25.09.2019 - 11:38 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Kleine Plätze und mächtige Mauern

Lichtleisten am Fußboden verleihen historischen Mauern eine magische Kulisse, ein Stockwerk drüber büffeln Studenten mit modernstem Equipement, zur Entspannung lädt der "Stadtbalkon": Der Umbau der alten Polizei lässt all dies wahr werden.

Vor der alten Polizei in Richtung Regensburger Straße überdeckt ein „Stadtbalkon“ die alten Mauerfunde darunter. Die Terrasse bekommt einen Boden mit Granitplatten, denen am Marktplatz ähnlich, sowie mittig eine Grünfläche mit Sitzbänken, Hochbeeten und drei Bäumchen.
von Werner Schirmer Kontakt Profil

Die Baustelle in der Altstadt gehört zu den auffälligsten Maßnahmen im Ortskern. Die Arbeiten haben zu historischen Entdeckungen geführt, die künftig in besonderem Licht die Geschichte der Stadt darstellen werden. Alte Granitmauern, mächtige Gewölbe und imposante Bögen erzählen über die alte Fronfeste, die im 14. und 15. Jahrhundert entstanden ist. Raum für Spekulationen bietet noch eine alte Turm- oder/und Treppenlage. Dazu werden die Historiker noch ihre Erkenntnisse vorlegen müssen.

Zwei Studiengänge

Bei den Möglichkeiten hat Bürgermeister Franz Stahl beim Baustellen-Besuch an der Hochwartstraße schon durchaus konkretere Vorstellungen. Immerhin steht am 30. Januar 2020 um 10 Uhr die Einweihung des "Hochschul-Lernstandortes" im Kalender. Als Gast wird Bernd Sibler, Bayerns Minister für Wissenschaft und Kunst, nach Tirschenreuth kommen. Dem will Stahl in dem historischen Gebäude eine moderne Ausbildungsstätte zeigen, in der berufsbegleitend von der OTH Regensburg und der Hochschule Landshut die Studiengänge "Soziale Arbeit" und "Wirtschaftsingenieure" angeboten werden. Aktuell sind OTH-Studenten noch bei der Kolping-Berufshilfe untergebracht. Visionen hat der Bürgermeister bei den vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten, die sich rund um die alte Polizei künftig ergeben. Gerade die historischen Gewölbe und Mauerfunde im Keller und unter dem "Stadtbalkon" werden besondere Stationen bei den Führungen schaffen. Dazu entsteht ein kleiner Platz zwischen Fronfeste und altem Kloster, der Möglichkeiten schafft für Veranstaltungen und Begegnungen. Der "Stadtbalkon" oder die Fläche hin zur Regensburger Straße könnten ebenso einbezogen werden. Theater, Märkte und Musik - Franz Stahl kann sich hier in Zukunft vieles vorstellen.

Bei der Runde durch die Baustelle braucht der Planer, Architekt Peter Brückner, an vielen Stellen die Fantasie nicht mehr bemühen. Das fertige Werk bestätigt den Stellenwert dieser aufwendigen Maßnahme. Genaue Vorstellungen hat Peter Brückner zur "Säulenmauer" an der Hochwartstraße. Schon zu Polizeizeiten habe es hier eine Mauer gegeben. Mit der deutlich offeneren Ausführung wollte man dieser Situation Rechnung tragen und dennoch mehr Transparenz bieten.

Gewisse Diskretion

Durch die Lücken sowie die Eingänge zu beiden Seiten solle der Fläche dahinter eine gewisse Diskretion verschafft werden, die etwa bei Veranstaltungen im Museumsquartier von Vorteil sei. Die "Säulenmauer" wird noch eine Putzschicht erhalten sowie obenauf einen Querriegel, der beschriftet werden soll. Der kleine Platz werde aber nicht verschlossen. Ein Tor soll nach hinten versetzt zum Durchgang zur Tourist-Info installiert werden. Bänke und auch ein Bäumchen sollen den kleinen Platz noch aufwerten.

Lichtleiste am Stadtbalkon

Einen genauen Blick ist auch die "Ziegel-Verkleidung" an der Rampe sowie an den Mauern rund um den "Stadtbalkon" wert. Dabei soll der eigens gefertigte Ziegel eine optische Nähe zu den gefundenen Granitsteinen einnehmen. Doch nicht nur bei der Farbe, auch bei der Form folgt der Ziegel dem alten Baumaterial. Der Ziegel mit brauen Einschlüssen schafft eine ungeordnete "Farbigkeit", gemäß den alten Steinen. Leicht versetzt verbaut wird auch die Unregelmäßigkeit des Vorbilds fortgeführt. In den Mauerbereichen am "Stadtbalkon", in denen der Ziegel die gefundenen Mauerstücke ergänzt, wird dies besonders deutlich. Auffällig wird einmal die Illumination der Ziegelwände. An der Rampe oder entlang der Brüstung des "Stadtbalkons" werden Lichtleisten für eine ungewöhnliche Beleuchtung sorgen.

