28.11.2019 - 16:21 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Nach Nötigung der Ex-Freundin ins Gefängnis

Die Beziehung endete tränenreich vor Gericht. Ob die Verzweiflung der Zeugin von den Nachstellungen des Angeklagten herrührten, darüber gingen die Meinungen auseinander. Der Richter glaubte ihr und schickte den Ex-Freund ins Gefängnis.

Prozess
von Michaela Kraus Kontakt Profil

Vier Verhandlungstage Zeit nahm sich das Gericht, um die Geschehnisse von allen Seiten zu beleuchten. Angeklagt war ein 46-Jähriger aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach. Er überhäufte seine 29-jährige Ex-Freundin wochenlang mit Dutzenden SMS, Whatsapp-Nachrichten und Anrufen. Die Vorwürfe lauteten Nachstellung und Nötigung.

Ende 2018 eskalierte die Lage nach Darstellung der jungen Frau aus dem westlichen Landkreis Tirschenreuth. Der Angeklagte habe sie auf dem Nachhauseweg von der Nachtschicht überholt und ausgebremst, um mit ihr zu sprechen. Wenige Tage später ging sie zur Polizei und zeigte einen weiteren Vorfall an: Der Ex-Freund habe sie an der Arbeitsstelle abgepasst, so dass sie sich bedroht fühlte und einen Umweg nach Hause fuhr. Im Raum Kemnath sei ihr der Ex-Freund mit seinem Auto entgegengekommen, habe gewendet und sie verfolgt. Er sei dicht aufgefahren, habe nach dem Überholen stark abgebremst und sie zum Anhalten gezwungen.

Dies schilderte die Zeugin dem Gericht, unterbrochen von Weinkrämpfen und erst, nachdem der Angeklagte den Saal verlassen hatte. An zwei Fortsetzungsterminen hatte eine Psychologin ausgesagt, dass die Frau zwar bei ihr in Behandlung gewesen war, aber direkt vor den Vorfällen nicht mehr. Erst danach seien wieder Panikattacken aufgetreten. Ein Kfz-Sachverständiger bestätigte, dass sehr dichtes Auffahren bei gewissen Geschwindigkeiten durchaus möglich sei, ohne dass das Bremssystem eingreift. Und zwei Zeugen, die bescheinigten, sich mit dem Angeklagten zum Zeitpunkt eines der Vorfälle auf einem Weihnachtsmarkt aufgehalten zu haben, machten widersprüchliche Angaben.

Am vierten Verhandlungstag ging es indirekt um die Glaubwürdigkeit der Geschädigten. Der Ex-Ehemann der 29-Jährigen sagte im Zeugenstand, dass die Frau wegen einer Borderline-Störung in Behandlung war. Bei Streit sei sie leicht in Panik geraten, habe geweint und sich eingesperrt. "Sie hat auch mit Selbstmord gedroht, wenn ich mich mal durchsetzen wollte." Auf die Frage von Verteidiger Werner Greißinger, ob die Verzweiflung echt war, ging der Zeuge davon aus, dass sie meistens gespielt war.

Die beiden Vermieter des Angeklagten schilderten die Frau als extrem kontrollsüchtig. "Sie hat eine Show abgezogen, hat behauptet, er betrüge sie und wolle sie finanziell ruinieren", sagte der Mann. Seine Frau berichtete, dass sich der 46-Jährige überwacht fühlte: "Alle zwei Minuten ist eine neue Whatsapp gekommen." Die Freundin des Mieters habe sich auch bei ihr ausgeweint und ihm vorgeworfen, er würde sie ausnehmen: "Da hast du gedacht, die Welt geht unter." Eine gute Bekannte des Angeklagten sagte, die Verlobte sei sehr eifersüchtig gewesen und habe ihn mit Nachrichten überhäuft, wenn er nicht sofort antwortete.

"Es geht nicht um das Verhalten der Geschädigten vor der Trennung", stellte Staatsanwältin Christina Richter klar. An der Glaubwürdigkeit der 29-Jährigen, die durch das Verhalten des Angeklagten völlig aus der Fassung geraten sei, wäre nicht zu rütteln. Der Mann habe vor Gericht versucht, sich selbst als Opfer darzustellen und seine Ex-Freundin in ein schlechtes Licht zu rücken. Strafmildernde Umstände sah sie nicht. Weil der Angeklagte zur Tatzeit doppelt unter Bewährung stand – wegen Betrugs und unterlassener Beantragung einer Insolvenz – hielt die Staatsanwältin eine Gefängnisstrafe von einem Jahr für nötig.

Ganz anders lautete die Schlussfolgerung von Rechtsanwalt Greißinger: "Selbst wenn man dem Angeklagten nicht glaubt, der Zeugin kann man auch nicht glauben." Ihre Aussagen müssten nicht bewusst falsch getroffen, sondern könnten durch ihre psychische Verfassung begründet sein. Die Angstzustände müssten andere Ursachen haben als eine Serie von Whatsapp-Nachrichten. Der Verteidiger hielt eine Nötigung nicht für erwiesen.

Deutlich wurde Richter Thomas Weiß in seinem Urteil: "Die Zeugin ist keine Schauspielerin", fasste er seine Überzeugung zusammen. Diesen Eindruck hätten auch die Polizeibeamten gehabt, die in der Nacht mit der 29-Jährigen zu tun hatten und sie sogar nach Hause begleiteten. Durch die Vorfälle sei die Frau in ihrer Lebensgestaltung eingeschränkt.

Eine Bewährung kam bei der Liste von 16 Vorstrafen für den Richter nicht in Frage. Der Angeklagte zeige auch keinerlei Schuldeinsicht. Das Urteil wegen Nachstellung und zweifacher Nötigung lautete auf neun Monate Freiheitsstrafe. Dazu kommt ein Monat Fahrverbot.

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