12.03.2020 - 09:49 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Spätbarocker Flügelaltar eine Rarität

Die Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Tirschenreuth übersteht Brände, Verwüstungen, Kriege - und viele Renovierungen. Trotzdem kann sich der Besucher heute an zahlreichen Schätzen erfreuen.

Die Stadtpfarrkirche vom Tirschenreuther Marktplatz aus gesehen.
von Rainer ChristophProfil

Die katholische Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt in der Kreisstadt Tirschenreuth dürfte eine der größten Kirchen in der nördlichen Oberpfalz sein. Erbaut wurde sie zum Ende des 13. Jahrhunderts im gotischen Stil. Bereits um 1134 war die kleine Kirche St. Peter Sitz einer Pfarrei, die von Floß aus gegründet wurde. Tirschenreuth wurde anschließend Mutterpfarrei von Eger.

Mit dem Ausbau der Siedlung Tursenreut lässt sich in einem alten Stadtgrundriss der Standort einer neuen Pfarrkirche ersehen. Es ist zunächst eine ringförmige Anlage in dem zu vermutenden ältesten Siedlungskern. Dieser besteht bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts. Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Gotteshaus mehrfach durch Brände und Kriege schwer beschädigt. Das heutige Erscheinungsbild der Stadtpfarrkirche entspricht dem des für unsere Region typischen barocken Baustil.

Frühgotisch

Abt Theoderich von Waldsassen (1286 bis 1302) errichtete, nicht gesichert, im Jahr 1299 das erste größere Kirchengebäude am Standort der heutigen Stadtpfarrkirche im frühgotischen Stil. Experten gehen von einem früheren Gründungsdatum aus. Es war die Zeit der Staufer aus der der erste Stadtgrundriss stammt. Zugehörig war die Pfarrei Tirschenreuth in dieser Zeit dem Dekanat Eger. Wann diese Kirche das Patrozinium Mariä Himmelfahrt erhielt, ist nicht überliefert.

Von dem ursprünglichen Bau sind nur noch die Mauern des Chores vorhanden. Der Turm und das Kirchenschiff wurden beim ersten großen Stadtbrand 1475 zerstört. 1487 wurde der Kirchturm neu gebaut. Über den zuständigen Baumeister Jakob Mair ist nichts mehr bekannt. Nur eine Tafel mit dem Datum 1487 erinnert an ihn. Er scheint auch in Eger gewirkt zu haben.

Die nach der Ermordung von Jan Hus 1419 beginnenden Hussiten-Einfälle aus Böhmen trafen das Stiftland und die Kreisstadt mit der Kirche schwer. Von 1428 bis 1455 war der hussitische Priester Bartholomäus Rautenstock Pfarrer in Tirschenreuth. 1455 wurde er in Nürnberg als Ketzer verbrannt. Rund 200 Jahre später wurde die Pfarrkirche im Dreißigjährige Krieg durch die Schweden geschändet. Am 17. Mai 1633 hinterließ ein Großbrand an Langhaus und Turm der Kirche große Schäden.

In der Zeit der Rekatholisierung versahen von 1625 bis 1652 Jesuiten die kirchlichen Aufgaben. Zuvor war Tirschenreuth und das gesamte Stiftland seit 1556 bedingt durch die zuständigen Kurfürsten der Pfalz Amberg-Heidelberg evangelisch, meist kalvinistisch. Innerhalb von 50 Jahren wechselte der Glauben rund fünfmal. Erst ab 1625 etablierte sich der katholische Glauben erneut in der Stadt.

Nach dreijähriger Pause begann nach 1636 die Erneuerung des oberen Teils am Kirchturm und des Langhauses. 1669 erfolgte die Einweihung der Kirche. Der Waldsassener Abt Eugenius legte 1722 den Grundstein für die Gnadenkapelle, in der sich heute das Gnadenbild der Schmerzhaften Muttergottes befindet. Dieses Bild wurde nach der Fertigstellung und Einweihung der Kapelle 1726 von der Friedhofskirche überführt.

