02.11.2021 - 17:31 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Waldnaabaue soll "Wilde Weide" werden

Viele seltene Pflanzen und Tiere bereichern die Waldnaabaue. Nun kommt vielleicht eine bekannte Art dazu: Zwischen Tirschenreuth und Falkenberg ist eine extensive Rinderweide geplant. Das Projekt hat landesweite Bedeutung.

Rotes Höhenvieh ist schon seit Jahren im Steinwald etabliert und sorgt dort für eine extensive Beweidung.
von Michaela Kraus Kontakt Profil

Robuste Rinderrassen könnten die Tier- und Pflanzenwelt in der Waldnaabaue schon bald bereichern. Auf einem Gebiet von rund 200 Hektar entlang des mäandernden Flusses westlich der Kreisstadt soll ein Leuchtturmprojekt entstehen. Eine einmütige Vorentscheidung dazu traf jetzt der Kreisausschuss.

Vor der Herbst-Sitzung des Bayerischen Naturschutzfonds Mitte November war ein Beschluss nötig. Deshalb kam der Punkt kurzfristig auf die Tagesordnung im Kreisausschuss. Bei einem positiven Bescheid auf Landesebene wäre der Weg frei für das Projekt "Wilde Weiden Waldnaabaue" mit einer Laufzeit von fünf Jahren. Bei rund 447.000 Euro Gesamtkosten hätte der Landkreis nur ein Viertel zu stemmen, umgerechnet pro Jahr etwa 22.350 Euro.

Ziele sind der Erhalt und die Entwicklung von Auenstandorten durch die Landwirtschaft. Realisiert werden soll eine zusammenhängende Weidelandschaft in der weitgehend naturnahen Flussaue zwischen Tirschenreuth und Gumpen. Das 200 Hektar umfassende FFH-Gebiet liegt vollständig innerhalb des Bundesnaturschutz-Großprojektes Waldnaabaue. Für die rasche Umsetzbarkeit spricht, dass die Flächen fast ausschließlich im Eigentum der öffentlichen Hand sind – Wasserwirtschaftsamt Weiden und Landkreis Tirschenreuth.

Aus den Erläuterungen zum Förderantrag geht auch hervor, dass die extensive Ganzjahresweide mit 200 Hektar gegenüber bisherigen Projekten in eine neue Größendimension vorstößt. Eine Machbarkeitsstudie im Auftrag der Unteren Naturschutzbehörde hatte aus sechs Flächen eine herausgefiltert, die für die Beweidung mit Rindern am besten geeignet ist. Mehrere Ziele sollen damit erreicht werden: Auf landwirtschaftlich gesehen wenig produktiven Standorten wird eine naturverträgliche Tierhaltung möglich, die "qualitativ hochwertiges Fleisch und Biodiversität produziert". Unter dem Stichwort Landschaftsästhetik soll das Gebiet auch für Naherholung und Tourismus aufgewertet werden. Die Gesamtzahl der Rinder bleibt überschaubar. Bei einem Besatz von 0,3 bis 0,4 Großvieheinheiten pro Hektar ergäbe sich eine Gesamtherde von unter 100 Tieren.

Entscheidend für den Erfolg des Projekts sei die Auswahl der Bewirtschafter, hieß es in der Beschlussvorlage des Kreisausschusses. Fünf Landwirte kämen dafür bereits in Frage. Für die ersten Jahre sei auch die Investition in einen "Kümmerer" sinnvoll, der zwischen Behörden, Bewirtschaftern und Bevölkerung als Scharnier dient, bei der Direktvermarktung unterstützt und allgemein Konfliktpotenzial entschärft.

Es gab nur positive Stimmen im Kreisausschuss. "Eine runde Sache", urteilte Landrat Roland Grillmeier. "Spannendes Projekt", äußerte sich Bernd Sommer (CSU). Hans Klupp (Freie Wähler) nannte es eine herausfordernde Aufgabe: "Der Erhalt der Kulturlandschaft geht nur mit einer Fortführung der Bewirtschaftung." Das Vorhaben für Mensch und Natur stehe dem Landkreis gut zu Gesicht, fand Matthias Grundler (Zukunftsliste). Für die Grünen bedankte sich Josef Schmidt, der im Steinwald bereits Erfahrungen mit der Beweidung durch die Rasse Rotes Höhenvieh hat, für die Vorarbeit durch die Machbarkeitsstudie: "Es ist gelungen, in der kurzen Zeit alle Beteiligten ins Boot zu holen." Die Betonung bei diesem Pilotprojekt liege schließlich auf bäuerlicher Landwirtschaft.

Dem Weideprojekt ging eine Machbarkeitsstudie voraus

Tirschenreuth
Hintergrund:

Konzept der "Wilden Weiden"

Das Bundesamt für Naturschutz hat die Strategien für "Wilde Weiden" bei einer Tagung 2003 in Lüneburg formuliert. Ziel ist der Erhalt von Offenland-Ökosystemen in der landwirtschaftlich genutzten Kulturlandschaft.

  • Große Weidetiere anstelle von Maschinen gestalten primär die Landschaft
  • Beweidung ganzjährig in möglichst konstanter Herdenstruktur
  • Geringe Besatzdichte (0,3 bis 0,6 Großvieheinheiten pro Hektar)
  • Keine vorbeugende Behandlung gegen Parasiten
  • Maschinelle Mahd und Weidepflege nur bei naturschutzfachlicher Notwendigkeit
  • Auszäunung der Weidetiere nur bei Bedenken wegen bestimmter Pflanzenarten
  • Zusammenhängende Weidefläche von mindestens 30, besser 50 Hektar
  • Einbeziehung möglichst vieler Landschaftsteile wie Felsen, Hänge, Wald und Gewässer

"Der Erhalt der Kulturlandschaft geht nur mit einer Fortführung der Bewirtschaftung."

FW-Kreisrat Hans Klupp

 

 

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