29.01.2020 - 17:30 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Neun Frauen kandidieren im Landkreis Tirschenreuth für das Bürgermeisteramt

Neun Frauen wollen nach der Wahl das Regiment in den Rathäusern übernehmen. So viele wie noch nie im Landkreis Tirschenreuth.

Im Landkreis Tirschenreuth kandidieren neun Frauen für das Bürgermeisteramt.
von Susanne Forster Kontakt Profil

Das sind die neun Bürgermeisterkandidatinnen im Landkreis Tirschenreuth:

Im Landkreis gibt es bisher nur in Waldershof eine Erste Bürgermeisterin: Friederike Sonnemann. Sie verlässt ihren Chefsessel am 30. April. Sie will zwar Bürgermeisterin bleiben, jedoch nicht in der Oberpfalz. Sie kandidiert im mittelfränkischen Wörnitz für das Amt. Dort, so sagt Sonnemann, habe es vorher auch noch keine Frau im Amt gegeben. Sie war übrigens die einzige von insgesamt sieben weiblichen Kandidatinnen, die sich bei der Kommunalwahl 2014 durchsetzen konnte. Und möglicherweise wird es auch in Waldershof wieder ein weibliches Gemeindeoberhaupt geben. Um die Nachfolge von Sonnemann bewerben sich auch zwei Frauen. In Kemnath, Krummennaab, Fuchsmühl, Pechbrunn und Plößberg gibt es ebenfalls Frauen, die sich die Chefrolle im Rathaus zutrauen. Und auch um das Amt des Landrats kandidiert in diesem Jahr MdL Anna Toman (Die Grünen) – neben drei männlichen Bewerbern.

54 Kandidaten wollen in den 26 Gemeinden des Landkreises Rathauschef werden. Nur neun sind weiblich. Haben es Frauen in der Kommunalpolitik schwerer als Männer?

Mit einem klaren „Ja“ beantwortet Sonnemann die Frage, ob ihre Karriere als Stadtoberhaupt als Mann anders verlaufen wäre. Sie sagt von sich selbst: „Stolz bin ich nicht darauf, die erste Frau im Landkreis gewesen zu sein“, und meint ihr Amt als Bürgermeisterin. „Ich habe eine Vorreiterrolle eingenommen und andere Frauen ermutigt, sich zu bewerben.“ Sie freue sich, dass im Landkreis mehrere Frauen kandidieren. „Ich bin immer gut behandelt worden“, blickt sie auf ihre Amtszeit zurück. Jedoch gab es nicht immer schöne Seiten. „In Waldershof wird keine Frau Bürgermeisterin“, habe es vor ihrem Amtsantritt geheißen. „Ich bin nicht angetreten, um zu zeigen, dass eine Frau es schaffen kann“, sagt Sonnemann.

Ich bin nicht angetreten, um zu zeigen, dass eine Frau es schaffen kann.

Friederike Sonnemann, Erste Bürgermeisterin in Waldershof

Friederike Sonnemann, Erste Bürgermeisterin in Waldershof

Sie meint aber auch, dass Bürgermeister zu sein sehr anstrengend sei. „Der Job ist nicht an feste Zeiten gebunden. Für mich wäre das Amt mit Familie nicht vereinbar gewesen“, sagt sie. Ihre vier Kinder seien alle bereits außer Haus gewesen, als sie sich um das Amt in Waldershof beworben habe. „Das hätte ich nicht gemacht, wenn meine Kinder noch im Haus gewesen wären.“

„Der Nachwuchs leidet darunter, wenn ein Elternteil Bürgermeister ist“, meint Sonnemann. Auf die Frage, ob an Frauen in der Politik höhere Erwartungen gestellt werden, sagt sie: „Ja ganz sicher. Das habe ich so empfunden.“Sie merkt aber auch an, dass sie an sich selbst hohe Ansprüche gestellt hat. „Ich wollte alles verstehen. Ich habe mich auch in umfangreiche Themen eingearbeitet.“ Dies habe ihr Anerkennung eingebracht. „Es war definitiv eine sehr gute Zeit als Bürgermeisterin in Waldershof.“ Zur bevorstehenden Kommunalwahl meint sie: „Jeder, der sich für das Amt bewirbt, verdient Respekt.“

"Frauen wählen keine Frauen"

