07.06.2019 - 14:16 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Schwestern packen bei Hamm an

Feilen, schweißen, fräsen, bohren. Während andere ihren Tag im Büro verbringen, stehen die 20-jährige Sophie und die 19-jährige Patricia Hecht an der Werkbank. Die Schwestern haben sich für einen für Frauen unüblichen Beruf entschieden.

Statt am Computer verbringen Sophie und Patricia ihren Berufsalltag in der Werkstatt.
von Alicia FuchsProfil

Bei der Hamm AG in Tirschenreuth macht Sophie Hecht eine Ausbildung zur Mechatronikerin, Patricia Hecht wird Industriemechanikerin. Insgesamt dauert die Ausbildung, in denen sie die unterschiedlichen Abteilungen des Betriebs kennenlernen, jeweils dreieinhalb Jahre. Wenn sich die jungen Frauen aus Triebendorf nicht gerade in der Berufsschule in Wiesau oder in Weiden befinden, wo sie zum Beispiel Wirtschafts- und Sozialwissenschaftsunterricht erhalten, beginnt ihr Arbeitstag um etwa 6.30 Uhr und endet meistens gegen 14.45 Uhr.

Je nachdem, in welchem Arbeitsbereich sie sich gerade befinden, bohren sie Löcher, stehen an der Fräse oder an der Drehmaschine. "Die Arbeit ist zwar teilweise körperlich anstrengend, aber auf jeden Fall machbar", sind sich die zwei Auszubildenden, die sich zur Zeit im dritten Lehrjahr befinden, einig. Hilfsmittel wie Kräne erleichtern ihre Tätigkeiten, wenn es zu schwer wird.

Der Einsatz von Maschinen sei ab einem gewissen Gewicht sowieso vorgeschrieben. Ihre alltägliche Schutzausrüstung besteht unter anderem aus Sicherheitsschuhen, Arbeitshose und -jacke. Dass diese an den Mädchen manchmal etwas lockerer sitzen und unter Umständen mit einem Gummiband enger gemacht werden müssen, scheint die Schwestern nicht zu stören. "Die Arbeitskleidung ist zweckdienlich und wir müssen damit ja keinen Schönheitswettbewerb gewinnen, sondern arbeiten", lacht Sophie. "Außerdem ist es schön, wenn man morgens nicht großartig überlegen muss, was man anzieht, sondern einfach einen Zopf macht und seine Arbeitssachen anzieht", ergänzt Patricia. Und für Blusen und Kleider hätten sie in ihrem Privatleben schließlich genug Zeit.

Sophie Hecht braucht für ihren Beruf technisches und mathematisches Verständnis.

Gleiche Aufstiegschancen

Vor ihrem ersten Arbeitstag waren sie aufgeregt und gespannt, ob noch mehr Mädchen mit ihnen die Ausbildung beginnen würden. Wie sich herausstellte, starteten mit ihnen noch vier weitere die Lehre im Unternehmen. Insgesamt machen derzeit 34 junge Frauen eine Ausbildung bei der Hamm AG. Aktuell stellen die Geschwister fest, dass mit der Zeit immer mehr weibliche Auszubildende und Praktikantinnen den Weg in die Branche finden.

In der Minderheit zu sein, war für Sophie und Patricia keine völlig neue Erfahrung. Bereits im Mathematischen Zweig an der Realschule im Stiftland in Waldsassen waren viel mehr Buben in ihrer Klasse. Anders als sie befürchteten, hatten die Schwestern nie mit voreingenommen Kollegen zu tun, die sie anders behandeln, weil sie Frauen sind.

