22.02.2021 - 18:58 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Landrat aus Tirschenreuth wehrt sich gegen "Besserwisser aus ganz Deutschland"

Die Nerven liegen langsam blank wegen Corona. Der Landkreis Tirschenreuth wird seinen Inzidenz-Spitzenplatz in Deutschland nicht los. Deutliche Worte in Richtung der Kritiker fielen jetzt im Kreisausschuss.

Landrat Roland Grillmeier verteidigte die Strategie im Kampf gegen Corona: "Testen, testen, testen."
von Michaela Kraus Kontakt Profil

Landrat Roland Grillmeier hat in jüngster Zeit unzählige Interviews mit bundesweiten Medien zur besorgniserregenden Corona-Entwicklung geführt. Höhepunkt war eine Video-Konferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel am Freitag. Es folgte ein Forderungskatalog von acht Landräten aus Grenzlandkreisen mit der dringenden Bitte um mehr Unterstützung. Und die Gespräche gehen unvermindert weiter: Diese Woche ist eine Videoschalte mit dem bayerischen Gesundheitsminister, dem Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit und der Regierung der Oberpfalz geplant, informierte Grillmeier.

Am Wochenende wurden zwei Brandbriefe aus der Region nach München und Berlin geschickt

Weiden in der Oberpfalz

"Wo stehen wir bei den Mutationsverdachtsfällen?" Das sei die momentan vordringliche Frage, betonte der Landrat am Montag im Kreisausschuss. "Die Inzidenzwerte sind nicht das einzige Kriterium beim Blick auf die Situation." Dennoch sei klar, dass man möglichst weit unter den Wert 300 kommen müsse, sonst brauche man sich über größere Öffnungen wohl keine Gedanken machen.

"Wir stehen im Fokus sämtlicher Besserwisser aus ganz Deutschland", fasste Grillmeier das große Medienecho zusammen. Was man da an Ratschlägen bekomme, gehe auf keine Kuhhaut: "Zum Beispiel der Vorwurf, warum der Landkreis nicht die Grenze zu Tschechien schließt. Wer so eine Frage an den Landrat stellt, hat keine Ahnung." Momentan stünden die Grenzpendler als Hauptverbreiter da. "Aber unsere Leute verbreiten das Virus genauso."

Bei der Bewertung der Systemrelevanz von Grenzpendlern gehe man ähnlich vor wie in der ersten Phase im Frühjahr. Wie in anderen Landkreisen seien etwa 60 Prozent der tschechischen Arbeitnehmer anerkannt. "Man hätte schon restriktiver vorgehen können, aber die Betriebe sagen uns, dass es um ihre Existenz geht. Und da sind auch größere Firmen dabei." Allen Kritikern sage er: "Viel Spaß bei der Ablehnung." Es stehe auch die Frage im Raum, ob es nicht sinnvoller sei, Pendler alle zwei Tage zu testen, anstatt sie hier in Pensionen zu versammeln.

"Hocheffiziente Arbeit" bescheinigte der Landrat allen Mitarbeitern in Pflege und Verwaltung, in den Test- und Impfzentren. Jeder Kritiker solle sich die Frage stellen, ob er selbst alles getan habe, um die Pandemie einzudämmen. "Die beste Strategie ist weiterhin testen, testen, testen. Auch wenn die Zahlen oben bleiben."

Hintergrund:

Aktuelle Coronazahlen

  • Neue Coronafälle (Stand: Montag, 12 Uhr): 67 (Samstag: 35, Sonntag: 26, Montag: 6), davon waren 23 in Quarantäne.
  • Verdachtsfälle auf eine Corona-Mutation: 82 weitere Fälle, insgesamt 432. Davon sind bisher 12 bestätigte Fälle auf eine Corona-Mutation (britische Variante). Diese Zahlen sind bei der Gesamtzahl der Infizierten enthalten.
  • Corona-Tote: 1 neuer Todesfall: Person (Mitte 80) mit Vorerkrankungen. Damit steigt die Zahl der Corona-Toten auf 219.
  • Gesamtzahl der positiv Getesteten: 4166.
  • Quarantäne: Aufgrund eines positiven Falls steht eine Notbetreuungs-Krippengruppe der Kita Li-La-Löhle Kemnath unter Quarantäne.
  • 7-Tage-Inzidenz Deutschland: Kreis Tirschenreuth 354, Kreis Wunsiedel 310, Kreis Bayreuth 108 , Kreis Neustadt/WN 178 (Quelle: Robert-Koch-Institut).
  • 7-Tage-Inzidenz Tschechien: Kreis Eger 904, Kreis Sokolov 1222, Kreis Karlsbad 1031, Kreis Tachau 1349 (Quelle: Tschechisches Gesundheitsministerium).

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Kommentare

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Maria Brunner

Sehr geehrter Herr Grillmeier,

Sie schreiben:
"Man hätte schon restriktiver vorgehen können, aber die Betriebe sagen uns, dass es um ihre Existenz geht. Und da sind auch größere Firmen dabei." Allen Kritikern sage er: "Viel Spaß bei der Ablehnung."