Enorme Schäden

Im Jahr 1769 wurde die Kirche nach Westen hin erweitert. Nochmals sollte der Ort von einem vernichteten Brand betroffen sein. 1814 brannte der Kirchturm vollständig aus, der Rest des Gebäudes blieb zum Glück verschont. Mit dem Neubau des Kirchturms erhielt er sein heutiges Aussehen mit dem in unserer Region typischen Zwiebelturm. Der Kirchturm bekam im Laufe der Jahrhunderte mehrfach etwas ab. So auch im Juni 1972, als bei Lötarbeiten an der Kuppel ein Feuer ausbrach. Das Resultat waren enorme Schäden am Turm.

Die Pfarrkirche wurde im 20. Jahrhundert mehrfach renoviert. Die Idee war, den einstigen barocken Stil des Bauwerks zu erneuern. Vor dem Ersten Weltkrieg wurde die Innenausstattung der Kirche komplett erneuert. Dazu gehörte der neobarocke Hochaltar und 1916 eine ebenfalls neobarocke Kanzel. Mitte der 1960er Jahre ließ der damaligen Stadtpfarrer Georg Steiger die Kirche renovieren und umgestalten. Es war die Zeit nach dem 2. Vatikanischen Konzil, die Kirchen im Land erlebten eine riesige Umbauwelle. Volksaltäre, den Kirchbesuchern zugewandt, ersetzen die Hochaltäre. Kanzeln waren nicht mehr gefragt, der Priester sollte auf der Höhe des Kirchenvolkes stehen. Ausgebaut wurden sämtliche Kommunionbänke (siehe auch "Erinnerungen").

Eine der grundlegendsten Sanierungen erfolgte unter dem, aus Luhe stammenden Stadtpfarrer Georg Maria Witt in den Jahren 1981 und 1982. Nun erhielt die Kirche einen würdevollen Hochaltar, ein neues Chorgestühl. Neu waren auch der Volksaltar aus heimischen Granit, Ambo, eine Fußbodenheizung und vier neue Beichtstühle. Das über 100 Jahre alte Bild des Hochaltars wurde für den linken Seitenaltar verwendet.

Eine neue Kirchenorgel konnte 1975 angeschafft werden. Das äußere Aussehen, das aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts stammt, wurde belassen. Vor rund 15 Jahren fand die letzte Renovierung der Kirche statt. Der heutige Pfarrer Georg Flierl und sein Kirchenvorstand ließen auch eine Außenrenovierung durchführen, die bis hinauf ins Dach ging. Nun trägt die Kirche ein rotes Ziegeldach. Die Baubetreuung übernahm der renommierte und inzwischen verstorbene Architekt Klaus-Peter Brückner aus Tirschenreuth. Nach vielen Diskussionen entschied man sich für den heutigen, hellen Wandanstrich. Die Deckenlampen wurden durch eine indirekte Beleuchtung des Deckenraums ersetzt.

Das dreischiffige Kirchenschiff mit seinem gotischen Chorraum wird im Langhaus mit seinem Tonnengewölbe von massiven Strebefeilern getragen. Sie stammen noch aus der Zeit des ersten Baus. Das mittlere Schiff ist höher. Fünf Scheidbögen trennen die beiden Seitenschiffe mit Rundbogenfenstern. Auf den Konsolen der Pfeiler befinden sich sechs barocke Apostelfiguren aus dem 18. Jahrhundert. Die Deckenfresken im Langhaus wurden 1931 von Professor Oskar Martin-Amorbach aus der fränkischen Odenwaldstadt Amorbach gemalt und zeigen den Heiligen Georg, den Heiligen Christophorus, den Heiligen Martin von Tours, den Heiligen Sebastian sowie singende Engel.

Musizierende Engel

Auch im Netzgewölbe hat der Maler die Fresken an der Decke geschaffen. Sie zeigen den dreifaltigen Gott umgeben von musizierenden und anbetenden Engeln. Die drei Fenster in der Apsis stammen noch aus dem Mittelalter und symbolisieren die Dreifaltigkeit.

Mit dem einzigen geschnitzten spätgotischen Flügelaltar der gesamten Oberpfalz besitzt die Kirche eine Rarität. Dass er in den Wirrnissen der Geschichte gerettet wurde, grenzt an ein Wunder. Es war die Zeit der kalvinistischen Bilderstürmer unter dem "Winterkönig" Friedrich, als riesige Kunstwerke vernichtet wurden. Es wird berichtet, dass beherzte Tirschenreuther den Altar in der alten St. Peterskirche versteckten und er fast vergessen wurde. Zuletzt befand er sich in der Hauskapelle des Steyler Missionsklosters.

