25.08.2020 - 11:31 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Ein wahrer Riese in der Wiese

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Wenn die Heupferde im Hochsommer ihr abendliches Konzert geben, hört der Tirschenreuther Erwin Möhrlein ganz genau hin. Er gehört zu den wenigen, die auch das Zwitscherheupferd am Gesang erkennen können.

Das Heupferd trägt diesen Namen, weil sein Kopf - von der Seite betrachtet - an ein Pferd erinnert.
von Christa VoglProfil

Sie leben auf Wiesen, in Sümpfen, in Büschen, auf Verkehrsinseln, in Mooren, auf Kiesbänken, in Gärten. Aus dem Stand können sie das 30-fache ihrer Körperlänge überspringen. Ihre Farbskala reicht von Grün und Gelb über Braun zu einem leichten Rot oder einem zarten Lila: die Heuschrecken. Die kleinste, die in Deutschland vorkommt, ist die Ameisengrille mit einer Größe von nur zwei bis drei Millimetern. Die größte ist das Heupferd, ein wahrer Riese mit einer Länge von vier Zentimetern, seinen Namen hat es daher, weil sein Kopf - von der Seite betrachtet - an ein Pferd erinnert.

Drei Arten Heupferde

Erwin Möhrlein, Beauftragter für verschiedene Artenhilfsprogramme im Landschaftspflegeverband und aktives Mitglied beim LBV, ist in seiner Freizeit viel mit dem Rad unterwegs und nimmt dabei auch immer wieder Kartierungen von Vögeln und Insekten vor. In Bezug auf Insekten gilt er als Spezialist für Libellen und Heuschrecken. Auch das Heupferd ist ihm bestens vertraut. Insgesamt gibt es drei Heupferd-Arten, erklärt er: das Östliche Heupferd, das Grüne Heupferd und das Zwitscherheupferd.

Ein Heupferd, das zwitschert? Möhrlein lacht und schiebt gleich eine Erklärung nach: "Die verschiedenen Arten geben ganz unterschiedliche Laute von sich, man spricht vom Heuschreckengesang." Doch natürlich können Heuschrecken nicht im menschlichen Sinn singen. Wenn sie im Hochsommer ihr abendliches Konzert geben und es aus Wiese und Büschen schallt, so hört der Laie nur ein Zirpen - mal ratternd, mal sägend, mal schwirrend, mal durchaus melodiös. Er kann aber aus dem bunten Chor keine einzelne Stimme herausfiltern oder diese bestimmten Sängern zuordnen. Ganz im Gegensatz zu Erwin Möhrlein, der sich schon sehr lange mit dem Gesang der Heuschrecken, Grillen und auch Zikaden beschäftigt und das Zirpen zuverlässig unterscheiden kann. Daher birgt auch der unterschiedlich Gesang des Grünen Heupferds und des Zwitscherheupferds kein Geheimnis für ihn.

Mehr Aktivität bei Wärme

"In höheren bewaldeten Lagen, zum Beispiel im Steinwald, also dort, wo es klimatisch rauer ist, trifft man überwiegend auf das Zwitscherheupferd. Das Grüne Heupferd dagegen kommt größtenteils in wärmeren, tiefer liegenden Gebieten vor, wie der Waldnaab-Wondreb-Senke", sagt der 57-jährige Naturschutzwächter aus Tirschenreuth. Am meisten höre man sie abends oder nachts an warmen Sommertagen singen. Denn: Insekten sind wechselwarme Tiere und können daher ihre Körpertemperatur nicht selbst regeln. Wenn es draußen warm ist, nimmt ihre Aktivität zu. Doch nur die Männchen stimmen den Gesang an und versuchen damit, einen möglichen Paarungspartner anzulocken oder Konkurrenten fernzuhalten.

Legeschwert für Eiablage

Mit seinen vier Zentimetern Länge gehört das Heupferd in Mitteleuropa zu den größten Heuschreckenarten. Die Weibchen der Heupferde sind sogar noch länger, da sie zusätzlich mit einem Legestachel oder einem Legeschwert ausgerüstet sind. Dieser "Stachel", ein Legebohrer, der für die Eiablage benötigt wird, führt bei Menschen allerdings zu einer gewissen Verunsicherung, was oftmals dazu führt, dass diese grünen Heuschrecken aus Unkenntnis getötet werden.

