01.10.2021 - 16:16 Uhr
Trisching bei SchmidgadenOberpfalz

Aus Trisching zum Krankenhausbau in den Südsudan: Schreiner Andreas hilft

Andreas Wienhold aus Trisching ist Schreiner - und hilft monatelang, in einem kleinen Dorf im Südsudan ein Krankenhaus aufzubauen. Es ist ein Leben, das er zwischen zwei Spannungsfeldern führt. Ein Gespräch über Demut, Natur und Einsamkeit.

Andreas Wienhold aus Trisching hilft im Südsudan beim Aufbau und der Instandhaltung eines Krankenhaus-Komplexes.
von Vanessa Lutz Kontakt Profil

Wenn Andreas Wienhold (28) für einen kurzen Zwischenstopp in seiner Heimat in Trisching weilt, dann schläft er in einer kleinen, handgezimmerten Hütte auf dem Feld seines Vaters unter dem Sternenhimmel. Nur für ein paar Wochen wird der gelernte Schreiner hier sein, bei seiner Familie auf dem Hof in der kleinen Ortschaft im Landkreis Schwandorf. Am 10. Oktober steigt er wieder ins Flugzeug, dann beginnt die beschwerliche Rückreise in Richtung Südsudan. Ein Land in Afrika, in dem nach blutigen Konflikten nun nach langem Krieg seit drei Jahren eine brüchige Waffenruhe herrscht. Denn dort, in einem kleinen Dorf inmitten von karger Landschaft, wartet Arbeit. Andreas Wienhold ist für die Organisation Cap Anamur und einem medizinischen Team unterwegs, um ein Krankenhaus aufzubauen.

Er braucht nicht viel, sagt er und lacht, angesprochen auf seine ungewöhnliche Wohnsituation. Nur die Natur, einen Schlafsack, etwas Essen und sich selbst, mehr müsse es gar nicht sein. Wienholds Lächeln ist warm, sofort ist er mit jedem per Du. Die Sicht auf die Dinge, auf die westliche Welt, habe sich für ihn fundamental geändert, seitdem er monatelang in Afrika gewesen ist. "Man lernt, die kleinen Dinge zu schätzen und genügsam zu sein. Und man merkt, wie gut es uns eigentlich geht." Er erzählt gerne davon, von seinem Leben in Afrika, das so viel anders und in vielen Punkten doch so ähnlich zu unserem in Deutschland ist.

Faszination für Afrika

Schon immer habe ihn Afrika fasziniert, gesteht er. Zum ersten Mal sei er letztes Jahr gemeinsam mit der Hilfsorganisation dort gewesen. "Die Arbeit an dem Krankenhaus hört nie auf", sagt Wienhold und lacht. Hier ein neuer Anbau, dort wieder eine Zerstörung durch Regenmassen, die behoben werden muss. Er leitet vor Ort ein kleines Team um Einheimische, zeigt Fotos, wie sie in ihren Blaumännern und gelben Helmen strahlend in die Kamera grinsen. Am Rand stehen Scharen von Kindern, "die sind immer ganz neugierig, was wir da machen." Die Organisation Cap Anamur wolle den Menschen Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Sie schulen, dass sie eines Tages die Projekte in ihre Hände übergeben können.

Mit seinem Helfern erledigt Wienhold aber nicht nur Bauarbeiten. "Jeder, ob Krankenschwester, Ärztin oder Handwerker ist ein wenig Mädchen für alles", sagt er lachend. Eine Krankenschwester wird plötzlich für die Unterstützung der Notstromgeneratoren benötigt, als Handwerker landet man mitten in einer medizinischen Behandlung. "Jeder ist ein wenig Mädchen für alles", sagt er lachend. Hier mal eine Glühbirne auswechseln, da mal ein Kabel verlegen. Im Krankenhaus herrscht Betrieb, ein Ärzteteam und Hebammen sind ebenfalls vor Ort und leisten Geburtshilfe auf der jeweiligen Station. "Manche Leute reisen teilweise tagelang an, um behandelt zu werden." Er habe eine hochschwangere Frau gesehen, die auf einem Esel anritt - links und rechts gestützt von zwei Männern.

