18.11.2021 - 12:14 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Warum Vorlesen in Kitas so wichtig ist

Welche Bedeutung hat in Kindergärten noch das Vorlesen von Büchern? Und welche Lektüren sind besonders beliebt? Ein Blick in vier Kindergärten im Landkreis Tirschenreuth.

Aufmerksam lauschen die Mädchen und Buben im Kinderhauses Kunterbunt in Tirschenreuth, was ihnen Ilona Kasseckert vom kleinen kranken Bär aus dem Bilderbuch vorliest. Dabei wird das Bild in den Vordergrund gerückt.
von Ulla Britta BaumerProfil

Was beim Vorlesen in den Kindergärten "in" ist, muss nicht unbedingt mit neuen Medien zu tun haben. Zwar seien diese ein Thema, wofür die Erzieherinnen auch regelmäßig geschult werden, sagt Silvia Markowski. „Aber Handy, Tablet oder Laptop kommen bei uns nur am Rande vor“, so die Leiterin des Kinderhauses Kunterbunt in Tirschenreuth. Da werde kritisch hingeschaut. „Virtuelle Welt im Kindergarten“ sei gerade auch ein Thema einer Elternbefragung. Zum bundesweiten Vorlesetag verraten sie und einige Kolleginnen, welche Bücher bei den Mädchen und Buben besonders gut ankommen.

Ein Renner im „Kunterbunt“ ist das Kamishibai, ein japanischer Erzähltheater. Dies hat mit moderner Technik nichts zu tun, eher mit klassischem Theater. Das kleine „Papiertheater“ ohne Puppen wird mit Lesekarten bedient, die durchgeschoben werden und eine Geschichte erzählen. Das Kamishibai steht im Lesezimmer auf dem Regal. Weit mehr Fächer sind mit klassischen Bilderbüchern gefüllt, ganz im Sinn der Kindergartenleiterin.

Büchertisch für Eltern

Lesen ist für Markowski eng verbunden mit Beobachten und Erleben von Mimik und Gestik. Kleine Kinder sollten mit allen Sinnen lernen können, sagt sie. Deshalb findet sie die Masken äußerst unglücklich. „Wir sind froh, dass wir sie auf Abstand beim Lesen im Rahmen der Maskenpausen für Erzieherinnen abnehmen dürfen.“ Mit einer Maske sei das Erlebnis Lesen arg eingeschränkt. Gelesen wird mit dem Buch verkehrtherum. Damit die Kinder auch die Bilder dazu sehen, sagen die Erzieherinnen die Geschichten nahezu auswendig auf. Oder lesen von oben herab. „Das geht schon“, schmunzelt Erzieherin Ilona Kasseckert und führt es vor.

Silvia Markowski ist seit 42 Jahren Erzieherin. In dieser Zeitspanne habe sich das Vorlesen natürlich verändert. Was aber die Liebe und Begeisterung zum Buch bei den Kindern nicht schmälern konnte. „Die kleine Hexe“ oder „Das kleine Nachtgespenst“ seien allerdings jetzt wirklich out. Und es müsse kritisch auf den modernen Büchermarkt bei den Kinderlektüren geschaut werden. Markowski ist nicht mit allem glücklich, was angeboten wird. Deshalb gibt es beim Adventskaffee jährlich einen Büchertisch für Eltern mit wirklich guter Kinderlektüre.

Einer hat alle Veränderungen und Modernisierungen im Buchwesen überlebt: „Frederick“, den 1967 herausgegebenen Klassiker von Leo Lionni lieben die Kinder wie einst ihre Eltern und teils Großeltern. Schadlos die Jahrhunderte überstanden haben außerdem die klassischen Grimm-Märchen, weiß die Fachfrau. Ilona Kasseckert kümmert sich regelmäßig darum, das Thema Buch bei den Kindern wachzuhalten. Im Lesezimmer stellt sie Verleihbücher auf, die sich die Kinder holen dürfen. "Und damit sie auch lernen, dass ein Buch einen Wert hat, werden sie angehalten, es danach ordentlich wieder an seinen alten Platz zurückzustellen", erklärt Kasseckert.

Fantasie kennt im Wald keine Grenzen

Wenn die „Goldbacher Wurzelzwerge“ im Waldkindergarten Brand draußen herumtoben, ist die Welt in Ordnung. Der Spielplatz der elf Kinder ist die Natur. Aber reicht das? Was ist zum Beispiel mit Lesen? Diese Frage würde ihr häufig gestellt, sagt Kindergartenleiterin Sabine Reindl. „Natürlich lesen wir. In unserem Bauwagen sind jede Menge Bücher.“ Zur breiten Themenpalette gehörten Bücher über Natur ebenso dazu wie Geschichten, Märchen und Klassiker wie der heilige St. Martin. Die „Wurzelzwerge“ betreiben eine eigene Bücherei. „Das läuft wie in einer großen Bücherei mit Karteikarten und Ausleihmodus.“ Für die Eltern bietet die Erzieherin Fachliteratur an.

