14.09.2021 - 16:41 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Evakuierung aus Afghanistan: In Sicherheit, aber auch in Sorge

Drei Monate waren Benjamin und Lisa Taubmann in Afghanistan, als die Taliban das Land überrannten. Zurück in Sulzbach-Rosenberg erzählt das Paar vom Chaos in Kabul und der dramatischen Evakuierung – und von Menschen, die zurückblieben.

Benjamin Taubmann (34) und seine Frau Lisa (30) sind zwei Tage nach der Machtübernahme durch die Taliban aus Afghanistan evakuiert worden. Eigentlich hätten sie von der Bundeswehr nach Usbekistan ausgeflogen werden sollen, landeten aber im Rettungsflieger des US-Militärs und kamen über Doha nach Deutschland.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Als Lisa und Benjamin Taubmann im späten Frühjahr nach Afghanistan reisten, hatten sie geplant, drei Jahre dort zu leben und für Shelter Now, die von Benjamin Taubmanns Vater Georg geleitete Hilfsorganisation, zu arbeiten. Sie hätten sich vorstellen können, die nächsten zehn Jahre dort zu sein, vielleicht sogar 20. Stattdessen musste das Paar überhastet ausreisen – evakuiert von der US-Armee.

Es war Mitte August, als die islamistischen Taliban das Land überrannten, erst Provinzen einnahmen und schließlich die Hauptstadt. Benjamin Taubmann (34) und seine vier Jahre jüngere Frau erinnern sich an die Tage zuvor, als sich viele Afghanen an die Hoffnung klammerten, die Armee würde das Land schon verteidigen oder die NATO würde länger als geplant bleiben. „Es gab lange Kämpfe in den Provinzen“, erzählt Lisa Taubmann. Zwei Tage vor dem Fall Kabuls saßen sie und ihr Mann mit Mitarbeitern anderer Nicht-Regierungsorganisationen zusammen. Fast alle hatten bereits Rückflüge innerhalb der nächsten 14 Tagen gebucht. So auch die Taubmanns. Sie wollten die Woche darauf ausreisen. „Die Preise für Flüge sind in diesen Tagen in die Höhe geschossen“, erinnert sich Benjamin Taubmann. Wer konnte, verließ das Land.

Läden verbarrikadiert

Dann kam der 15. August. Der Tag, an dem die Taliban die Macht an sich rissen. Für die Taubmanns kam dieser Moment genauso überraschend wie für die westliche Welt. Das Paar war gerade in der Stadt unterwegs. Die Oberpfälzer sahen afghanische Soldaten, die aus Militärfahrzeugen stiegen und zu Fuß zur Front liefen. Kaufleute, die ihre Läden verbarrikadierten. Die Straßen der Hauptstadt waren leer gefegt, niemand traute sich aus dem Haus. Daheim angekommen, packten die Taubmanns ihre Sachen.

Am nächsten Tag kamen rund 30 Taliban in ihre Straße. Von ihrem Nachbarn, einem afghanischen Politiker, nahmen sie zwei Autos mit. Dass die Taliban die Entwicklungshelfer von Shelter Now in Ruhe ließen, haben sie ihrem Wachmann zu verdanken. Der Afghane, Paschtune wie viele der Taliban-Kämpfer, sprach mit den Radikal-Islamisten, bot ihnen Tee an. Mit Erfolg: Die Bewaffneten zogen weiter. „Dafür sind wir dem Wachmann sehr dankbar“, sagt Lisa Taubmann.

Pro Person acht Kilo Gepäck

Noch am Tag der Machtübernahme durch die Taliban hatten die Taubmanns in einer E-Mail des Auswärtigen Amts erfahren, dass die Bundeswehr Evakuierungsflüge starten würde, voraussichtlich am nächsten Tag. Wartend verbrachte das Paar den Montag, reduzierte nochmals den Inhalt der Rucksäcke: Erlaubt waren pro Person acht Kilo Gepäck. Am Dienstag kurz nach 11 Uhr dann die Aufforderung, bis 12 Uhr zum Nord-Tor des Flughafens zu kommen. Jeder, der einen ausländischen Pass habe und es bis zum Gate schaffe, würde reingelassen.