Dabei ist das Heupferd ein ausgesprochen nützlicher Gartenbewohner. Denn anders als zum Beispiel die afrikanische Wanderheuschrecke, die sich von Pflanzen ernährt und dort in der Landwirtschaft immer wieder große Schäden anrichtet, ist das Heupferd ein Insektenfresser, der vorwiegend räuberisch lebt. Es ergreift seine Beute mit den Vorderbeinen und zerbeißt sie mit seinen kräftigen Kiefern. Dabei stehen Blattläuse, Käferlarven, Raupen und auch andere kleine Heuschrecken auf seinem Speiseplan. Das Heupferd, das zur Familie der Laubheuschrecken gehört, ist zwar ein Jäger, wird aber oft auch selbst gejagt. Gerade wegen seiner Größe hat es zahlreiche Widersacher, die ihm auf der Suche nach eiweißreicher Nahrung gerne auflauern.

Doch die Natur hat das Heupferd mit ganz besonderen Talenten ausgestattet, um es vor seinen Fressfeinden zu schützen: Es kann hüpfen und fliegen - und so mit einer Art Sprungflug gefährlichen Situationen entkommen. Aber auch ohne den Gegner zu sehen, spürt es näherkommende Gefahren: Heuschrecken verfügen über ein Erschütterungsorgan, mit dem sie zum Beispiel Vögel, Fledermäuse oder auch Spinnen bereits aus großer Entfernung wahrnehmen.

Hörorgane am Knie

Von noch einer weiteren Besonderheit weiß Erwin Möhrlein zu berichten: Heupferde verfügen über ein Hörorgan - was an sich ja nichts Erstaunliches ist. Erstaunlich ist allerdings die Stelle, an der es sich beim Heupferd befindet: am Knie der Vorderbeine.

Zwei Dinge werden aus den Beschreibungen von Erwin Möhrlein klar: Erstens sind Heupferde Tiere, die voller Überraschungen stecken. Und zweitens: Wenn draußen in der Natur etwas zwitschert, dann muss es sich dabei nicht unbedingt um einen Vogel handeln. Es könnte durchaus auch eine Zwitscherheuschrecke sein.

Freud und Leid mit dem Maikäfer

Erbendorf
Erwin Möhrlein aus Tirschenreuth gilt als Spezialist für Libellen und für Heuschrecken. Auch das Heupferd ist ihm bestens vertraut
Hintergrund:

Heuschrecken

Der Gesang

Den typischen Heupferdgesang macht nur das Männchen mit den sogenannten Stridulationsorganen. Sie liegen an der Basis der Vorderflügel. Beim Aneinanderreiben der Vorderflügel entsteht ein leicht zerhackt klingender Dauerton, der bis zu 150 Meter weit zu hören ist. Sinkt die Umgebungstemperatur, wird die Stridulation langsamer und die Pausen zwischen den „Versen“ werden länger.

Die Arten

Die Grobeinteilung der Heuschrecken unterscheidet Langfühlerschrecken und Kurzfühlerschrecken. Die Fühler der Langfühlerschrecken – dazu gehören die Grillen und die Laubheuschrecken wie etwa das Heupferd – sind enorm lang, oft länger als der ganze restliche Körper. Bei den Kurzfühlerschrecken dagegen – darunter die zahlreichen Grashüpfer – sind die Fühler höchstens halb so lang wie der Heuschreckenkörper, oft sogar noch kürzer.

Der Name

Der Name „Heuschrecke“ hat nichts damit zu tun, dass Heuschrecken sehr schreckhaft und menschenscheu sind. Der Begriff geht zurück auf das althochdeutsche Wort „scricken“ und bedeutet „springen“.

Die Fortpflanzung

Im Sommer paaren sich die Heupferde. Anschließend legen die Weibchen ihre Eier ins Erdreich ab. Aus ihnen schlüpfen im nächsten Frühjahr die Jungen. Nach fünf Häutungen im Laufe des Sommers sind sie ihrerseits erwachsen und pflanzen sich fort. Mit dem ersten Frost sterben alle Alttiere ab. (cvl)

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