19.08.2021 - 17:13 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Rettung aus Afghanistan: Eine Ortskraft fühlt sich in Weiden sicher

Dramatische Szenen am Flughafen in Kabul. Nachdem die Taliban ihren Sieg verkündet haben, wollen die Menschen aus Afghanistan fliehen. Ali hat das schon geschafft. Die Ortskraft lebt heute in Weiden und blickt geschockt in die alte Heimat.

Ali (links) neben General Jörg Vollmer (rechts) in Afghanistan.
von Wiebke Elges Kontakt Profil

Als Ali vor wenigen Tagen die chaotischen Szenen vom Flughafen in Kabul sieht, zerreißt es ihm das Herz. Auch er saß vor vier Monaten an diesem Flughafen, um aus Afghanistan zu entkommen. Heute lebt er mit seiner Familie in Weiden. Als seine Heimatstadt Masar-i-Sharif und kurze Zeit später auch Kabul gefallen waren, konnte er es kaum glauben. „Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen und habe nur die Nachrichten verfolgt.“

Heute sitze auch einer seiner Freunde am Flughafen in Kabul und warte auf seine Ausreise. Er habe für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) gearbeitet. Aufgrund seiner Tätigkeit für die Deutschen sei sein Freund durch die Taliban gefährdet. „Gestern hat mein Freund mich angerufen und mich gefragt, ob ich jemanden in Deutschland kenne, damit die Ausreise schneller geht“, sagt Ali. Das Ausfliegen der Ortskräfte gehe zu langsam voran. Manche hätten noch nicht mal ihr Visum. Ali hat Angst, dass vielleicht nicht alle Menschen schnell genug oder vielleicht auch gar nicht mehr ausgeflogen werden können. „Vielleicht sollten die Menschen erst einmal nach Usbekistan oder in die Türkei gebracht werden und dann erst weiter nach Deutschland.“ Fest steht für ihn: Die Menschen müssen so schnell wie möglich aus der Gefahrenzone .

Flucht nach Deutschland

Auch Ali musste damals so schnell wie möglich fliehen, da er für die Bundeswehr in Kundus als Dolmetscher gearbeitet hatte. Vor rund zehn Monaten bekam Ali erste Drohanrufe von den Taliban. „Sie riefen mich an, sagten, sie würden mein Haus finden und mich und meine Familie dann töten.“ Danach habe er mit seinem Chef von der Bundeswehr gesprochen. Die Entscheidung sei daraufhin schnell gefallen: Ali müsse raus aus Afghanistan. Da es in Kundus zu dem Zeitpunkt keine deutsche Botschaft mehr gab, musste er nach Pakistan zur Botschaft fahren. Hier bekam er für sich und seine Familie ein Visum. Die Fahrt ins Nachbarland sei beschwerlich gewesen, berichtet Ali. „Um drei Uhr morgens fuhren wir mit dem Auto los, um zehn Uhr nachts waren wir dann in Pakistan.“ Hier musste Ali zunächst in Quarantäne, danach bekam er die Visa. Plötzlich ging dann alles schnell: Ein paar Tage später ging es zum Flughafen nach Kabul und mit dem Flugzeug weiter nach Deutschland. Zwei seiner Brüder konnten ebenfalls nach Deutschland fliehen. Auch sie haben als Dolmetscher für die Bundeswehr gearbeitet.

Gefährdete Ortskräfte

In einem Gespräch mit Oberpfalz-Medien berichtete Reinhard Erös, Gründer der Kinderhilfe Afghanistan, ihm sei kein Fall bekannt, bei dem ein Dolmetscher ums Leben gekommen sei. Er gehe davon aus, dass auch neidische Nachbarn Drohbriefe geschrieben haben könnten. "Afghanen, die für die Bundeswehr gearbeitet haben, verdienten etwa das Zehnfache eines normalen Dorfbewohners, bekamen dazu noch eine gute medizinische Versorgung und jetzt zum Teil Visa für Deutschland - das verursacht Neid." Ali muss dieser Aussage widersprechen. Er berichtet von drei Freunden, die als Dolmetscher für das amerikanische Militär gearbeitete hätten. Die Islamisten erfuhren von ihrer Tätigkeit und schnitten den dreien die Kehle durch. Als weiteres Beispiel nennt er einen Mann, der vor 2010 für die Deutschen und die Amerikaner geputzt habe. Ihn hätten die Taliban auch Jahre später noch getötet.

Drohbriefe seien keine Seltenheit, erklärt Ali. So fand beispielsweise im Jahr 2019 ein Afghane einen Brief von einem der Anführer der Taliban. Er brachte den Brief ins deutsche Camp der Bundeswehr in Kundus, erzählt Ali. Darin schrieb einer der Anführer, dass seine Talibankämpfer alle Dolmetscher lebendig zu ihm bringen sollten, damit er sie dann ermorden könne. Aus diesem Grund habe Ali immer versucht, während der Missionen sein Gesicht zu verdecken. Niemand seiner Bekannten und Nachbarn hätte gewusst, dass er für die Deutschen arbeite. Es sei zu gefährlich, wenn er von den Islamisten erkannt worden wäre. Auch heute in Deutschland, möchte Ali nicht erkannt werden, da ein Teil seiner Familie immer noch in Afghanistan lebt.

Vater, Bruder und Schwestern zurückgelassen

In Deutschland ist Ali zwar in Sicherheit, aber seine Familie sei trotzdem in Gefahr, berichtet der Familienvater. Denn der 33-Jährige konnte nicht alle seine Familienmitglieder mit nach Deutschland nehmen. Alis Vater und Bruder wie auch seine vier Schwestern sind immer noch in Afghanistan. Auch sie erhalten wegen seiner Tätigkeit bei der Bundeswehr Drohanrufe. Gerne würde er den Rest seiner Familie auch nach Deutschland holen, darf das aber nicht. Vor allem seine vier Schwestern verstecken sich in ihren Häusern, da Frauen in den Augen der Extremisten nichts wert seien, erzählt Ali. Momentan sei es in Masar-i- Sharif ruhig. Auf den Straßen gehe es nahezu alltäglich zu, berichten Alis Schwestern. Die Versprechen der Taliban können sie jedoch nicht glauben. „Wir haben bereits vor 2001 unter den Taliban gelebt, es war schrecklich.“ Zu häufig hätten die Islamisten gezeigt, dass sie keine Versprechen halten können. „Die Taliban haben unschuldige Menschen umgebracht.“ Darunter auch: Schwangere Frauen und Kinder, erzählt Ali. Sobald Ali an Bilder der Taliban, an die langen Bärte und die Waffen denkt, schüttelt es ihn. „Die Taliban sind die gleichen wie damals. Sie haben sich nicht geändert.“ Deshalb habe auch die afghanische Armee nicht gekämpft. Sie wussten, dass sie aufgrund der korrupten Regierung keine Unterstützung erhalten würden. Afghanen, die sich ergeben hätten, seien trotzdem von den Taliban getötet worden.

Die Menschen in Afghanistan seien zwar froh, dass der Krieg vorbei sei, aber vor den Taliban hätten sie trotzdem Angst. „Momentan ist es schwer abzuschätzen, was die Zukunft für Afghanistan bringt“, meint Ali. Für eine genaue Voraussage sei es jetzt noch zu früh. Die Situation in dem Land sei kompliziert, erklärt er und hofft, dass die Islamisten ihre Versprechen vielleicht doch noch halten.

Ali versteckt sein Gesicht für eine Mission in Afghanistan. Obwohl er bereits in Deutschland lebt, möchte er aus Sicherheitsgründen auch hier nicht erkannt werden.

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