Mit weiteren Mitarbeitern von Shelter Now – zwei Frauen aus Uruguay und einer amerikanischen Familie mit zwei Kindern (9 und 6) – machten sich die Taubmanns umgehend auf den Weg. Ihre Fahrer bahnten sich einen Weg durch den kollabierten Verkehr, passierten Check-Points. „Es ist wie ein Wunder, dass uns die Taliban nicht kontrolliert haben“, sagt Lisa Taubmann. Überall sahen sie und ihr Mann Taliban-Kämpfer, ausgebrannte Militär- und Polizeifahrzeuge säumten die Straßen.

Kurz vor dem Airport ein Mega-Stau. „Irgendwie schafften es unsere Fahrer, sich da durchzuschlängeln“, so der 34-Jährige. In Gate-Nähe stiegen er und seine Frau aus, liefen die restliche Strecke zu Fuß, direkt auf türkische, deutsche und amerikanische Soldaten zu. Um die schier unüberschaubare Menschenmenge am Tor zurückzuhalten, schossen die Soldaten in die Luft, erinnern sich die Oberpfälzer. Sie selbst zeigen ihre deutschen Pässe – „dann haben uns Soldaten durch das Tor gezerrt“.

Endlich in Sicherheit

Für die beiden war es ein Moment der Erleichterung: endlich in Sicherheit. Lisa Taubmann schildert ihre Gefühlswelt: Einerseits sei sie froh gewesen, es geschafft zu haben. Doch sie sieht verzweifelte Afghanen, Frauen, Familien mit kleinen Kindern, ohne Pässe, ohne Bestätigung, dass sie ausgeflogen werden können. „Das war herzzerreißend“, gesteht sie. Eigentlich sollten sie und ihr Mann mit der Bundeswehr ausgeflogen werden, nach Usbekistan, dem Drehkreuz der deutschen Rettungsmission. Nach Gepäck-Check und mit Armbändern mit Barcode-Tickets standen sie urplötzlich vor einem Schild, das nur noch zwei Richtungen anzeigt: nach links zu den Briten, nach rechts zu den Amerikanern. Und so landeten sie in einem Evakuierungsflug des US-Militärs nach Doha (Katar). „Wir waren trotzdem total erleichtert“, sagt der 34-Jährige.

Zwei Stunden lang warteten er und seine Frau auf dem Boden sitzend im Bauch der riesigen Militärmaschine, immer wieder kamen Menschen an Bord. Die Taubmanns schätzen, dass es gut 400 Passagiere waren, als die Maschine abhob. Dreieinhalb Stunden später landete der Evakuierungsflieger auf dem US-Stützpunkt in Katar, nach weiteren eineinhalb Stunden durften die Menschen von Bord gehen. Benjamin und Lisa Taubmann erzählen von einem riesigen Flugzeug-Hangar, umfunktioniert zu einem Feldbetten-Lager für tausende Geflüchtete. Auf der Air Base wurden die Menschen am nächsten Tag aufgeteilt: Afghanen und andere Nationen. Die Taubmanns kamen in einen anderen Lagerkomplex, zusammen mit Indern, Nepalesen, Afrikanern, Europäern.

Per Linienflug nach Deutschland

Drei Tage blieben sie dort. Irgendwann hieß es, sie würden nach Ramstein, den US-Luftwaffenstützpunkt bei Kaiserslautern, ausgeflogen. „Ein Traum“, dachte sich Benjamin Taubmann. Doch daraus wurde nichts, stattdessen buchten er und seine Frau Linienflüge von Qatar Airways. Wobei es gar nicht so einfach gewesen sei, von der Air Base in Doha – und damit von amerikanischem Hoheitsgebiet – in das Emirat einzureisen. „Wegen Covid-19 hat Katar sehr strenge Einreisebedingungen“, erzählt die 30-Jährige. Erforderlich waren ein Einreisestempel für Katar, gültige Flugtickets und negative PCR-Tests. Vor allem letzteres war gar nicht so leicht zu bekommen, da sie die Air Base nicht verlassen durften. Dank Vermittlung eines Bundeswehrsoldaten vor Ort konnten sie Corona-Tests machen und nach Katar einreisen. Am 22. August, eine Woche nach dem Umsturz, landete das Paar in München.