Es gibt eine klare wirtschaftliche Definition, was systemrelevant ist und was nicht. Damit geben Sie ja selber zu, dass Sie auch Firmen, die nicht systemrelevant sind, weiter erlauben, dass ihre Grenzgänger aus Tschechien einreisen. Hier wird aber dann mit der Gesundheit der Bürger gespielt.

Viel schlimmer finde ich aber Folgendes:
Von Anfang an wurde bei den Coronamassnahmen in den Betrieben auf Freiwilligkeit gesetzt und ich frage mich warum. Bei jedem normalen Bauern kommt in normalen Zeiten regelmässig der Zoll vorbei um zu sehen, ob man nicht mal zufällig Heizöl in den Traktortank schüttet und hier wird auf Freiwilligkeit gesetzt, während wir Bürger nachts zuhause wie Vieh eingesperrt werden, dabei beweist gerade Tirschenreuth, dass es keinen Zusammenhang zwischen Ausgangssperre und Coronazahlen gibt. Und die bayerische Polizei und der Zoll hat nix Besseres zu tun als ein paar Tanktouristen zu jagen anstatt vor Ort in den Betrieben die Einhaltung der Coronamassnahmen zu kontrollieren.

Frage: Wieso wurde hier nicht strikt kontrolliert? Oder ging es hier darum, dass man den Unternehmern nicht auf die Füsse treten wollte?
Hätte man von Anfang an die Einhaltung der Massnahmen wie Abstand usw strikt in den Betrieben kontrolliert, dann müsste man jetzt nicht mit einem Riesenaufwand Pendler zurückweisen.

2. Sie weigern sich, die Liste der systemrelevanten Betriebe herauszugeben mit Verweis auf den Datenschutz. Wenn ich mir aber die entsprechenden Vorschriften ansehe, so beziehen sich diese nur auf Privatpersonen. Mit welchem Recht also verweigern Sie dem mündigen Bürger diese Information?

3. In Zeiten wie diesen sollte man sich, was Feiern und co angeht, zurückhalten. Wenn ich mir ihr Facebookprofil ansehe, das Sie überwiegend zur beruflichen Selbstdarstellung nutzen, so fällt mir schon mal ihr Profilfoto ins Auge: Sie lassen sich mit einem vollen Bierglas ablichten. Ich finde das vor allem in diesen Zeiten unpassend, denn Sie sind ja auch irgendwie eine Art Vorbild und da denken sich dann wieder soundsoviele Leute, ach ja, der Grillmeier hat recht, einmal ist keinmal dann trink ich mal wieder mit den Nachbarn... und so wird dann Corona weiterverbreitet. Oder gibts sonst nix Besseres zu tun als sein FB-Profil upzudaten?
Beim Mitterteicher Starkbierfest wusste man in der Tat noch nicht, was auf uns zu kam, jetzt weiss man es aber und hier sind Sie persönlich in der Verantwortung. Deutschland hat Grenzen zu vielen Ländern, Polen, Tschechien, Österreich, Schweiz, Frankreich, Belgien, Niederlande, warum ist also gerade im kleinen Tirschenreuth die Inzidenz so hoch während man es woanders auf die Reihe kriegt, seine Grenzgänger weiter ins Land zu lassen ohne dass die Fallzahlen explodieren?

24.02.2021
Tobias Punzmann

Herr Grillmeier sollte vielleicht Jogi Löw kontaktieren, um Ratschläge zu erhalten, wie man damit umgeht, wenn nahezu jeder besser weiß, wie man sein Amt auszuführen hat. Jedem, dem der Herrgott ein Amt gibt, gibt er nicht nur einen Schnaps dazu, sondern auch solche Auswüchse.
Wegen der Begrenztheit seiner Befugnisse ist er natürlich auch oft der falsche Adressat, da müsste man schon bei der Staatskanzlei oder dem Kanzleramt vorstellig werden.

Trotzdem muss man eine Systemrelevanzquote von 60% hinterfragen dürfen. Die Existenz der Betriebe darf hier nicht ausschlaggebend sein. Denen muss auf andere Weise geholfen werden. Dies ist ja auch nicht entscheidend bei der Vielzahl der Betriebe, die derzeit überhaupt nicht arbeiten dürfen. Entscheidend muss sein, ob ein Betrieb in der Lage ist, ein ausreichendes Hygienekonzept vorzuweisen, und dieses dann auch einhält, und nicht, zu welcher Branche er gehört. Dieses auch unabhängig davon, ob es um Arbeitskräfte aus dem Nachbarland geht. Dies ist natürlich aufwändig und wenn man da an personelle Grenzen stößt, sitzt der Verantwortliche dafür sicher nicht im Landratsamt, sondern in der Staatskanzlei.

23.02.2021