29.12.2020 - 14:47 Uhr
Trefnitz bei GuteneckOberpfalz

Der Jahrhundertpolitiker Alois Seegerer

Alois Seegerer ist den Menschen zugetan, aber keiner der sich lieb Kind machen will. Das honorierten die Wähler dem CSU-Mann aus Trefnitz (Gemeinde Guteneck). Heuer hat er 100 Amtsjahre voll gemacht und coronabedingt leise Servus gesagt.

Luise und Alois Seegerer sind seit 53 Jahren verheiratet. Luise Seegerer hat ihrem Mann schon immer den Rücken frei gehalten und kümmert sich seit seiner Erkrankung rührend um ihren Alois.
von Irma Held Kontakt Profil

Alois Seegerer mag Menschen. Er freut sich über jede Form der Unterhaltung. Vor dem Gespräch mit Oberpfalz-Medien haben er und seine Frau Luise bereits mit den beiden Enkeln, dem fünfjährigen Vitus und dem dreijährigen Klaus Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt. Früher war der 77-Jährige ein leidenschaftlicher Schafkopfer, Jetzt spielt er nur noch im Familienkreis. Eine Hirnblutung hat ihn vor fünf Jahren gezeichnet, doch der Seegerer Alis, wie er allseits genannt und geschätzt wird, wäre nicht der Alis, wenn er sich davon hätte unterkriegen lassen. "Wahrscheinlich war im Himmel noch kein Jagdrevier für mich frei", sagt er und lacht. Die Jagd war eines seiner Hobbys, das er pflegte. Dem Tod hat er schon öfters ein Schnippchen geschlagen. Das erste Mal als Zweijähriger 1945. An Lungenentzündung erkrankt, retteten ihn die Medikamente der amerikanischen Besatzer.

Seit 1972 im Kreistag

"Fehlen tut mir schon etwas", sinniert er aus dem Fenster seines Esszimmers blickend und lässt Raum zur Interpretation, ob es das politische Amt ist, die durch die Krankheit eingeschränkte Mobilität, die Beschränkung durch Corona oder alles miteinander. Heuer hätte er Grund zum Feiern gehabt, denn der Kommunalpolitiker hat die 100 voll gemacht. Das macht ihm so schnell keiner nach: Gemeinderat in der aufgelösten Gemeinde Hohentreswitz, Bürgermeister in Guteneck und Jahre Kreisrat - von der Gründung des Landkreises Schwandorf 1972 bis zum 30. April 2020. 1972 war er der Jüngste im Gremium. Am 1. März 1971 trat er sein erstes Mandat im Gemeinderat Hohentreswitz an. Also gäbe es im März 2021 schon wieder einen Anlass zum Feiern.

Wichtig, aber ersetzbar

2014 wollte er aufhören, wurde aber gebeten weiter zu machen. 2020 hat er sich nicht mehr überreden lassen. "Jeder Mensch ist wertvoll und wichtig, aber jeder Mensch ist ersetzbar," heißt seine Lebensweisheit zum Aufhören. Dabei war der Start des Landkreises und des jungen Kreisrats aus Trefnitz nicht vergnügungssteuerpflichtig. "Die Atmosphäre war vergiftet", erinnert er sich. Der CSU schmerzte die Wahlniederlage Josef Spichtingers. Im Kreistag hießen die Gegenspieler Hans Schuierer und Dionys Jobst. Darüber hinaus saßen die früheren "Landkreisfürsten" im neuen Gremium. Und der ranghöchste Beamte der Verwaltung Ludwig Detter versuchte zum Missfallen besagter "Landkreisfürsten" die "Fäden so schnell wie möglich in die Hand zu bekommen" , die Verwaltung aus den alten Landratsämtern abzuziehen und in Schwandorf zu konzentrieren. "Meine Intension war nicht hochtrabend", beschreibt Alois Seegerer sein Ziel als Jung-Kreisrat. "Ich habe viele Termine wahrgenommen." Zugleich trieb ihn die Frage um: "Was kann ich tun, dass der Landkreis in den Herzen der Menschen ankommt?" Ein Karrierist war er nicht. "Ich wollte gediegene Arbeit machen."

