26.01.2021 - 13:47 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Tirschenreuth: Auf der Jagd nach Bombentrichtern

Unzählige Bomben sind im Zweiten Weltkrieg aus Flugzeugen gefallen. Manche könnten fast 76 Jahre später noch als „Blindgänger“ in den Wäldern und Wiesen um Tirschenreuth liegen. Eine Untersuchung soll Erkenntnisse bringen.

Für die Suche nach Hinweisen auf Bombenabwürfe dient auch ein Luftbild von Tirschenreuth vom 25. März 1945. Die Experten richten ihr Augenmerk auf Bombenkrater, Flurschäden oder Störungen im Bewuchs in den Wäldern.
von Werner Schirmer Kontakt Profil

Von den schlimmsten militärischen Facetten des Kriegsgeschehens ist der Landkreis Tirschenreuth in den Tagen des Zweiten Weltkrieges weitgehend verschont geblieben. Bei der Erinnerung an die dunklen Tage des Dritten Reichs ist Nordbayern zumeist mit den schrecklichen Ereignissen im Konzentrationslager in Flossenbürg präsent. Bombenteppiche und großflächige Verwüstungen der Fluren sowie der Orte finden sich in den Aufzeichnungen selten.

Wenn auch feindliche Flugzeuge am Himmel über dem Stiftland zu sehen waren - massive Bombenlasten haben Amerikaner und Briten aber nicht über der Region abgeladen. Gänzlich verschont worden ist der Landkreis aber nicht. Und Sprengkörper aus diesen Zeiten ruhen auch im Boden um Tirschenreuth.

Erst im Februar vergangenen Jahres schreckte die Meldung von einem Bombenfund die Menschen auf. Bei Bauarbeiten bei Lengenfeld wurde ein "Blindgänger" entdeckt. Ein Kampfmittelräumdienst aus Nürnberg hat damals den alten Sprengkörper entschärft. Doch es stellte sich die Frage, ob noch weitere Bomben in der Gegend auftauchen könnten.

Eger das eigentliche Ziel

Zeitzeuge Alfred Mehler hat recherchiert, dass der "Blindgänger" wohl gar nicht für die Region bestimmt war. Vielmehr wollten amerikanische Flieger am 9. Dezember 1944 den deutschen Militärflughafen in Eger ins Visier nehmen. Und dabei seien wohl einige Bomben zu früh abgeworfen worden. Zwar hat ein SS-Bericht im Bayerischen Hauptarchiv in München aufgeführt, dass beim Abwurf alle Bomben detoniert wären, doch hat der Fund bei Lengenfeld dies widerlegt.

Doch wie viele "Blindgänger" finden sich noch rund um die Kreisstadt? Nach dem Vorfall im vergangenen Jahr will die Stadt dies genauer wissen. Dabei ist natürlich die Sicherheit der Menschen der Hauptgrund für eine intensivere Untersuchung. Und hier sind besonders die Beschäftigten von Bauunternehmen gemeint, die bei Erdarbeiten den Boden umgraben.

Für die Stadt Tirschenreuth war nach dem Bombenfund klar, dass weitere Untersuchungen erfolgen müssten. Schließlich werde von den Unternehmen bei Bauaufträgen auch immer wieder nach den Vorbelastungen der Flächen nachgefragt, weiß Bürgermeister Franz Stahl im Gespräch mit Oberpfalz-Medien. Schon im vergangenen Jahr war deshalb Kontakt mit dem Nürnberger Unternehmen R&H Umwelt GmbH aufgenommen worden. Die Franken sollen untersuchen, ob es noch weitere Hinweise auf Bombenabwürfe in der Region geben könnte.

Hinweise auf Munitionsreste

Grundlage dafür werden alte Luftaufnahmen sowie aktuelle Fotos sein. Stahl erhofft sich Aufschlüsse, ob Munitionsreste auch nach früheren Panzer-, Artillerie- und Truppenbewegungen vorhanden sein könnten. "Früher war das nie ein Thema", betont der Bürgermeister, doch heute seien die Leute sensibler geworden. Ein interessantes Dokument, das die Stadt erworben hat, ist eine Luftaufnahme vom 25. März 1945, erstellt durch die amerikanischen Luftstreitkräfte. Dieses Foto zeigt Tirschenreuth und die nähere Umgebung.