Der Altar besitzt eine Flügelbreite von fast einem Meter. Die Figuren sind zirka einen halben Meter groß. Der Mittelteil, um 1510 geschnitzt, zeigt die Kreuzigungsgruppe mit den beiden Schächern, bereichert durch die Figuren Mariens, der knienden Maria Magdalena, des Jüngers Johannes und trauernden Frauen. Zu betrachten sind außerdem zwei Reiter. Es sind ein hoher jüdischer Priester auf einem weißen Pferd und der Heilige Longinus, den der unbekannte Künstler auf einen Rappen setzt. In den seitlichen Nischen stehen im oberen Teil Johannes der Täufer und Johannes der Evangelist, unten St. Martin und St. Nikolaus. Dazu gesellen sich die Zwölf Apostel und die Heiligen Urban, Georg, Kosmas und Damian im Stil der Renaissance.

Hintergrund:

Der Kirchturm gehört der Stadt

Der Kirchturm ist mit einer Höhe von 46 Metern das höchste Bauwerk der Stadt. Karl Scheidler, Mitglied der Kirchenverwaltung, erklärte, dass die Renovierung des Jahr 2006 neue Erkenntnisse brachte. Bisher lernten viele Schülergenerationen, der Kirchturm sei 36 Meter hoch. Beim Aufstellen des Gerüstes wurde festgestellt, dass das mitgebrachte Material nicht ausreichte, weil der Turm nicht 36, sondern 46 Meter hoch ist. Der Turm ist damit genauso hoch, wie die Kirche lang ist.

Der Turm selbst befindet sich nicht im Besitz der Pfarrgemeinde, sondern ist Eigentum der Stadt. Gerne hätte sie ihn der Kirche übergeben, nur jeder Pfarrer lehnte bislang dankend ab. Bis vor rund 90 Jahren war der Turm mit seinen fünf Glocken noch bewohnt. Der Turmwächter musste Feuerwache halten und die Stunden anschlagen.

Zum Turm gibt es zwei Zugänge, der eine führt vom Innenraum ins Untergeschoss und der andere durch einen kleinen Rundturm, der an den Kirchturm angebaut ist. Karl Scheidler hat alles genau registriert. In den Rundturm führen 21 steinerne Stufen hinauf bis zum ersten Obergeschoss. Von hier aus geht es dann im Kirchturm auf Holztreppen mit insgesamt 67 Stufen weiter bis zur Glockenstube. Von der Glockenstube führt nur noch eine Leiter weiter nach oben.

Im ganzen Turm befinden sich 14 Fenster. Im Obergeschoss sind auf jeder Seite zwei Fenster. Auf der Ostseite ebenfalls zwei Fenster, auf der Südseite drei Fenster, auf der Westseite ein Fenster, die Nordseite ist fensterlos.

Der Turm war bis in die Mitte der 20-er Jahre des vorigen Jahrhunderts noch bewohnt. Die Wohnung, ein Zimmer, befand sich oberhalb der Glockenstube. (cr)

Hintergrund:

Erinnerungen

Der Autor erinnert sich, dass „aus Geldnöten wir Jungen der vielen katholischen Vereine vom Stadtpfarrer gebeten wurden, die Gerüste im Inneren zu erklimmen und mit Fäusteln den Putz von den Wänden zu schlagen. Der Wunsch des Pfarrers wurde von uns begeistert durchgeführt. Heute würden sich da jedem Denkmalpfleger die Haare aufstellen. Es war die Zeit, als wir mit Schubkarren die alten Buchbestände der Pfarrbibliothek ins damalige Invalidenheim fuhren. Sie alle wurden in der Heizung verfeuert. Tabula rasa, so hieß die Parole des Pfarrers. Dafür gab es auch mal eine Flasche Messwein als Belohnung“. (cr)

Die Apsis der Kirche mit dem Flügelaltar.
Die Dreifaltigkeitssäule stand viele Jahrzehnte vor der Ölberggruppe an der Kirche und wurde bei der Marktplatzsanierung an die heutige Stelle versetzt.

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