Tirschenreuth
13.10.2019 - 09:45 Uhr

Über Kontinente hinweg: Seit fast 70 Jahren beste Freunde

Vielleicht erinnert sich die ältere Generation in der Kreisstadt noch an ihn: Der Tirschenreuther Peter Schraml wanderte 1969 nach Kalifornien aus. Heute ist er 82 Jahre alt und er pflegt immer noch seine Freundschaft zu Hans-Georg Schulze.

Der Zahnarzt im Ruhestand und Künstler, Hans-Georg Schulze, schreibt seinem Freund, Peter Schraml (am Bildschirm) regelmäßig E-Mails. Die beiden haben trotz der räumlichen Entfernung von nahezu 9000 Kilometern nahezu 70 Jahre lang weiterhin engen Kontakt. Bild: ubb
Der Zahnarzt im Ruhestand und Künstler, Hans-Georg Schulze, schreibt seinem Freund, Peter Schraml (am Bildschirm) regelmäßig E-Mails. Die beiden haben trotz der räumlichen Entfernung von nahezu 9000 Kilometern nahezu 70 Jahre lang weiterhin engen Kontakt.

Will Hans-Georg Schulze mit seinem Freund Peter Schraml telefonieren oder chatten, muss er zuerst auf die Uhr schauen. Schulze wartet dann bis gegen 16 Uhr. Um diese Zeit sitzt Peter Schraml voraussichtlich beim Frühstück auf der Terrasse seiner Ranch in Nordkalifornien. Die Zeitverschiebung lässt keine zeitgleichen Gespräche zu und die Entfernung gleich gar kein spontanes Treffen. Was die heutigen Senioren nie davon abgehalten hat, beste Freunde zu bleiben. Und das seit 70 Jahren.

Auch Hans-Georg Schulze hat ein schönes Haus in Tirschenreuth, dennoch schwärmt er vom Leben seines Freundes in der kalifornischen Wildnis fern der Zivilisation. Das sei für ihn faszinierend und etwas anderes, sagt er. Die große Ranch, der riesige Wald außen herum, die zwei Fischteiche und weit und breit kein anderer Mensch. Schulze zeigt Fotos. Peter Schraml habe sich dies alles aus eigener Kraft und mit viel Fleiß selbst aufgebaut.

Flucht aus Ostpreußen

Rückblick: Der kleine Peter wird am 7. Juli 1937 in der Kleinstadt Tirschenreuth geboren. Der Bub besuchte die Volksschule und wird nach der Mittelschule Maschinenbauschlosser bei den "Gebrüdern Hamm". Aufregender verlief die Kindheit von Hans-Georg Schulze. Am Ende des Zweiten Weltkrieges muss er als kleiner Bub im Alter von vier Jahren mit der Familie aus Ostpreußen fliehen, erreicht in allerletzter Sekunde den Westen und kommt erst als Jugendlicher nach Tirschenreuth wegen eines Zahntechniker-Praktikums. Die Männer lernten sich bei der Pfadfinderschaft St. Georg kennen und werden beste Freunde.

Eine Freundschaft, die immer argen Belastungen ausgesetzt war. Während Schraml kurzfristig das Spätberufenen-Seminar in Fockenfeld besuchte, studierte Schulze in Hannover Zahnmedizin. Schraml ging zur Luftwaffe, wo er auf einer Piper L18 und der Dornier Do27 in Uetersen seine Grundausbildung absolvierte. "Peter strebte nach mehr und machte während seiner Luftwaffenzeit eine Ausbildung als Düsenjägerpilot auf der T33 und der F84 in den USA", erzählt Schulze. San Antonio in Texas, Selma in Alabama, sowie Phoenix in Arizona waren Schramls Ausbildungsstätten. In Selma habe er seine Frau Martha bei einem "Blind Date" kennengelernt, schreibt der Wahl-Amerikaner per E-Mail.

Schmunzelnd erinnert sich Schulze an den spektakulären "Fliegerabschied" des Freundes. "Wir waren auf dem Segelflugplatz, als im Tiefflug über uns eine F104 hinweg donnerte. Ein umwerfendes und lautstarkes Erlebnis". Er habe sofort geahnt, dass das Peter bei seiner letzten Flugmission über Deutschland gewesen sei. Er habe ihn gefragt, wie er in die Flugsicherheitszone (damalige ADIZ) einfliegen konnte. Peter habe geschmunzelt und verraten, dass man nur das Radar unterfliegen müsse.

