Es ist ein Keller, so wie ihn früher die meisten Bauern über Jahrzehnte hinweg zur Lagerung der Erdäpfl und auch der "Rangersen" vom eigenen Acker nutzten. Doch mit dem zahlenmäßigen Rückgang der landwirtschaftlichen Betriebe ist auch der Anbau von Kartoffeln und Runkelrüben drastisch gesunken - und damit die Notwendigkeit, sie in den hofeigenen Kellern zu lagern. Die Keller bleiben dennoch nicht leer: Sie werden genutzt, um während der Wintermonate Gemüse kühl und dunkel aufzubewahren, um eingewecktes Obst zu bevorraten oder im Fall von Harald Schlöger um Edelreiser zu deponieren.
Besondere Ansprüche
Denn sie stellen ganz besondere Ansprüche an die Lagerung. "Edelreiser schneide ich von Ende Dezember bis Anfang Februar. Also dann, wenn die Mutterbäume sich noch in der Ruhephase befinden. Die Reiser bündle ich nach Sorten, beschrifte sie und lege die Gebinde auf den Kellerboden." Am einfachsten, berichtet Schlöger, sei eine Lagerung in einem feuchten, kühlen, dunklen Erdkeller mit geringen Temperaturschwankungen und gut geschützt vor Mäusefraß. So hält der Fachmann die Reiser in Winterruhe und verhindert das Austrocknen sowie An- oder Austreiben. Denn nur pralle, feste Edeltriebe sollen für das Pfropfen verwendet werden. Keinesfalls dürfen die Knospen angeschwollen sein. "Lässt man sie im Keller in Ruhe und tastet sie nicht an, dann können sie notfalls bis Juni verarbeitet werden." Das hängt von der Qualität des Erdkellers, von der Strenge des Winters und natürlich auch von der Qualität des Reisers beim Schnitt ab.
Hunderte Edelreiser-Sorten
Seit fast 30 Jahren organisiert Schlöger die Ausgabe der Edeltriebe in Tirschenreuth und Kemnath, und auch dieses Jahr ruhen in seinem Felsenkeller die etikettierten und sorgsam gebündelten Reiser. Doch coronabedingt wird dieses Jahr die Ausgabe entfallen. Die sorgsam eingelagerten Triebe häckselt der Kreisfachberater notgedrungen, den Mulch verteilt er in seinem Garten. Dabei kommt eine beachtliche Menge zusammenkommen, immerhin bietet der Gartenexperte Jahr für Jahr mehr als einhundert Edelreiser-Sorten an, die meisten stammen von seiner eigenen Streuobstwiese.
Auch wenn heuer die Edelreiserausgabe entfällt, hat Schlöger für Hobby-Veredler einen besonderen Tipp. Er rät, eine alternative Methode auszuprobieren: die Veredelung mit Reisern sofort von Baum zu Baum (siehe Info). Von einem alten Baum, der gute Äpfel trägt, aus der Nachbarschaft oder Omas Garten könnte man einen Trieb holen und ihn auf einen Baum im eigenen Garten pfropfen, erklärt Schlöger. So wäre es möglich, alte Sorten und lokale Spezialitäten zu erhalten.
Vielfalt erhalten
Harald Schlöger und seiner Kollegin Manuela Pappenberger ist vor allem der Erhalt der Vielfalt wichtig. "Einen Großteil der Obstsorten gibt es im Handel nicht oder nicht mehr, sie sind im Angebot der Baumschulen nicht vertreten." Auch im Supermarkt gebe es nur eine sehr eingeschränkte Auswahl. "Es gibt leider nur noch sehr wenige marktgängige Sorten." Damit gingen die Geschmacksvielfalt und auch die Robustheit verloren.
Früher sei das Propfen ein Kulturgut gewesen. "Auf jedem Hof gab es eine Person, die sich mit dem Pfropfen auskannte", berichtet der Fachmann. Je weniger Obst selbst angebaut wurde, desto mehr ging das Wissen in den bäuerlichen Familien verloren. Erst seit einigen Jahren steige das Interesse an Veredelungskursen wieder, weiß Schlöger. "Wenn das Pfropfen einmal gelingt, dann wird es zur Leidenschaft. Man muss man es einfach jedes Jahr wieder machen."
Sauberkeit und Schnelligkeit
Für alle, die sich mit der Thematik beschäftigen und Probleme mit dem Anwachsen des Edeltriebs haben, empfiehlt der Gartenexperte Sauberkeit und Schnelligkeit. Denn egal, wie gut die Qualität des Edelreisers sei, egal wie fachmännisch die Schnitte für das Pfropfen ausgeführt werden: Diese guten Voraussetzungen können das Gelingen nicht garantieren, wenn Bakterien oder Pilzsporen auf die Schnittfläche geraten. "Die Schnittfläche ist wie eine offene Wunde. Sie sollte keinesfalls berührt werden."
Das heiße natürlich nicht, dass man nur mit Handschuhen arbeiten darf. Schlöger hat in Sachen "steriles Arbeiten" eine eigene Methode entwickelt: "Wenn das Edelreis geschnitten ist, nehme ich das obere Ende in den Mund. Ich lege es nicht auf den Tisch oder auf den Boden. Damit soll es ja nicht in Kontakt kommen." So hat er die Hände frei für weitere Arbeitsschritte.
Gesprächsstoff für nächstes Jahr
Schlöger hofft, dass im nächsten Jahr die Ausgabe der Reiser wieder normal stattfinden kann. Seine Kunden, die oft von außerhalb des Landkreises anreisen, schätzen nicht nur die gute Qualität seiner Edeltriebe. Auch der Erfahrungsaustausch mit anderen "Pelzern" (siehe Hintergrund), wie die Hobby-Obstbaumveredlern auch genannt werden, muss heuer leider entfallen.
Aber vielleicht bleibt ja der Corona-Frühling 2020 vielen "Pelzerern" in Erinnerung, weil sie da zum ersten Mal die "Veredelung mit Reisern sofort von Baum zu Baum" versucht haben und es auf Anhieb geklappt hat. Diese Erfahrung sorgt dann für neuen Gesprächsstoff beim Abholen der Edelreiser nächstes Jahr.
Veredelungstipp: Sofort von Baum zu Baum
Veredeln mit Reisern sofort von Baum zu Baum - das kann bei Apfel- und Birnbäumen auch mit ganz frisch geschnittenen Trieben ohne Zwischenlagerung gelingen. Dazu möglichst bald die Reiser von einem Baum mit einer guten Sorte schneiden und sofort auf einen anderen Baum pfropfen. Vor allem beim Kernobst gelingt das gut, wenn man von den Reisern den unteren Teil mit den Augen verwendet, die noch gar nicht oder wenig angetrieben haben.
Die Triebe müssen dazu einjährig, unverzweigt, gesund und kräftig sein, rät Harald Schlöger. Zudem sollten die Triebe etwa 40 Zentimeter lang, von gut belichteten Stellen im Baum und mindestens bleistiftdick sein. (vgl)
Woher kommt das Wort "Pelzen"?
Das Pfropfen (lateinisch propaginare), vor allem im Mittelalter auch "Pelzen" (vom lateinischen impelligare) genannt, wird bei verschiedenen Zier- und Obstbäumen genutzt. Zur Vermehrung oder zum Erhalt einer Einzelpflanze wird dabei ein Edelreis mit einer Unterlage zusammengefügt.















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