen Tschechien kam es unter dem kommunistischen Regime zu einem Brauereisterben. Seit 1990 hat sich die Anzahl der Brauereien jedoch erheblich verbessert.

Da für die Gärung Temperaturen von vier bis neun Grad Celsius benötigt werden, durften die Brauereien bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nur in den Wintermonaten Bier produzieren. Erst die Ausweitung des Natureishandels ermöglichte es, dass anno 1865 in Bayern das Verbot des Bierbrauens in der Sommerzeit aufgehoben wurde. Jetzt durfte ganzjährig gebraut werden, das Bier wurde nicht mehr so schnell sauer. Die Bayerische Landesausstellung 2016 "Bier in Bayern" im ehemaligen Kloster Aldersbach zeigte auch die Situationen der Brauereien vor Einführung der künstlichen Kühlung 1876.

Acht Tage Frost

Bis Anfang der 1960er Jahre wurde zum Beispiel im Landkreis Tirschenreuth Natureis für die Kühlung des Biers aus den Teichen und Seen des Stiftlandes geholt. So auch in der Stadt Tirschenreuth. Hinter dem Anfang des Siedlerweges liegt bis heute ein Teich der Brauerei Kühn (Hausname Musl). Zu den im Winter unbesetzten Fischteichen, rückten die "Eiserer" meist im Januar und Februar an. Eine Stärke von 10 bis 20 Zentimetern musste das Eis aufweisen. Mindestens acht Tage strengen Frost brauchte es, damit auf den gefrorenen Teichen mit dem "Eisen" begonnen werden konnte.

Das Herausholen der Eisblöcke erfolgte durch das Sägen größerer Platten. Anschließend wurden die Blöcke mit Eishaken ans Ufer gezogen. Hier begann bereits das Zerkleinern mit Pickeln. Der Transport zum Eiskeller erfolgte mit Pferdefuhrwerken. "Diese Aufgabe übernahm damals mein Vater und sein Bruder mit zwei Pferdegespannen", so Leonard Kühn.

Zur Ladefläche des Wagens wurden stabile Bretter und Bohlen gelegt, um das Eis über eine schiefe Ebene auf die Ladefläche zu befördern. Sobald der Wagen voll war ging es zum Eiskeller. Dabei kam das nächste Gespann schon angerollt. Das alles war anstrengend und auch nicht ungefährlich, doch für viele Männer eine gute Gelegenheit, sich im Winter etwas dazu zu verdienen.

Eiskeller der Brauereien

In die Kellerschächte wurden die Eisbrocken über Förderrutschen geschoben. Der "Musl-Teich", wie er genannt wurde, lag recht günstig zu den Eiskellern der Brauerei. Einer befand sich unter dem Kino, die beiden anderen unterhalb des Wirtshauses bei der damaligen Brauerei.

Um möglichst viel Eis zu lagern, mussten andere Arbeiter immer wieder in den Keller, um Platz für die nächste Fuhre zu machen - ebenfalls sehr anstrengend. Vor allem mussten sie sich gegen Erfrierungen schützen. Da das Schuhwerk in dieser Zeit noch keinen Thermoschutz hatte, wurden um die Lederschuhe oder Gummistiefel Lappen gewickelt.

Zum Glück war das Eis vom Musl-Teich in der Regel sehr sauber. War dies nicht der Fall, musste es eigens gesäubert werden, denn Schilf-und Schmutzanteile, aber auch Luftblasen wirkten sich negativ auf die Temperatur aus. Wichtig war es auch, das Schmelzwasser abzuleiten, da es den Erhalt des Eises gefährdete. Vor dem Winter mussten sämtliche Türen des Eisraums bei Frost geöffnet werden, so dass der Raum ausdünsten und abkühlen kann.

Neben der Kühlung des Biers im Lagerkeller, wurde das Natureis auch beim Gärungsprozess benötigt. Eine konstant niedrige Temperatur war Voraussetzung für eine erfolgreiche Gärung. Zum Glück waren die Winter in dieser Zeit noch nachhaltig kalt. Da froren die Teiche bald wieder zu und konnten nach geraumer Zeit ein weiteres Mal Eis liefern.