Abschied aus Deutschland

Einige Jahre später kehrte Schraml heim nach Deutschland, wo er in Fürstenfeldbruck auf der T33 europäische Wetterverhältnisse trainieren sollte. "Da konnten wir uns wieder öfter treffen", so Schulze. Beide Tirschenreuther machten Karriere: Der Zahnarzt baute seine Praxis in Tirschenreuth auf, der Pilot flog in Jever (Niedersachsen) die F104, den berühmten "Starfighter" und wechselte zum Jabo Geschwader "Boelke" in Noervenich (Nordrhein-Westfalen).

1969 kam der ganz große Abschied von Deutschland: Schraml wurde Flugingenieur bei "Trans World Airlines" und wanderte endgültig nach Amerika aus. In seine neue Heimat brachte ihn das Flaggschiff "Bremen". 30 Jahre, sagt Schulze, sei Peter für die TWA geflogen. Obwohl er selbst viele Flugreisen unternommen habe, sei er leider nie in den Genuss gekommen, persönlich mit dem seinem Freund als Pilot zu fliegen. 1997 beendete der 60-jährige Schraml seine Karriere und baute sich in der Wildnis von Nordkalifornien eine Ranch auf.

"Als ausgeprägter Naturfreund lebt er mit seiner Frau Martha völlig unabhängig, erschließt Strom- und Wasserquellen selbst, nutzt Solarenergie und verwendet für die Heizung die Energiequellen der Natur", erzählt Schulze. Einmal habe er ihn auf der "Mountain Meadow Ranch" besucht. Die Eindrücke seien unvergesslich gewesen. Alles erschien wie ein Abenteuer aus einem Roman von Jack London.

"Ich habe nie bereut, dass ich ausgewandert bin", sinniert der 82-jährige Peter im Gespräch mit dem 88-jährigen Freund Hans-Georg darüber, ob er eine Heimat verloren oder eine zweite dazu gewonnen habe. Mit zunehmendem Alter seien die Kontakte etwas seltener geworden, räumen beide ein. Eingeschlafen sind sie nie. Die älteren Herren nutzen E-Mail und Telefon, um in Erinnerungen zu schwelgen und neue Familiennachrichten auszutauschen.

Dialekt bleibt

Der fünffache Großvater in Kalifornien und der zweifache Großvater in Tirschenreuth haben immer noch Vieles gemeinsam, wie zum Beispiel den Stiftländer Dialekt, den der Ostpreuße Hans-Georg Schulze erst lernen musste und der gebürtige Tirschenreuther Peter Schraml bis heute nach 50 Jahren Auswanderung dennoch nie verlernt hat. Oder das Genießen eines guten Tropfens in Form von Whisky. Damit knüpfen sie an die "wilde Jugend" an, als keine Party ohne Cola-Whisky ablief. Das edle Getränk, das beim Chat oftmals neben dem Bildschirm steht, dürfte fast so alt sein wie die besten Freunde aus Tirschenreuth und ihre 70 Jahre lange, enge Verbundenheit.

Hans-Georg Schulze (rechts) hat Peter und Martha Schraml in Kalifornien auf der Farm besucht. Das hat den Tirschenreuther Zahnarzt schwer beeindruckt. Bild: exb
Hans-Georg Schulze (rechts) hat Peter und Martha Schraml in Kalifornien auf der Farm besucht. Das hat den Tirschenreuther Zahnarzt schwer beeindruckt.
Peter Schraml (Mitte) hat auch den Starfighter geflogen. Bild: exb
Peter Schraml (Mitte) hat auch den Starfighter geflogen.
Peter Schraml geht es gut auf seiner Farm in Kalifornien. Privat war er auch Fußballtrainer. Bild: exb
Peter Schraml geht es gut auf seiner Farm in Kalifornien. Privat war er auch Fußballtrainer.
Der Traum eines jeden Häuslebauers: So lebt der gebürtige Tirschenreuther Peter Schraml, der vor 50 Jahren als Pilot nach Amerika ausgewandert ist, heute auf seiner großen Farm in Nordkalifornien. Bild: exb
Der Traum eines jeden Häuslebauers: So lebt der gebürtige Tirschenreuther Peter Schraml, der vor 50 Jahren als Pilot nach Amerika ausgewandert ist, heute auf seiner großen Farm in Nordkalifornien.
Vor dem Farmhaus von Martha und Peter Schraml weht das ganze Jahr über die bayerische Flagge. Bild: exb
Vor dem Farmhaus von Martha und Peter Schraml weht das ganze Jahr über die bayerische Flagge.
 
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