Christine Trenner, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen Kreis Tirschenreuth, ist der Ansicht, als Frau müsse man „groß, schlank und blond“, sein. „Wenn man aus dem Raster fällt, hat man ein Problem.“ Äußerlichkeiten seien wichtig. Und sie sagt auch: „Frauen wählen Frauen nicht.“ Das habe sie aus vielen Gesprächen herausgehört. Die Gleichberechtigung sei noch nicht überall angekommen, sagt die Erbendorferin. Als Beispiel nennt sie auch die „Differenz in der Bezahlung“, die es zwischen Frauen und Männern nach wie vor gebe. „Es muss noch Arbeit geleistet werden, damit Frauen in politischen Ämtern akzeptiert werden.“ Im Gegensatz zu Männern, so Trenner, müsse eine Frau „doppelt so gut informiert sein". Sie sagt: „Männer überspielen es schon einmal, wenn sie etwas nicht wissen. Sie informieren sich dann im Hintergrund.“ Frauen hingegen gäben schon eher mal zu, wenn sie sich in einem Bereich nicht so gut auskennen. Für die Wahl wünscht sie sich, „dass weibliche Kandidatinnen von Frauen berücksichtigt und gewählt werden. Und natürlich eine hohe Wahlbeteiligung.“

Wenn man aus dem Raster fällt, hat man ein Problem.

Christine Trenner, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen

Christine Trenner, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen

Frauen trauen sich nicht

Tina Zeitler, Kreisvorsitzende der Frauen-Union, nennt als einen möglichen Grund für die überschaubare Zahl an Kandidatinnen: „Frauen trauen sich nicht. Der Anspruch an sie selbst ist zu hoch. Sie wollen immer alles hundertprozentig machen.“ Auch meint sie: „Politik ist noch eine Männerdomäne. Es dauert einfach noch, bis es so weit ist.“ Ihrer Meinung nach sind Frauen noch nicht so sehr an Politik interessiert. Das merke sie vor allem auch daran, dass es für Stadt- oder Gemeinderatslisten schwierig sei, Frauen zu finden.

Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf thematisiert Zeitler. „Das Bürgermeisteramt ist ein 24-Stunden-Job.“ Sie meint, die Frage, ob Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen sind, stellen sich Männer gar nicht. Für sie sei das selbstverständlich. „Frauen überlegen da intensiver“, sagt sie. Denn die Frauen seien es, die die gesamte Familie zusammenhalten. Für die Kommunalwahl wünscht sich Zeitler, neben einer hohen Wahlbeteiligung, „dass alle Damen, die kandidieren, in die entsprechenden Gremien und Ämter einziehen“.

Politik ist noch eine Männerdomäne.

Tina Zeitler, Kreisvorsitzende der Frauen-Union Tirschenreuth

Tina Zeitler, Kreisvorsitzende der Frauen-Union Tirschenreuth

Kommentar:

Frauen eine Stimme geben

Zwar gibt es im Landkreis teils frauenstarke Gremienlisten – jüngster Beweis in Waldsassen, wo es insgesamt 18 Stadtratskandidatinnen gibt. Sie trafen sich Anfang der Woche, um sich und ihr Wahlprogramm öffentlich vorzustellen. Doch vor den Chefposten in Rathäusern scheinen viele Damen dennoch zurück zu schrecken. Drei Statements von drei politisch aktiven Frauen bezeugen: Da gibt es noch mächtig Luft nach oben. Ob die Luft tatsächlich dünner ist auf dem Chefsessel im Rathaus, wenn Frau darauf thront, kann wohl nur diejenige beantworten, die schon darin sitzt.
Wenn es dann von Frauen aus politischer Reihe heißt, dass Frauen ihre Stimme lieber männlichen Kandidaten geben, bahnt das nicht gerade einen freien Weg für die politisch engagierte Dame. Doch wir, die Frauen des Landkreises, dürfen uns durchaus den Chefposten einer Gemeinde zutrauen. Denn in Zeiten der Work-Life-Balance kann Frau den Laptop schließlich überall aufklappen. Und um im Bürokratie-Dschungel dem Durchblick zu behalten, benötigt es Organisation und Struktur. Deshalb ist es bestimmt kein Zufall, dass die meisten Sekretariate von Frauen geleitet werden. Und in den Vorzimmern der Bürgermeister sitzen – zumindest im Landkreis – überwiegend Frauen. Und das beweist doch nur, dass die Organisation in den meisten Fällen Frauensache ist.
Und so ein bisschen Frauenpower würde den Rathäusern des Landkreises sicherlich nicht schaden. Also, warum nicht den Frauen ihr Engagement gönnen. Vielleicht treten im Landkreis nach der Kommunalwahl tatsächlich sechs Bürgermeisterinnen ihr Amt an.

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