08.08.2021 - 14:52 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Vom Leben in Tirschenreuth nach dem Zweiten Weltkrieg

Alois Weigl aus Tirschenreuth hat in seiner Kindheit das Ende des Zweiten Weltkriegs miterlebt. Der heute 84-Jährige wuchs in der Nachkriegszeit auf. Er erzählt seine Lebensgeschichte.

Alois Weigl aus Tirschenreuth erzählt von seiner Kindheit in der Nachkriegszeit. Den Apfelbaum im seinem Garten hat der 81-Jährige besonders gern.
von Lena Schulze Kontakt Profil

Alois Weigl kam am 7. Februar 1937 als viertes Kind von Babette und Hans Weigl in Tirschenreuth zur Welt. Er wuchs in der Nachkriegszeit in der Kreisstadt mit insgesamt fünf Brüdern und einer Schwester auf. Der heute 84-Jährige kann sich noch an vieles aus seiner Kindheit erinnern. „Manche Erlebnisse haben sich richtig eingebrannt.“

Kleiner Hof zur Selbstversorgung

Die Familie Weigl lebte gemeinsam in der Ringstraße, der Großvater hatte eine kleine Landwirtschaft mit Hühnern, Gänsen, fünf bis sechs Ziegen, einem Schwein und ein paar Feldern. Sein Vater Hans, der bei der Stadt angestellt war, wurde 1940 eingezogen. Weigl erinnert sich, wie schwer es für seine Mutter Babette war, wenn der Vater nach den kurzen Fronturlauben wieder weg musste. „Sie wussten ja nicht, ob sie sich wiedersehen würden.“ Der Vater war als Soldat in Frankreich und Russland eingesetzt. Als Weigls jüngster Bruder 1945 geboren wurde, war der Vater bereits tot. Er starb am 23. August 1945 im Kriegsgefangenenlager Bad Idstein in Südhessen völlig entkräftet vor Hunger. Weigl selbst war damals 8 Jahre alt und erinnert sich, wie seine Mutter mit den Neugeborenen auf dem Arm in der Stube saß und bitterlich weinte.

Lehrer ein Nazi

1944 wurde Alois Weigl eingeschult. „Unser Lehrer war ein richtiger Nazi“, erinnert er sich. „Meistens kam er in SA-Uniform in die Klassen, bestimmte einen Aufpasser und damit war er verschwunden“, berichtet Weigl. Niemand wusste wohin er ging. Der Unterricht begann mit einem lautstarken Hitlergruß. Allerdings wurde Schulbetrieb in den letzten Kriegsjahren immer mehr eingeschränkt. „Ab 1945 mussten wir mit der Schule immer wieder in andere Häuser ausweichen“, sagt Weigl. Unterricht gab es in der alten Mädchenschule, das heutige Museumsquartier, oder im kleinen Ankersaal. Ein halbes Jahr vor Kriegsende war fast überhaupt kein Unterricht möglich. Grund war die näherrückende Front.

Schon ab 1944 flogen immer wieder Bomber-Verbände der Amerikaner Richtung Eger, um den dortigen Militärflughafen zu bombardieren. „Mit einem leisen Brummen der Flieger-Motoren überflogen sie in etwa 300 Meter Höhe Tirschenreuth. Bei Sonnenlicht glänzten die Flugzeuge silberfarbig“, sagt Weigl. Wenn auch feindliche Flugzeuge am Himmel über dem Stiftland zu sehen waren – massive Bombenlasten haben Amerikaner und Briten aber nicht über der Region abgeladen. Der einzige Bombenabwurf auf die Kreisstadt geschah am 9. Dezember 1944 um die Mittagszeit. "Unsere Wohnungsfenster und Türen zitterten“, erzählt der 84-Jährige.

