30.07.2019 - 16:12 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Land unter rund um Tirschenreuth

Vor über 500 Jahren bricht der Damm des unteren Stadtteichs und richtet große Schäden an. Später werden die Fischteiche trockengelegt. Doch die Sehnsucht nach der Insellage bleibt.

Die zur Mitte hin ansteigende und rund 92 Meter lange Fischhofbrücke besteht aus massiven Granitblöcken. Sie ist der weltberühmten Steinernen Brücke in Regensburg nachempfunden und wurde von Philipp Muttone erbaut.
von Rainer ChristophProfil

(cr) "Jahrhunderthochwasser" werden die Überschwemmungen der vergangenen Jahre oft genannt. Wie mag das wohl in Tirschenreuth gewesen sein, als vor über 500 Jahren infolge großer Niederschläge der Damm des unteren Stadtteiches brach und das Wasser in den Naabauen große Schäden anrichtete? Über diese Naturkatastrophe im Jahre 1499 gibt es keine Augenzeugenberichte. Nur in der Stadtchronik ist ein Hinweis vermerkt.

Auswirkungen hatte dieser Dammbruch vor allem für die Falkenberger Bevölkerung. Diese bangten jahrhundertelang aus Angst über mögliche Folgen einer Überschwemmung durch die Tirschenreuther Stadtteiche. Auch im Jahre 1569 kam es zu einer gewaltigen Überschwemmung an der Sägmühle und den nachfolgenden Ortschaften.

Zu schnell abgelassen

Zur Unterhaltung des Dammes wurden nicht nur Tirschenreuther Bürger verpflichtet, auch die Falkenberger, ja sogar die Bevölkerung von Neuhaus bei Windischeschenbach. Genau wie in den Donauauen machte man sich auch in Tirschenreuth Gedanken, um derartige Unglücke zu vermeiden. So ließ Abt Georg von Waldsassen einen Abzuggraben für das überfließende Wasser ausheben. Durch ein Unwetter wurde die fast fertige Arbeit vollkommen zunichte gemacht. Die Scharwerkpflichtigen mussten von Neuem beginnen. Die Hochwasserkatastrophe von 1569 wurde dadurch begünstigt, dass der Stadtteich zu schnell abgelassen wurde.

Der obere Stadtteich mit 160 Tagwerk Größe wurde im 12. Jahrhundert durch den Grafen von Ortenburg angelegt. Damals war Tirschenreuth noch ein kleiner Weiler ohne Stadtrechte. Den unteren Stadtteich ließ der Waldsassener Abt Hermann in den Jahren 1217 bis 1219 errichten. Beide Teiche hatten eine Größe von rund 300 Tagwerk, mittendrin lag wie eine Inselstadt die heutige Kreisstadt Tirschenreuth. Gestaut wurde das Wasser durch einen starken Damm bei der Sägmühle. Dazu musste man einen Abzug durch die Felsen sprengen. Das klappte nicht und es kam zu Überschwemmungen der dahinterliegenden Felder und Wiesen, die Besitz der Grafen von Künsberg waren.

Schloss Künsberg befindet sich in der Nähe von Eger. Es kam zwischen den Grafen und dem Kloster zum Streit, in den sogar Kaiser Friedrich II. (1212 bis 1250) einbezogen wurde. Er vermittelte hingehend, dass das Kloster den Grafen 50 Mark Entschädigung zahlen musste, 1219 verzichteten die Grafen dann auf den Grund.

Das Kloster vergab die Stadtteiche in einer Stiftung 1570 an einen Sebastian Meler. Über die Erträge des Stadtteiches existieren genaue Rechnungen und Aufzeichnungen. So erhielten neben dem Erlös auch die jeweiligen Bürgermeister der Stadt und die Ratsherren "Essensfische verehrt". Im Jahre 1599, damals hatten die Kalvinisten das Sagen, wurde beim ehemaligen Schloss der Abzug des oberen Stadtteiches ausgebessert. Dazu verwendete man die Quadersteine der abgebrochenen Kirche in Marchaney unterhalb des Ahornbergs.

In Griff bekommen

Vielfältig waren die Bemühungen der Tirschenreuther, das Wasser der Stadtteiche in den Griff zu bekommen. Immer wieder waren Ausbesserungsarbeiten notwendig, neue Abzuggräben mussten geschaffen werden. Eine der wohl aufwendigsten Arbeiten war der Bau des Abzuggrabens, über den die jetzige Brücke beim Klettnersturm in Richtung Kettelerhaus führt. Neun Jahre wurde daran gebaut. Dem Kloster kostete diese Maßnahme eine Unsumme. Problematisch war die Situation in strengen Wintern. Um den Schutz der Stadt zu gewährleisten, mussten auf den Stadtteiche das Eis gebrochen werden. Verpflichtet wurden dazu die zur Propstei Höglstein gehörenden Bewohner zwischen Großkonreuth und Mähring. Dass diesen das gar nicht gefiel, lässt sich aus einer Beschwerde an die Regierung erkennen. Ihre Klage wurde jedoch abgewiesen, da die Arbeit dem Schutz der Stadtbevölkerung diene. Zudem könnten auch die Beschwerdeführer in den Mauern von Tirschenreuth Zuflucht finden, daher sei es recht und billig, dafür auch zu arbeiten.