Auch seien die Aufstiegschancen für sie die gleichen wie für die Männer im Betrieb, jede Abteilung habe aber unterschiedliche Karrierewege. Die beiden erzählen, dass sie sich bei allen Aufgaben, die sie bekommen, besonders anstrengen. "Das liegt aber nicht daran, dass wir als Frauen in einer Männerdomäne arbeiten, sondern an unserem Charakter und daran, dass wir verantwortungsbewusste Menschen sind", stellt Sophie klar. Am meisten gefällt ihnen an ihrem Job, dass sie einen abwechslungsreichen Alltag haben, man mit vielen Menschen in Kontakt kommt und oft im Team arbeiten kann. "Am Ende des Tages sieht man, was man gemacht hat, man hat das Ergebnis seiner Arbeit in der Hand."

Die beiden sind auch froh über die persönliche Entwicklung, die sie durch ihre Ausbildung durchlebt haben. Patricia findet, dass sie vor allem gelernt hat, "nicht so schüchtern zu sein und auf andere zuzugehen". Das liege gerade daran, dass man in den Lehrjahren Zeit in allen Abteilungen verbringt und so immer wieder mit neuen Kollegen in Kontakt kommt.

Den Schwestern war schon immer klar, dass sie einen handwerklichen Beruf ergreifen wollen, etwas "machen", statt nur im Büro zu sitzen. Einen ersten Eindruck von der Branche bekam Patricia in der achten Klasse, als sie ein Praktikum bei der Schott AG machte. Als bei der Hamm AG der Girls' Day stattfand, informierten sie und Sophie sich dort über mögliche Berufe. Bei einem Praktikum und beim Azubi-Tag schnupperten sie ein weiteres Mal in den Betrieb hinein. Interessant fanden die beiden es dort von Anfang an. Ihnen gefiel außerdem die Arbeitsatmosphäre und das Betriebsklima.

Da ihnen die bei diesen Gelegenheiten kennengelernten Aufgaben Spaß machten, bewarben sie sich beim Unternehmen um einen Ausbildungsplatz und wurden angenommen.

Dass sie als Schwestern im selben Betrieb arbeiten, finden sie zwar gut, aber sie betonen, dass das nicht der Grund ist, wieso sie sich für den Job entschieden haben. Sophie hatte vor Ausbildungsbeginn auch mit dem Gedanken gespielt, Bierbrauerin zu werden, diesen jedoch verworfen. Weil sie sehr heimatverbunden sind, war es den jungen Frauen auch wichtig, in der Region zu arbeiten. Wenn die Schwestern in ihrer Freizeit nach ihrem Beruf gefragt werden, reagieren die Leute meist erstaunt und ungläubig. "Trotzdem sind die Reaktionen immer positiv."

Patricia Hecht freut sich, dass sie sich während ihrer Ausbildung auch persönlich weiterentwickelt hat.

Praktikum guter Weg

Ob mehr Mädchen sich für einen solchen Beruf entscheiden sollten? Darauf können die beiden nicht klar mit Ja oder Nein antworten. "Wenn Mädchen sich dafür interessieren und das gerne machen würden, dann sollten sie es auf jeden Fall ausprobieren", denkt Sophie. "Aber nur diese Richtung zu wählen, damit es mehr Frauen in typischen Männerberufen gibt, ist der falsche Weg."

Sie empfehlen, bei Interesse ein Praktikum zu machen, um zu sehen, wie der Berufsalltag aussehen kann. "Man wird schon mal dreckig oder schneidet sich mal ein bisschen", sagt Patricia. Besonders sensible Mädchen könnten sich schwer tun, schätzen die beiden.

Die Schwestern haben schon von Klein auf mitbekommen, wie es in einer Werkstatt zugeht. Sie haben als Kinder viel Zeit auf dem Bauernhof ihrer Großeltern verbracht und haben ihrem Vater beim Werkeln zugeschaut. Dass ihre Mutter Schreinerin ist, hat die beiden zusätzlich ermutigt, als Frau in eine Männerdomäne einzusteigen. "Andere Eltern hätten vielleicht Zweifel gehabt, ob ihre Mädchen mit so einer Arbeit zurecht kämen, aber unsere haben uns von Anfang an unterstützt."

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