Schokolade und Amerikaner

Dann dauerte es nach Angaben des Tirschenreuthers nicht mehr lange, bis die Bodentruppen der Amerikaner die Stadt einnahmen. Sie beschlagnahmten mit den Ungarischen Hilfstruppen (URA) die Luitpoldschule. Alois Weigl erinnert sich an großen Kolonnen samt Kriegsgerät, Mannschaftswagen und Panzer. Darunter waren auch viele Holzwagen, die von Pferden gezogen wurden. Der größte Teil der Tiere wurde laut Weigl unter der Fischhofbrücke untergebracht. Dort war damals nur Wiese. Die Bögen der Brücke vernagelten die Ungarn mit Brettern, um die Tiere vor Kälte zu schützen.

In der Mühlbühlstraße – nicht weit vom Haus der Weigls in der Ringstraße entfernt – fuhren einmal etliche Panzer. „Unerwartet drehten die Panzer wieder um“, erinnert sich Weigl. Von Nachbarn hat der Schüler aufgeschnappt, dass Hitler-Jungen von Mühlbühl aus auf die Amerikaner schossen. „Auf den Panzern, die durch die Stadt fuhren, sahen wir Kinder zum ersten Mal einen Dunkelhäutigen“, sagt Weigl. Die Amerikaner hatten in ihren Mannschaftswagen jede Menge Kaugummi, Schokolade, Orangen oder Bananen. „Neben dem Lenkrad waren die Fächer offen. Die haben wir Kinder zwei oder dreimal leergeräumt, bis wir erwischt wurden“, sagt Weigl und schmunzelt schelmisch. „Wir haben eine Standpauke erhalten und mussten zur Strafe Gewehr und Räume putzen. Danach haben wir die Leckereien aber immer wiederbekommen“, erinnert sich der Senior.

Brot und Milch für Flüchtlinge

Nach Kriegsende kamen auch viele Flüchtlinge in die Stadt. „Der Marktplatz war oft voll mit Pferden, Planwagen und diversen Geräten.“ Die Familie Weigl beherbergte immer mal wieder Leute, die ihre Heimat verlassen mussten. „Unsere Mutter schickte uns Kinder öfters mit Brot und Milch zum Marktplatz, um es den Flüchtlingen zu geben, obwohl wir selbst eine kinderreiche Familie waren“, erinnert sich Weigl. „Unser Essen war zwar bescheiden, aber immer ausreichend auf dem Tisch.“ Zu Essen gab es etwa Pfannkuchen, Donnerstag war Spoutz'n-Tag. „Wir Kinder schauten schon drauf, dass der andere ja nicht mehr bekam als man selbst.“

Denn die Lebensmittelknappheit nach dem Krieg wurde immer größer. Weigl erzählt von der Lebensmittelkarte – für jeden Haushalt stand monatlich nur eine kleine Menge an Grundnahrungsmitteln zur Verfügung. Oft standen die Leute Schlange beim Bäcker oder Metzger, um Essen zu ergattern. „Wer zu spät kam, musste mit leeren Händen wieder nach Hause.“ Heute gebe es alles in Hülle und Fülle. Damals seien nicht wenige in die Dörfer der Umgebung gegangen, um nach Brot oder Eiern zu betteln, erzählt Weigl.

Einziges Paar Schuhe für Sonntag

Nach der Ernte wurden in mühevoller Arbeit die letzten übrigen Getreideähren oder Kartoffeln eingesammelt. Für den Nachwuchs von kinderreichen oder mittellosen Familien wurde in den Kellerräumen der Volksschule eine „Schulspeise“ eingerichtet. „Dort gab’s nach dem Unterricht Erbswurstsuppe mit Brot.“ Die Leute seien damals sehr dankbar für die Hilfe der Amerikaner gewesen. Auch Kleidung sei nicht üppig vorhanden gewesen. „Wir jüngeren Kinder haben die Hosen von unseren größeren Geschwister geerbt.“ Die Kinder seien viel barfuß gelaufen, das einzige Paar Schuhe wurde nur sonntags getragen.