Wenn der grimmige Winter, begleitet vom scharfen "Böhmischen Wind", die Wasserfläche mit einer ersten festen Eisdecke überzogen hat, kam für die Jugend die Gelegenheit, sich auf den schmalen Kufen der Schlittschuhe dem Vergnügen hinzugeben, auf dem blanken Eispanzer allerhand Bogen, vorwärts und rückwärts, hinzulegen. Die Schlittschuhe wurden damals noch seitlich an die Sohlen der Winterschuhe geschraubt und mit Riemen festgezurrt. Da kam es schon mal vor, dass der Eislauf plötzlich durch eine abgelöste Schuhsohle an der ein Schlittschuh hing, abrupt unterbrochen wurde.

Kurzes Eis-Vergnügen

Zum Leidwesen der Kinder, die den Teich am Siedlerweg gerne zum Schlittschuhlaufen nutzten, wurde das Vergnügen mit der Enteisung beendet. Zum Glück froren die Teiche bald wieder zu und konnten nach geraumer Zeit wieder genutzt werden, bis erneut das Eis abgeholt wurde.

Wer die Pilsener Brauerei besucht, wird bei den Führungen auch in die ehemaligen Eiskeller kommen, in denen das Natureis gelagert wurde. Die Pilsener Innenstadt ist durchzogen von Kellern, die auch besichtigt werden können. Ein Eiskeller gehörte zu den gut durchdacht angelegten Kellerkomplexen der brauberechtigten Stadthäuser. Er lag im oberen Kellergeschoss, wenn das Eis langsam taute, lief das Eiswasser in die darunter gelegenen Gär- und Lagerkeller und kühlte sie. Die unterirdischen Räume entstanden zeitgleich mit dem Bau der ersten Bürgerhäuser und der Stadtgründung ab dem Ende des 13. Jahrhunderts.

Auch Keller aus dem 18. Jahrhundert sind noch vorhanden. Ursprünglich dienten sie der Aufbewahrung von Lebensmitteln, aber sie wurden im großen Umfang auch zur Bierherstellung gebraucht. Der Zugang zu den Kellern liegt im Brauermuseum in der Stadt. Im Frühjahr 1842 übernahm der Niederbayer Josef Groll den Posten als Braumeister im Bürgerlichen Brauhaus der westböhmischen Metropole. Anfang Oktober 1842 wurde die Produktion seines neuen Bieres gestartet. Im November 1842 präsentierte er stolz das Ergebnis. Damit begann der Siegeszug des weltweit bekannten Pils. Ohne den Einsatz von Natureis wäre dies nicht möglich gewesen.

Die erste Kältemaschine wurde von dem Ingenieur Carl von Linde erfunden. Er wurde am 11. Juni 1842 als drittes von neun Kindern in Berndorf (Oberfranken) in eine ärmliche protestantische Pfarrersfamilie hineingeboren. Besser wurde es nach der Versetzung des Vaters ins Allgäu. Hier konnte Carl das Gymnasium in Kempten besuchen. Über einen Schulfreund, dessen Vater eine Fabrik besaß, die er immer wieder besuchte, begann er sich für Technik zu begeistern.

Kältemaschine von Linde

Seine erste Kältemaschine fertigte Linde 1871. Seine Erfindung basiert auf den Gesetzen der Wärmelehre. Im Kühlschrank wird ein Kühl- oder Kältemittel durch Metallröhren im Kreis gepumpt. Die ersten Großbrauereien nutzten bereits seit dieser Zeit Kältemaschinen, um von der Eisbildung im Winter unabhängig zu werden. Dadurch konnten auch die vorhandenen Eisräume als zusätzliche Lagerräume genutzt werden. Mit seiner Erfindung hat Linde im 19. Jahrhundert die Wirte und Brauereien von einer großen Sorge befreit. Warme Winter und Frühlingstemperaturen bis in den Januar hinein wären für sie eine Katastrophe gewesen. Zuvor stellten die Existenz der Brauer nur eisreiche Winter sicher.

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