21.11.2021 - 11:34 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Kein Weihnachtsmarkt in Tirschenreuth: Statt Glitzerzauber Tränen und Wut

Alle Weihnachtsmärkte in Bayern fallen aus. Bei Franz Göhl, Hauptorganisator des Weihnachtsmarkts in Tirschenreuth, sitzt der Schock tief. Die 350.000 LEDs sollen am ersten und zweiten Adventswochenende trotzdem leuchten.

Franz Göhl hat den Schlüssel. Aber er nützt ihm nichts. Denn aufsperren darf er den 9. Kunsthandwerklichen Weihnachtsmarkt am kommenden Samstag dennoch nicht.
von Ulla Britta BaumerProfil

Die Enttäuschung ist ihm anzusehen, als Franz Göhl das Tor zum 9. Kunsthandwerklichen Weihnachtsmarkt am Fischhofpark aufsperrt. Denn das Foto, das heute von ihm vor dennoch leeren Marktbuden gemacht werden soll, erzeugt wenig Freude. Es schließt vielmehr ein trauriges Kapitel ab. Wieder ist Corona schuld, wenn auch nach Meinung des Hauptorganisators des Lions-Club Tirschenreuth diesmal eine zweite derart große Enttäuschung nicht hätte sein müssen.

Tränen vor Enttäuschung, Trauer, Wut, Entsetzen, Unverständnis und purer Existenzangst um unsere Aussteller: Die Palette der Emotionen, die Franz Göhl am Freitag nach der Entscheidung von Ministerpräsident Markus Söder zur Absage aller bayerischen Weihnachtsmärkte überrollt hat, ist lang. „Bei mir stand das Telefon nicht mehr still“, berichtet er. Während Göhl das erzählt, glitzern auch bei ihm in den Augen die Tränen. Er scrollt die Whatsapp-, Messenger- und E-Mail-Nachrichten auf seinem Handy herunter, die ihn nach Söders Bekanntmachung erreicht haben. Sie wollen kein Ende nehmen.

"Bin im finanziellen Ruin"

„Na toll, Franz“, schreibt einer der 100 Händler, die bereits auf gepackten Kisten saßen und sich auf Tirschenreuth freuten. „Ich bin jetzt im finanziellen Ruin. Ich habe für zwei Wochenenden eingekauft und wir können die Ware nicht mehr zurückgeben. Ich weiß im Dezember nicht mehr, wie und mit was ich meine Steuern und Unkosten bezahlen soll“, schreibt er weiter. Göhl sitzt der Schreck über die Meldung noch in den Gliedern. „Das dauert, bis wir das verdaut haben“, spricht er für seine Lions-Freunde.

Er habe sofort alle Restarbeiten im Fischhofpark einstellen lassen. „Aber wir waren fertig. Alles stand.“ Aufräumen oder gleich weiter abbauen? Franz Göhl hatte anderes zu tun. Er musste Freitagnachmittag versuchen, Dienstleister wie den Security-Dienst und die Toilettenverleiher zu informieren. Sein Unverständnis über die kurzfristige Entscheidung kann er kaum in Worte fassen. Tags vorher hätte Söder öffentlich von Weihnachtsmärkten nach 2G-Regeln gesprochen.

Geöffnete Fußballstadien

Dann der Schock. „Das kann man doch nicht machen. Nicht nur wir, alle haben jetzt unermesslich hohe finanzielle Schäden“, so Göhl. Für Tirschenreuth rechnet er mit Einbußen in fünfstelliger Höhe. Besonders Leid tut es ihm um die sozialen und karitativen Einrichtungen, die wieder leer ausgehen, weil der gesamte Erlös gespendet werden sollte. Im Hinblick auf die weiterhin in Bayern geöffneten Fußballstadien, wo regelmäßig Tausende Besucher dicht an dicht die Fußballspiele verfolgen dürften, will der Lions-Club Tirschenreuth nun die rechtliche Lage geklärt haben. „Um die finanziellen Schäden so gering wie möglich zu halten“, begründen dies Göhl.

Hier werde eine Ungleichbehandlung gesehen, die nicht mit dem Gesetz vereinbar sei. Es sei nicht gerecht, dass sich Geimpfte den Ungeimpften unterordnen müssten. „Das ist purer Aktionismus. Damit die Verantwortlichen auf der sicheren Seite sind“, ist Göhls Meinung. „Und was ist dann im Frühjahr? Wieder das gleiche. Und im nächsten Herbst 2022 auch.“ Mit Corona müssten wir in Zukunft leben.

Der Lions-Club habe seine Hausaufgaben "200-prozentig" gemacht. In enger und konstruktiver Absprache mit den Verantwortlichen vom Landratsamt sei alles getan worden, um die Sicherheit sowohl für Besucher als auch für Aussteller und Helfer auf dem Kunsthandwerklichen Weihnachtsmarkt nach den 2G-Regeln zu gewährleisten. „Wir hatten Abstände, weniger Buden, Besucherlenkung, doppelte Kontrollen der Impf- oder Genesenen-Nachweise an den Eingängen und doppelte Security.“ Außerdem sei das Gelände abgesperrt worden. Es hätte sich niemand unerlaubt einschleichen können.

Einsame Budenstadt

Nach wochenlangen Aufbauarbeiten seit Anfang Oktober und unzähligen ehrenamtlichen Arbeitsstunden vieler Helfer hätten die Hauptakteure der Lions nun wieder alle Hände voll zu tun. Leider nicht, wie sie es sich vorgestellt haben, bei Glühwein, Weihnachtsglitzer und leuchtenden Kinderaugen. Nun heiße es soweit möglich Schadensbegrenzung zu betreiben.

Damit die 350.000 LED-Lichter nicht völlig sinnlos installiert wurden, hat sich der Lions-Club als Veranstalter entschlossen, die Beleuchtung dennoch an den geplanten zwei Marktwochenenden von 17 bis 22 Uhr (27./28. November und 4./5. Dezember) einzuschalten. Zur Freude von Vorbeikommenden und Spaziergängern. Oder als Mahnmal? Das darf jeder sehen, wie er möchte. Gewiss ist: Das Weihnachtsflimmern über der verwaisten, einsamen Budenstadt im Fischhofpark macht wehmütig auf ein endlich wieder normales Weihnachten.

Vor einer Woche hofft Organisator Franz Göhl noch, den Weihnachtsmarkt durchführen zu können

Tirschenreuth

„Das kann man doch nicht machen. Nicht nur wir, alle haben jetzt unermesslich hohe finanzielle Schäden.“

Franz Göhl, Hauptorganisator des Tirschenreuther Weihnachtsmarkts

 

 

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