Nach dem Krieg wandte sich der Lehrer um 180 Grad, erzählt Weigl. „Buben, jetzt heißt es nicht mehr ,Heil Hitler’, sondern ,Grüß Gott‘“, soll der Lehrer gesagt haben. Durch den Bildungsnotstand mussten die Schüler in der restlichen Schulzeit viel Lernstoff nachholen. Nach acht Jahren war 1952 die Schulzeit für den damals 15 Jahre alten Alois Weigl beendet. Ein Problem, denn Lehrplätze in Betrieben gab es kaum. Manche von Weigls Klassenkameraden gingen, um Arbeit zu finden, ins Ruhrgebiet – in den Kohle-Pott. Einige seien nach Amerika ausgewandert, etliche blieben ohne Arbeit.

Ausbildung zum Textiltechniker

„Ich sollte eigentlich bei der Stadt anfangen, wie mein Vater“, berichtet Weigl. „Das hat meine Mutter schon mit dem Bürgermeister ausgemacht.“ Weil dann doch ein anderer die Stelle bekam, fing Alois Weigl in der Tuchfabrik Mehler an. Als Textiltechniker arbeite er in der Mischerei und Färberei. Sein Chef meldete den engagierten jungen Mann nach der Ausbildung bei der Meisterschule in Kaiserslautern und Dieburg an.

1963 kehrte Alois Weigl zurück nach Tirschenreuth und arbeitete wieder in der Tuchfabrik Mehler. Im Betrieb lernte er auch seine Frau kennen. 1964 stand bereits die Hochzeit an. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor. In seiner Heimatstadt war Alois Weigl bei den Pfadfindern, der CSU und bei Kolping engagiert. Heute blickt Alois Weigl zufrieden auf sein Leben zurück: „Es war keine einfache Kindheit und Jugend, aber aus uns allen sieben Geschwistern ist etwas geworden.“ Der Rentner genießt seinen Ruhestand am liebsten im Garten zwischen seinen Obstbäumen.

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Tirschenreuth

Alfred Mehler erinnert sich an den Fliegerangriff auf Tirschenreuth von 1944

Tirschenreuth
Hintergrund:

Brief des Vaters an die Mutter

Alois Weigl hat noch viele Briefe, die der Vater aus dem Kriegsgebiet nach Hause schickte. Mit einem 1942 verfassten Brief schickt er Tabak für den Vater zum Namenstag mit und ein Stück Schnur. „Die kannst du bestimmt gut gebrauchen, ihr habt ja nur mehr Papierschnur.“ Hans Weigl schreibt weiter an seine Babett: „Und weil ich so unverbesserlich bin, so lege ich wenigstens einige Zuckerl für die Kinder bei.“ „Bei uns ist es nicht mehr kalt – es taut. Allerdings weht ein frischer Wind. Kamerad Bers ist schon ganz krank, weil das Gesuch seiner Frau noch nicht angekommen ist. Morgen fährt Kamerad Freina in die Heimat nach Waldershof, er wird entlassen. Auch ich warte schon auf den Eingang deines Gesuchs vom Wehrmeldeamt.“ Weiter heißt es: Abschließend steht ein Gedicht des Vaters an seine Frau in dem Brief: „Es ist die stille Stunde da weltenfern die klaren Sterne stehn. Ich fühle noch den Druck der lieben Hände und hör dein Lachen durch den Abend gehn, als würde dein Klingen unterm Himmel stehn, herzliche Grüße und Küsse, dein Hans.“

„Manche Erlebnisse haben sich richtig eingebrannt.“

Alois Weigl (81)

„Bei einem Bombenabwurf in Stadtnähe, mittags einmal, zitterten unsere Wohnungsfenster und Türen.“

Alois Weigl über den Bombenabwurf im Dezember 1944 bei Tirschenreuth

 

 

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