28.04.2021 - 11:45 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Historische Decke im großen Tirschenreuther Rathaussaal freigelegt

Dezentes Rosa und edles Gold, dazu Ornamente und Stuck. Bei der Sanierung des großen Rathaussaals kommt mit der Decke ein eindrucksvolles Stück Geschichte zum Vorschein. Doch bis der alte Glanz wieder hergestellt ist, wird es noch dauern.

Stefanie Löw und Patrick Reichmann nehmen die Befundung der alten Decke im großen Saal vor. Bei der Bemalung handelt es sich um eine zweite Fassung, die Ende des 19.Jahrhunderts erstellt wurde.
von Werner Schirmer Kontakt Profil

Viele Augen sind derzeit auf den Bau des neuen Rathauses an der nordwestlichen Ecke des Marktplatzes gerichtet. Doch auch der Baustellenaufzug vor dem historischen Rathaus zeugt von Aktivitäten in dem Gebäude. Mit der Freilegung der Decke des großen Saals kann Bürgermeister Franz Stahl eine bedeutende Etappe der Sanierung vermelden. Der Blick nach oben verdeutlicht aber auch, dass es noch ein mühsamer Weg wird, der alten Putzdecke und den Wänden neuen Glanz zu verleihen.

Schmuckstück mit Schäden

Dabei vermittelt die aktuelle Arbeit der Restauratoren zur Befunderstellung schon ein unerwartetes Bild. Unter funktionellen Gipsplatten ist eine bemalte Putzdecke aufgetaucht, mit Ornamenten mit dekorativen Mustern, großen Stuckkreisen um Öffnungen für die ursprüngliche Gasbeleuchtung sowie einfassenden Stuckleisten an den Seiten. Allerdings verdeutlicht der Befund auch massive Schäden an der Decke. Grob sind Löcher für später angebrachte Lampen und Kabel eingeschlagen worden, um wohl in den 1960er und 1970er Jahren den Raum in die Neuzeit zu transportieren. Jetzt wird der "Rückwärtsgang" eingelegt. Über das Tempo und das Ausmaß wird die Stadt bestimmen, natürlich in Absprache mit dem Landesamt für Denkmalpflege. Mit Blick auf die bereits erstellte "Musterfläche" lässt sich auf ein positives Ergebnis hoffen. Bei der Freilegung der Decke sind neben Stuckelementen und Bemalungen aber auch massive Schäden aufgetaucht, weiß Restauratorin Stefanie Löw. Die aktuelle Optik der Decke entspricht jedoch nicht der ersten Fassung nach dem Stadtbrand 1814. Nur an einigen Stellen sind Teile der ersten Bemalung mit Abschnitten in Rosa und Blau aufgetaucht. Ebenso sind an den Wänden Stücke dieser ersten Ausführung freigelegt worden. Der schlechte Zustand lässt den Erhalt dieser Bemalung aber nicht mehr zu. Die zweite Fassung ist Ende des 19.Jahrhunderts entstanden.

"Rettung" nicht überall möglich

In filigraner Feinarbeit haben die Restauratoren, zu denen auch Patrick Reichmann gehört, die Decke von den jüngsten Aufbauten befreit sowie eine erste Reinigung vorgenommen. Nicht überall wird eine "Rettung" möglich sein, vermittelt schon der erste Eindruck. So wurden etwa Teile eines umlaufenden Bandes am Rand unwiederbringlich übermalt. Mitunter sorgt die Qualität der alten Farben dafür, dass sie selbst bei sensibelster Arbeit schlicht zerbröseln.

Bereits im Dezember 2020 berichtete Bürgermeister Franz Stahl über die Sanierungsmaßnahme im alten Rathaus

Tirschenreuth

An einem Musterfeld lässt sich die "Zukunft" der alten Decke des historischen Saals erkennen. Hier war neben den Restauratoren noch Albin Gugel, ein Fachmann für Putz- und Stuckelemente, im Boot. Der hat auf einem gut zwei Quadratmeter großen Abschnitt die fehlenden Stücke wieder angelegt, natürlich nach historischem Vorbild. Und da kommt bei den Materialien auch Quark und Kalk zum Einsatz. Bis sieben Zentimeter tief muss der Putz in die alte Lattenkonstruktion über der Decke gedrückt werden, damit er hält. Schließlich soll die Sicherheit bei einer späteren Nutzung des Saals gewährleistet werden. Bei der Struktur muss auch eine gewisse grobere Beschaffenheit der alten Flächen beachtet werden. Für die fehlenden Muster haben die Restauratoren Schablonen angefertigt. Am Ende kann das Musterfeld die ersten "Besucher" schon beeindrucken. Beim Boden kann Bauamt-Projektleiter Lutz Zangl eine gute Nachricht weitergeben. So stammen die beiden Lagen Holzbretter wohl noch aus der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Stadtbrand und sind gut erhalten. Eine Lage wird entfernt, so dass der Boden im zweiten Stock auf eine einheitliche Höhe kommt.

Hintergrund:

Turmfalken bremsen Sanierung

Bei der Sanierung des Rathauses wurden Decke und Boden des großen Saals freigelegt. Nach dem Befund werden die Kosten für die förderfähige Restauration ermittelt und dann die Förderanträge gestellt.

  • Bei der Sanierung des historischen Rathauses sind das Erdgeschoss sowie der Anbau mit Aufzug schon abgeschlossen. Kosten dafür rund 1,5 Millionen Euro, Förderung rund 455.000 Euro.
  • Aktuell läuft der zweite Bauabschnitt mit Dachboden (Wärmedämmung zum Saal), erster Stock (u.a. Umbau kleiner Saal zu Besprechungszimmer und großer Rathaussaal, Kosten 1,2 Millionen Euro, keine Förderung).
  • Die Sanierung des großen Rathaussaals kann erst Ende Juli starten, nachdem im Außenbereich wieder ein Turmfalken-Pärchen brütet. Abschluss der Maßnahme noch in diesem Jahr.
  • Im großen Saal könnte auch ein alter Kachelofen aufgebaut werden, aber nur zur Dekoration. Hier wird eine Machbarkeitsstudie erstellt.
  • Der große Saal wird einmal auch als Ort für Trauungen sowie Veranstaltungen genutzt. Durch die Arbeiten im ersten Stock soll er vorübergehend auch für die Stadtratssitzungen dienen.
  • Bürgermeister Franz Stahl sieht das Rathaus auch als „Haus der Bürger“. „Wir fühlen uns verpflichtet, das Rathaus nach historischem Vorbild zu sanieren“, dankt Stahl auch dem Stadtrat, der ebenfalls die Notwendigkeit erkannt hat.

 

 

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