Arbeit als Bürgermeister gewürdigt

"Politik der zwei H"

Das Herz, das ist das eine H seines Politikverständnisses. Das andere H ist das Hirn. Beides gehört für ihn zusammen als "Politik der zwei H", die er verfolgt habe. Er nennt gleich ein paar Politiker, auch aus seiner eigenen Partei, die Hirn haben, denen es aber an Herz fehle. Dafür fällt der Name Zweier, mit denen er sich gut verstehe bzw. verstanden habe: Altlandrat Hans Schuierer und der verstorbene Fraktionschef Josef Fretschner, beide SPD. Dagegen hat er mit Dietmar Zierer, sein Jahrgang, so manchen Strauß ausgefochten.

Kommunalpolitik war für den leutseligen, geradlinigen und pflichtbewussten Alois Seegerer nicht immer ein Zuckerschlecken. Als Bürgermeister bescherte ihm der Bau der Wasser- und Abwasserinfrastruktur nicht nur viel Arbeit, sondern in einem Gemeindeteil auch viel Ärger. Beim Sitzungssaal des Landratsamtes stimmte er mit der SPD, weil dem armen Landkreis ein repräsentativer Raum nicht gut zu Gesicht gestanden hätte. Als Kreisrat gehörte er nichtöffentlichen Ausschüssen an: dem Rechnungsprüfungs- und dem Personalausschuss. "Manche Mitarbeiter, die ich mit eingestellt habe, sind in Pension gegangen und ich war immer noch im Kreistag." Seinen Humor hat er nicht verloren. Er sei gern unter Leuten. "Ich kenn a paar Leut und a paar kennen mich und das ist schon a ganze Herd'."

Rückkehr in den Kreistag

Pflichtbewusstsein zählt ebenfalls zu den Tugenden des 77-jährigen ehemaligen Versicherungsvertreters, auch nach seiner schweren Erkrankung. "Ich habe mein Mandat wahr genommen bis zum letzten Tag." Seine Frau Luise, auf die er sich hundertprozentig verlassen kann, hat ihn zu den Sitzungen nach Schwandorf chauffiert. Sie fährt ihn in den Wald oder an den Weiher, wenn er einen Tapetenwechsel braucht. Nachdenklich stimmt ihn, dass seiner Ansicht nach die Leute zu wenig miteinander reden. "Das ist eine Programmiergeneration." Dabei kämen mit dem Reden die Leute zusammen. Das ist eine alte Volksweisheit und Alois Seegerer mag alte Volksweisheiten. Bis aufs Wetter würden die alten Regeln noch heute gelten, sagt er und schaut in dichten Nebel, der sich an diesem Tag auch im 522 Meter hoch gelegenen Trefnitz nicht lichtet.

"Manche Mitarbeiter, die ich mit eingestellt habe, sind in Pension gegangen und ich war immer noch im Kreistag."

Alois Seegerer, 48 Jahre Kreisrat

Alois Seegerer nimmt als frisch gewählter Bürgermeister der Gemeinde Guteneck an seinem Schreibtisch Platz.
Alois Seegerer (Zweiter von rechts) und seine Frau Luise treffen bei einem Neujahrempfang den früheren bayerischen Ministerpräsidenten und Nabburger Stimmkreisabgeordneten Alfons Goppel und Dionys Jobst (rechts).
Hintergrund:

Alois Seegerer

  • Geboren am 3. Mai 1943 in Trefnitz (Gemeinde Guteneck), verheiratet, drei Kinder, zwölf Enkel
  • 1. März 1971 Gemeinderat in Hohentreswitz bis zur Auflösung am 1. Mai 1978
  • 1. Mai 1978 bis 30. April 2008 Bürgermeister von Guteneck
  • 1. Mai 1972 bis 30. April 2020 Kreisrat
  • Von 2003 bis 2018 Bezirksrat

 

 

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