Das klassische Buch-Vorlesen werde ergänzt mit eigenem Geschichten-Erzählen beim Wandern durch den Wald. Reindl bezeichnet diese uralte Erzählform von Mund zu Mund als sehr nachhaltig. „Die Kinder vergessen die Geschichten nie mehr.“ Auffällige Veränderungen im Leseverhalten hat Reindl nicht festgestellt. Bei den „Wurzelzwergen“ hat das Buch einen hohen Stellenwert.

Leseangebote für Kinder und Eltern

Auch im Kinderhaus Friedenfels ist Lesen eines der wichtigsten Themen. „Ich schlafe immer ein, wenn mir die Mama was vorliest am Bett“, ruft die fünfjährige Hannah nach vorne. Nicole Lippert betreut 32 Kinder, seit vier Jahren als Leiterin. Sie liest gerade das Bilderbuch „Siebenschläfer kann nicht einschlafen“ vor. Die Kinder sind eifrig bei der Sache und wollen sofort dem kleinen Siebenschläfer beim Einschlafen helfen. Der Schein trügt ein wenig. Die Begeisterung bei Kindern für Bücher hat nach Meinung von Nicole Lippert abgenommen. Sie bemerkt das unter anderem in der hauseigenen Kinderbücherei, wo Ausleihen nicht bei allen Buben und Mädchen selbstverständlich seien.

„Wir müssen immer wieder daran erinnern“, sagt die Kindergarten-Leiterin dazu. Neue Medien werden im Kinderhaus Friedenfels sparsam eingesetzt. „Kürzlich habe ich ihnen am Tablet gezeigt, wie eine Weltraumrakete startet, weil wir das Thema Weltraum besprochen haben“, nennt Lippert ein Beispiel. Um den Eltern Hilfestellung bei der Auswahl der Kinderlektüre zu geben, legt das Kinderhaus eine Auswahl an Neuerscheinungen auf.

Soziale Themen ansprechen

Im Regenbogen-Kindergarten Beidl werden die Kinder sanft über Kinderbücher an soziale Gesellschaftsthemen herangeführt. Kindererzieherin Theresa Hofmann sieht darin einen deutlichen Unterschied zum Lesen vor zehn Jahren, wo reine Bildergeschichtsbücher in den Kitas lagen. Mit diesen Bilderbüchern, die unter anderem von Fachfrauen aus den Buchhandlungen speziell für Erzieherinnen angeboten werden, könnte man Themen wie Migration, Umwelt oder Hygiene kindgerecht vermitteln. Dass weniger zum Buch gegriffen werde, kann Hofmann nicht feststellen. "Die Kinder sind gern in der Bücherecke."

Was ihr gefällt: Sie beobachte, wie Kinder den der deutschen Sprache noch nicht mächtigen Migrantenkindern anhand der Bilderbücher Wörter erklärten. "Oder die Vorschulkinder lesen den Kleinen die Bücher vor." Natürlich sei das kein richtiges Vorlesen. "Aber die Fantasie der Kinder kennt keine Grenzen und es entstehen sogar ganz neue Geschichten." Sehr beliebt sei bei den Kindern das Kamishibai, was ausbaufähig sei. Als den Buch-Klassiker, den alle Kinder lieben, nennt Hofmann "Die Raupe Nimmersatt".

Vorlesen: Kinder- und Jugendbuchtipps

Amberg
Hintergrund:

Bundesweiter Vorlesetag

  • Der Bundesweite Vorlesetag ist seit 2004 Deutschlands größtes Vorlesefest. Er ist eine gemeinsame Initiative von "Die Zeit", Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung.
  • Jedes Jahr am dritten Freitag im November setzt der Aktionstag ein öffentliches Zeichen für die Bedeutung des Vorlesens. Der Tag soll Kinder und Erwachsene für Geschichten begeistern.
  • Das diesjährige Motto lautet "Freundschaft und Zusammenhalt".
  • Jedes Jahr beteiligen sich rund 700.000 Personen, die in ganz Deutschland vorlesen und zuhören. Im Landkreis Tirschenreuth nehmen unter anderem Kindergärten und Büchereien teil.

 

 

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