Dass Tirschenreuth in Hinblick auf die Zerstörung recht glimpflich durch die Kriegsjahre gekommen ist, belegen auch die historischen Aufzeichnungen. So ließen sich in den Archiven keine Angaben über größere Schäden an Orten und Gebäuden finden. "Tirschenreuth ist wohl kaum beschossen worden, Wondreb mehr", weiß Stahl aus den alten Unterlagen. Um mehr Erkenntnisse zu gewinnen, soll jetzt die Untersuchung durch die Nürnberger Firma starten.

Keine Auswirkungen auf Planung

Im vergangenen Jahr war nach dem Bombenfund bei Lengenfeld nach den Angaben des Zeitzeugen Alfred Mehler eine Karte erstellt worden, die mögliche weitere Abwürfe beschrieben hat. Die wurden auch nahe des neuen Industriegebiets im Süden der Stadt vermutet. Die Planungen für dieses Gebiet werden nach Aussage von Franz Stahl dadurch aber nicht gefährdet. So sei im Umfeld des Areals vor Jahren eine Biotopfläche angelegt worden. Und im Zuge dieser Maßnahme sei nichts gefunden worden. "Und ich bin auch weiterhin sehr zuversichtlich, dass nichts gefunden wird", hofft Stahl, der die Nachforschungen aber dennoch als sehr interessant einstuft. Schließlich könnten die Untersuchungen auch Aussagen ergeben, wie die militärische Lage zum Ende des Krieges war. Vielleicht könnte man anhand der Bodenfunde auch nachvollziehen, ob um die Kreisstadt Kämpfe stattgefunden haben.

Auf Anfrage bestätigt Carla Hillebrand, Projektleiterin der Firma R&H Umwelt GmbH, dass für die Untersuchung an erster Stelle Luftaufnahmen ausgewertet würden. Aktuell würden dem Unternehmen drei Fotos von Ost-West-Flügen der US-Streitkräfte vorliegen. Warum die Amerikaner kurz vor dem Kriegsende diese Flüge durchgeführt haben, sei nicht bekannt. Die Bilder seien vom Landesamt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung bereitgestellt worden. Als weitere Quelle nutzt die Nürnberger Firma auch das britische Luftbildarchiv, das in Schottland eingerichtet wurde.

Störungen im Bewuchs

Die Aufnahmen will R&H laut Hillebrand nach Auffälligkeiten unter die Lupe nehmen. Das können Bombenkrater und Flurschäden sein. Aber auch Störungen im Bewuchs in den Wäldern könnten auf die Schäden verweisen, ebenso Geländeauffüllungen. Für die Untersuchungen würden auch Anfragen an das Landratsamt und die Archive gestellt. Befragungen vor Ort seien nicht vorgesehen.

Kampfmitteltechnische Begleitung

Die Ergebnisse sollen laut der Projektleiterin noch in diesem Jahr der Stadt zur Verfügung gestellt werden. "Falls wir etwas finden, werden wir das entsprechend darstellen", so Hillebrand. Denn die Hinweise auf Bombenabwürfe würden auch die Möglichkeit von "Blindgängern" aufzeigen. Falls einmal in den Bereichen gebaut werden sollte, wäre eine kampfmitteltechnische Begleitung notwendig.

Bombenfund bei Lengenfeld

Lengenfeld bei Tirschenreuth
Rund 500 amerikanische Pfund (etwa 225 Kilogramm) war die Fliegerbombe schwer, die im Februar 2020 bei Lengenfeld gefunden wurde.
Nach dem Bombenfund bei Lengenfeld schilderte Zeitzeuge Alfred Mehler in einem Zeitungsbericht seine Erinnerungen an den Luftangriff auf Tirschenreuth am 9. Dezember 1944. Er forschte viel nach und rekonstruierte die Fluglinie, die die amerikanischen Flieger flogen, sowie die Einschläge der abgeworfenen Bomben, an die er sich erinnert.

Zeitzeuge Alfred Mehler erinnert sich an den Luftangriff

Tirschenreuth

 

 

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