In den nächsten Tagen erholten sich die beiden von den Strapazen, holten versäumten Schlaf nach. Heute sind ihre Gefühle zwiespältig. Einerseits froh, rausgekommen zu sein, andererseits in großer Sorge um lokale Mitarbeiter ihrer Hilfsorganisation und afghanische Freunde. Shelter Now habe seinen Mitarbeitern Gehalt für drei Monate ausbezahlt, damit sie untertauchen konnten.

Angst vor Zwangsverheiratung

Die jungen Entwicklungshelfer wissen um die große Not im Land. So sind die Lebenshaltungskosten seit dem Umsturz explodiert, viele hätten kein Einkommen mehr. Die beiden kennen viele Schicksale aus Afghanistan. Eine Ortskraft, die 20 Jahre für die Amerikaner gearbeitet hat, zieht von Hotel zu Hotel, um den Taliban nicht in die Hände zu fallen. Piloten der afghanischen Armee, die ohne ihre Familien flüchten mussten, „weil die Taliban sie sonst umgebracht hätten“. Ihre Lehrerin, die ihnen die Amtssprache Dari beibrachte, verlässt ihr Haus nicht mehr, weil sie Angst hat, zwangsverheiratet zu werden.

Das Paar befürchtet einen massiven Rückschritt in Afghanistan: vor allem bei den Frauenrechten und im Bildungsbereich. „Das zu sehen, ist sehr schmerzhaft“, sagt Lisa Taubmann. Erschütternd, was sie aus den Provinzen hörten: Taliban hätten Verwundete der regulären afghanischen Armee aus Krankenhäusern gezerrt und erschossen. „An den Händen der Taliban klebt viel Blut“, sagt der 34-Jährige und erinnert sich schaudernd an deren Mienen: hasserfüllt und aggressiv.

Für Bundeswehr gearbeitet: Ortskraft gelingt die Flucht aus Afghanistan

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Evakuierung aus Afghanistan im Zeitraffer

  • Freitag, 13. August: Lisa und Benjamin Taubmann, die drei Monate zuvor nach Afghanistan gekommen waren, um drei Jahre als Entwicklungshelfer für Shelter Now zu arbeiten, treffen sich mit Mitarbeitern anderer Hilfsorganisationen: Fast alle wollen angesichts des Taliban-Vormarsches innerhalb der nächsten 14 Tage ausreisen. Auch die Taubmanns haben bereits Tickets für Flüge in die Türkei in der darauffolgenden Woche.
  • Sonntag, 15. August: Die radikal-islamischen Taliban nehmen Kabul ein, die Taubmanns packen. Per E-Mail kündigt das Auswärtige Amt Evakuierungsflüge der Bundeswehr an.
  • Montag, 16. August: Lisa und Benjamin Taubmann harren in ihrer Wohnung in Kabul aus, reduzieren ihr Gepäck auf die erlaubten acht Kilo.
  • Dienstag, 17. August: Um 11 Uhr bekommen die Taubmanns einen Anruf, sie sollen um 12 Uhr am Nord-Tor des Flughafens sein, um evakuiert zu werden. Das Paar macht sich auf den Weg, schafft es zum Airport und in eine US-Militärmaschine nach Doha.
  • Sonntag, 22. August: Das Paar fliegt mit Qatar Airways nach Deutschland. Shelter-Now-Gründer Georg Taubmann und seine Frau Marianne holen Sohn und Schwiegertochter in München ab.

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.