Diese Beleuchtung setzt sich in den freigelegten Räumen unter der neuen Terrasse sowie in den Kellerbereichen fort. Unter der Betondecke des "Stadtbalkons" zeigen sich einmal die imposanten Mauerreste eines "Festen Hauses", das noch zur Fronfeste gehört hatte. Bei der Ausführung haben die Planer die Eingriffe gering gehalten, auch wird der Bereich nur einen einfachen Schotterboden erhalten. Der Keller unter der alten Polizei dagegen hat einen edlen Boden mit Granitplatten erhalten. Die Platten, wie am Marktplatz, sorgen auf vielen weiteren Flächen, etwa am Aufgang oder am "Stadtbalkon", für einen edlen Bodenbelag. Die Räume mit den alten Mauern und Gewölben werden nur von der Lichtleiste vom Boden aus angestrahlt und eine stimmungsvolle Kulisse bieten. Über zwei mächtige Bogentore kann einmal in Tirschenreuths Geschichte eingetaucht werden. Natürlich ist der Zugang nicht immer offen.

Im Erdgeschoss und im ersten Stock der alten Polizeiinspektion sind die Basisarbeiten ausgeführt. Der Estrich ist aufgebracht, Fußbodenheizung und Leitungen sind installiert, Türen und Fenster eingebaut. Bei den Fenstern wurden übrigens die vorhandenen Teile der alten Polizei genutzt. Dort waren hochwertige Eichenfenster, wohl auch aus Gründen der Sicherheit verbaut worden. Leicht aufbereitet werden die Fenster weiter genutzt. Von den alten Holzdecken in dem Gebäude wird später einmal wenig zu sehen sein. Aus Brandschutzgründen werden die Balken abgedeckt. Ahnen lässt sich viel von der Funktionalität des Lernstandorts, in dessen Räumen alle Voraussetzungen für modernste Kommunikation geschaffen werden, etwa für Videokonferenzen. Und für die Pausen besteht vom Gebäude aus direkt der Zugang zum "Stadtbalkon".

Bäume und Bänke

Der kann freilich auch von interessierten Besuchern jederzeit genutzt werden, denn dieses außergewöhnliche Plätzchen ist von allen Seiten her zugänglich - ausgestattet mit Bäumen und Sitzgelegenheiten sowie einem tollen Blick zum Fischhof. Den sollte man auch genießen. Immerhin wird die Baumaßnahme fast sechs Millionen Euro kosten, mehr als die Hälfte gibt es an Zuschüssen.

Der Umbau der alten Polizei zum Lernstandort kommt gut voran. Architekt Peter Brückner führte Stadtbaumeister Andreas Ockl und Bürgermeister Franz Stahl (von links) durch die Baustelle.
In der alten Polizei werden moderne Räume für die Studierenden geschaffen. Neben all der Technik werden auch gemütliche Sitznischen an den Fenstern gebaut.
Die freie Fläche zur Regensburger Straße hin wird eine kleine Mauer abgrenzen. Dahinter sind vier Stellplätze vorgesehen. Unter den Containern ist eine weitere alte Mauer versteckt, die ebenfalls noch freigelegt wird.
Planer Peter Brückner will mit den extra gefertigten Ziegeln bei der Verkleidung der Mauerstücke auch den Farbton und die Unregelmäßigkeit der Natursteine treffen.
Alt und neu. Natursteine und Ziegel in enger Farb-Verwandtschaft. Auch die Unregelmäßigkeit soll die neue Mauer fortsetzen. Bürgermeister Franz Stahl (Mitte) ist von der Ausführung sehr angetan. Mit im Bild Architekt Peter Brückner (rechts) und Stadtbaumeister Andreas Ockl.
Die alten Kellergewölbe haben einen edlen Granit-Boden erhalten. Beleuchtet werden die Mauern später einmal nur von einer Lichtleiste an den Fußbodenkanten.
Originell, aber halt Bestand. Die alte Treppe endet an der Decke.
Die „Säulenmauer“ soll dem kleinen Platz zwischen alter Polizei und altem Kloster ein bisschen Diskretion verschaffen. Der Beton erhält eine einfache Putzschicht, obenauf kommt noch ein Querträger.
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