Viele traumatisiert

Die Arbeit im Südsudan ist nicht ungefährlich, gibt Wienhold zu. Brenzlige Situationen hat auch er erlebt. "Der Frieden ist brüchig", erzählt er von der Stimmung vor Ort. "Die Atmosphäre ist angespannt und viele Menschen sind schwer traumatisiert von ihren Erlebnissen." Auch ihm fällt es schwer, über eigens erlebte Gefahrensituationen zu sprechen. Dann wird Wienhold wortkarg und wechselt das Thema. Er zeigt aber ein Foto, auf welchem er neben einer Bombe steht, die fast so groß ist wie er. 178 Zentimeter. "Sie ist nicht entschärft. Bomben, durchlöcherte Fahrzeugwracks, zerstörte Häuser, Moscheen und Kirchen säumen in gewissen Gebieten die Wege."

Trotz der Situation, dem Schmerz ob des Krieges innerhalb der Bevölkerung, erlebt Wienhold unter den Einheimischen so viel Gastfreundschaft und Herzlichkeit. "Abends, nach der Arbeit am Krankenhaus, werden wir oft eingeladen zu Dorfbewohnern." Es wird groß aufgetischt, das gemeinsame Essen zelebriert. Verständigt wird sich mit Händen und Füßen, hier ein Brocken Englisch, da ein Brocken Arabisch. "Den Leuten ist es egal, woher du kommst oder woran du glaubst", erzählt Wienhold und möchte mit dem gängigen Narrativ aufräumen, dass Religion ursächlich für die Konflikte vor Ort ist.

Kulturschock zuhause

Manchmal, wenn er unter all dem Trubel und der harten Arbeit, die ihm wenig Freizeit lässt, einen Moment für sich braucht, steigt er auf den "Hausberg", wie er es nennt, und beobachtet den Sonnenaufgang. Erlebt die Natur bewusst, mit Blick auf das Dorf und weit darüber hinaus. Ihn hat es schon immer nach draußen gezogen, den "Querkopf", wie er sich selbstironisch nennt. Braucht er in Deutschland, in seiner Heimat, Ruhe, so geht er dort auch in den Wald, um einen klaren Kopf zu bekommen, erzählt Wienhold.

Ein Kulturschock war es dann, als Wienhold wieder zurück nach Deutschland kehrte. In Amberg hatte er einen "Overload", erinnert er sich - die Menschenmenge, die Hektik rund um die Altstadt überforderte ihn. Im Supermarkt, wo die Regale randvoll gefüllt sind mit Lebensmitteln, schüttelt er regelmäßig den Kopf, wenn sich Menschen über Kleinigkeiten aufregen. "Es fehlt total das Bewusstsein dafür, wie gut es uns eigentlich geht." Mehr Zufriedenheit, Genügsamkeit und weniger Neid - das würde sich Wienhold wünschen.

Seine Familie unterstützt Wienholds Arbeit, die sich wohl noch über einen langen Zeitraum erstrecken wird. Schwierig sei es aber, zwischenmenschliche Beziehungen aufrecht zu erhalten. "Wenn man nicht darauf achtet, ist ein Abschied oft unvermeidlich." Macht das nicht einsam? Wienhold schüttelt klar den Kopf. "Nein, ich bin dort im Dorf so beschäftigt, da kann man gar nicht einsam sein." Und wer weiß, vielleicht zieht es Wienhold auch dauerhaft nach Afrika. "Ich spiele mit dem Gedanken", gibt er zu. "Aber ich lasse mich treiben, auch das habe ich gelernt. Ich plane nicht mehr weit in die Zukunft voraus - ich lebe im Hier und Jetzt."

Zwei Helfer wurden nach dem Fall Kabuls aus Afghanistan evakuiert

Sulzbach-Rosenberg
Hintergrund:

Das ist die Organisation Cap Anamur

  • Der gemeinnützige Verein Cap Anamur / Deutsche Not-Ärzte e.V. mit Sitz in Köln wurde 1979 von Christel und Rupert Neudeck sowie einigen ihrer Freunde, darunter Heinrich Böll, gegründet.
  • Im Fokus der Organisation stehen die medizinische Versorgung und der Zugang zu Bildung. "Radikal menschlich" sei das Motto, sagt Helfer Andreas Wienhold aus Trisching.
  • In Kriegs- und Krisengebieten hilft Cap Anamur bei der Instandsetzung und dem Aufbau von Krankenhäusern und Schulen, der Aus- und Weiterbildung einheimischer Mitarbeiter und der Bereitstellung von Baumaterialien, Hilfsgütern und Medikamenten.
  • Die Hilfsaktionen sind langfristig angelegt und laufen nach dem Rückzug der Freiwilligen weiter. Während der Einsätze leben die Helfer grundsätzlich vor Ort, direkt bei den notleidenden Menschen. Auch Andreas Wienhold schläft in dem Dorf unmittelbar neben dem Krankenhaus.

 

 

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