21.11.2019 - 15:43 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Kontrollwütig oder verängstigt?

Es war der zweite Verhandlungstag gegen einen 46-Jährigen aus dem Kreis Amberg-Sulzbach vor dem Amtsgericht Tirschenreuth. Vier Zeugen wurden befragt, um aufzuklären, ob er seiner Exfreundin nachstellte oder sie auf der Straße bedrängte.

Symbolbild.
von Lucia Seebauer Kontakt Profil

Es ging Richter Thomas Weiß darum, offene Fragen aus dem ersten Verhandlungstag zu klären. Zeugen sollten in zwei weiteren Verhandlungstagen die Rekonstruktion der Ereignisse vom 1. und 7. Dezember 2018 erleichtern. Danach soll der Angeklagte (Kreis Amberg-Sulzbach) der Geschädigten (westlicher Kreis Tirschenreuth) mit dem Auto nachgefahren sein und sie zum Bremsen gezwungen haben. Der Angeklagte behauptete unter anderem, dass er am 1. Dezember in Bayreuth gewesen sei und seine Exfreundin nicht gesehen oder verfolgt habe.

28. oder 30. November?

Die beiden Zeugen, die das beweisen sollten, machten am zweiten Verhandlungstag ihre Aussagen. Richter Thomas Weiß begann mit einem 27-Jährigen aus dem Kreis Amberg-Sulzbach. Dieser kenne den Angeklagten flüchtig. Im November 2018 hätte er sich ab und an mit dem 46-Jährigen getroffen oder sei mit ihm weggefahren. Er habe den Angeklagten über die Cousine der Geschädigten kennengelernt. Dem Zeugen war der 28. November 2018 in Erinnerung geblieben. An diesem Tag seien sie zu dritt zum Nikolaushaus nach Bayreuth gefahren und hätten später Dart gespielt. Gegen 19 Uhr sei die Gruppe aufgebrochen und bis 2 Uhr nachts geblieben. Weiter sagte die Cousine der Geschädigten aus. Ihre Angaben unterschieden sich in einigen Punkten zur Aussage vorher. So habe es das Treffen nicht am 28., sondern am 30. November gegeben. Losgefahren seien sie erst gegen 22 Uhr. "Wie kommen sie auf dieses Datum?", wollte der Richter wissen. "Weil wir uns unterhalten haben", antwortete sie zögernd.

Der Richter konfrontierte sie mit der Aussage des vorherigen Zeugen: "Was stimmt nun?" Die 24-Jährige gab keine Antwort. Die Staatsanwältin Christina Richter hackte nach: "Können Sie sich an das Datum erinnern oder wurde Ihnen das gesagt?" Die Zeugin wollte ihre Aussage mit einer Nachricht auf ihrem Smartphone belegen. Richter Thomas Weiß ging die Nachrichten zwischen der 24-Jährigen und dem Angeklagten am 2. Dezember durch. Es fand sich kein konkreter Hinweis auf die Geschehnisse in der Nacht vom 30. November zum 1. Dezember. Weiterhin berichtete die Zeugin, dass ihre Cousine während der Beziehung häufig versucht habe, den Angeklagten zu kontrollieren, ihn nach der Trennung und dem Kontaktverbot vom 17. Dezember angerufen und gesehen habe.

Lesen Sie hier den Artikel zum ersten Verhandlungstag "Exfreundin völlig mit den Nerven fertig" auf onetz.de

Tirschenreuth

Polizisten als Zeugen befragt

Auch zwei Polizisten wurden in den Zeugenstand gebeten. Der erste führte die Ermittlungen in dem Fall. Er erklärte, dass am 4. Dezember zunächst der Angeklagte auf die Polizeiinspektion Kemnath gekommen sei und die Geschädigte wegen fehlender Zahlungen zu einem Auto angezeigt habe. Mehrere Stunden später sei die Geschädigte gekommen und habe den Angeklagten wegen Nötigung und Nachstellen angezeigt. "Das ist ungewöhnlich", sagte der Polizist. Am 12. Dezember habe er die Geschädigte zu den Vorfällen am 1. und 7. Dezember befragt. "Ich musste die Vernehmung mehrere Male abbrechen. Man hat gesehen, dass es ihr schwer fiel, darüber zu reden."

Völlig aufgelöst

Der andere Beamte erlebte die Geschädigte nach den Ereignissen am 7. Dezember. "In der Polizeiinspektion ging ein Notruf ein. Die Geschädigte sagte, dass es zu einer Nötigung kam." Die Frau sei mit ihrem Auto schon vor der Wache gestanden. Gegen 3.45 Uhr habe der Polizist mit einem Kollegen die Frau nach Hause begleitet müssen, weil sie sich nicht dazu im Stande sah, alleine zu fahren. Die Geschädigte sei völlig aufgelöst gewesen.

Verteidiger Werner Greißinger stellte die Glaubwürdigkeit der Geschädigten infrage. Er forderte technisch prüfen zu lassen, ob das Auto des Angeklagten trotz verschiedener verbauter Sicherheitssysteme dicht an das Fahrzeug der Geschädigten fahren konnte.

Ein Sachverständiger konnte hierzu Auskunft geben. Er stellte am dritten Verhandlungstag klar, dass das Auto des Angeklagten über einen Abstandsregeltempomat verfüge. "Dieser misst automatisch auf der Fahrbahn den Abstand zu einem anderen Fahrzeug." Das System könne vom Fahrer abgeschaltet werden. Zudem verfüge der Pkw über die sogenannte "Audi pre sense front". Hierbei handle es sich um eine Gefahrenerkennung, die das Fahrzeug bremsen lässt, sobald ein Fußgänger überraschend auf die Fahrbahn tritt oder man sich mit hoher Geschwindigkeit einem Auto am Ende eines Staus nähert. "Auch dieses System lässt sich abschalten." Zum Schluss war die Psychiaterin der Geschädigten zu hören. Die 29-Jährige hatte die Ärztin von der Schweigepflicht entbunden. Das erste Mal sei die Geschädigte am 13. Dezember 2018 gekommen. Die Ärztin las aus ihren Aufzeichnungen vor: "Patientin fühlt sich von ihrem Expartner gestalkt und niedergeschlagen." Die Geschädigte hatte "Angst und innere Unruhe". Ihre Diagnose: "Angst und depressive Störung." Die Frau sei von der Ärztin medikamentös behandelt worden. Das nächste Mal kam die Geschädigte am 21. Dezember zu ihr. "Patientin fühlt sich gesetzt, aber noch nicht stabil", so die Aufzeichnungen. Das letzte Gespräch führten sie am 24. Oktober, zu Beginn der Gerichtsverhandlung.

Weitere Zeugen werden befragt

Der Richter holte Staatsanwältin und Verteidiger zu einem Rechtsgespräch. Lange Diskussionen zwischen Verteidiger und Angeklagten folgten. Das Ergebnis: Weitere Zeugen sollen gehört werden. Greißinger beantragte den Ex-Mann der Geschädigten zu hören. Zudem soll ein Ehepaar befragt werden, zu fehlenden Zahlungen der Geschädigten gegenüber dem Angeklagten. Eine Frau wird geladen, die laut Anwalt beweisen soll, dass die Geschädigte in der Beziehung mit dem Angeklagten kontrollwütig und besitzergreifend gewesen sei. Schließlich soll der Inhaber der Arbeitsstätte der Geschädigten zu Fehlzeiten und der Arbeit der 29-Jährigen Auskunft geben. Die Verhandlung wird am Dienstag, 26. November, um 8.30 Uhr fortgesetzt.

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