Erhalt der Mühlen

Das Auflassen der Stadtteiche wurde immer von amtlicher Seite her erwogen. So im März 1621, als sich der Rat der Stadt mit der Bitte um den Verbleib als besten Schutz und des Broterwerbs der beiden Mühlen einsetzte. 1634 später schickte man den Ambergern aus dem Erlös der Stadtteiche 50 Pfund Karpfen und 50 Pfund Nerflinge sowie 30 Pfund Brachsen. Damit wollte man die Herren an der Regierung günstig stimmen. Scheinbar verachteten sie die Kost aus dem Stiftland nicht, da die Stadtteiche unangetastet blieben.

Am Ende des Dreißigjährigen Krieges pachtete der Metzger Niklas Schels die Stadtteiche. Am 7. und 8. April 1648 brach der Damm erneut. Durch die Kriegswirren hatte man versäumt, den Damm auszubessern. Die Wassermassen kamen so unverhofft, dass in Falkenberg 27 Menschen in den Fluten umkamen, das Hammerwerk unterhalb des Ortes wurde gänzlich weggerissen. Vielfältig waren die Schäden an Häusern, Feldern und Wiesen.

Erst nach dem Krieg begannen die gründlichen Ausbesserungsarbeiten. Beide Teiche wurden dafür vollkommen trocken gelegt. Nach der Neubesetzung des Teiches kam es zu hervorragenden Fisch-Erträgen. 1655 waren diese so gut, dass man nach dem Abfischen für den Stadtrat, das Fischpersonal und die Stadtwächter ein großes Mahl gab. Verspeist wurden am 8. November 14 Pfund Rindfleisch, 14 Pfund Schaffleisch, zwei Truthähne, zwei Gänse, zwei Hähne, zwei Haselhühner, 14 Krammetsvögel und ein Hase. Dazu gab es Bier und Wein. Interessanterweise wurde kein einziger Fisch verzehrt. Aber davon hatten die Tirschenreuther wohl o viel, dass sie bei solchen Gelegenheiten gern darauf verzichteten.

Nach der Säkularisation gingen die Stadtteiche in den Besitz der Stadt über. Es kam am 5. April 1805 zu einer Abstimmung, ob man die Teiche trocken legen sollte. Gegen die neuen Waffen boten sie keinen Schutz mehr, sondern kosteten letztlich nur Geld. Die Mehrheit war für die Auflösung und so wurden die Teiche schließlich 1808 für immer abgelassen. Überschwemmungen aber gab es noch in den Folgejahren genug. Erst als der Liebensteinspeicher in den 1960er Jahren gebaut wurde, hielten sie sich in Grenzen.

Der Traum, dass Tirschenreuth wieder eine Inselstadt sein könnte, war stets in den Köpfen der Bürger. So gab es bereits in den 1960er Jahren Pläne, wenigstens den Fischhof wieder als Insel zu gewinnen und einen Stadtteich anzulegen. Doch die Zeit war noch nicht gekommen. Es wurde ruhig um diese Pläne. Das Geld musste in andere Dinge investiert werden.

Neuer Teich

Die Stadt bewarb sich für die kleine Landesgartenschau im Frühjahr 2000. Trotz großer Präsentation erhielt man zur allgemeinen Enttäuschung eine Absage. Doch dafür klappte es zehn Jahre später. Auf dem Areal der stillgelegten Brauerei Schels und der Baufirma Lang begannen die Arbeiten zur Gestaltung eines Gartenschaugeländes rund um den historischen Fischhof. Das Ziel: den vor über 200 Jahren trockengelegten Stadtteich aus dem Dornröschenschlaf zu wecken.

Jetzt umgibt wieder ein sechs Hektar großer Stadtteich die barocke Fischhofbrücke und einen Teil der Fischhof-Insel, eine Aufwertung des ehemaligen Sommersitzes der Waldsassener Äbte und heutigen Amtsgerichtsgebäudes. Die Fischhofbrücke entstand 1748 bis 1750 unter Leitung des Waldsassener Baumeisters Philipp Muttone. Mit Geldern für die Gartenschau ließ der Freistaat Bayern sie sorgfältig restaurieren. Der Fischhof auf einer Insel im "Oberen Stadtteich" wurde durch das Waldsassener Kloster als Zehenthof 1217 angelegt. Die heutige Anlage ist vor allen von dem Wiederaufbau der Jahre 1680 bis 1713 geprägt.

Das Modell im Museumsquartier Tirschenreuth zeigt die Insellage von Ort und Fischhof.
Mit dem Fischhofpark wurde die historische Situation des Stadtteiches wiederhergestellt, eingebettet in eine blühende Parklandschaft. Im Hintergrund die schwebende „Max-Gleißner“-Spannbandbrücke.
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