Franz Müntefering hat den SPD-Parteivorsitz dereinst als das schönste Amt neben Papst bezeichnet - bis ihm eine junge, aufstrebende Genossin in die Parade fuhr und er entnervt hinwarf. Mag sein, dass sich Andrea Nahles in einem stillen Moment daran erinnert, wie häufig sie zum Sturz derjenigen beigetragen hat, die in der Partei vor ihr standen. Der heute 79 Jahre alte Müntefering gilt noch immer als der Architekt des Wahlerfolges von 1998, als Rot-Grün unter Gerhard Schröder Schwarz-Gelb unter Helmut Kohl ablöste. Die 48 Jahre alte Nahles dürfte als diejenige in die Geschichte eingehen, die die Sozialdemokraten geschrumpft hat, obwohl sie es beileibe nicht alleine war.
Im Jahr 2005, als Nahles den Rücktritt Münteferings provoziert hatte, ging die SPD zum zweiten Mal nach 1966 in eine Große Koalition. Damals schien die Welt noch in Ordnung. Es bestand bei den Genossen die berechtigte Hoffnung, auch dieses Mal gestärkt daraus hervorzugehen, so wie 1969. Es kam anders. Weshalb in der SPD seither die Stimmen derer lauter geworden sind, die nicht nur die Hartz-Reformen unter Schröder, sondern auch das Regieren mit der Union für die Misere verantwortlich machen.
Sie übersehen den gesellschaftlichen Wandel. Die sozialdemokratischen Milieus, aus denen die SPD über Jahrzehnte ihre Kraft zog, sind verschwunden. Früher sei klar gewesen, "die SPD steht für den kleinen Mann", sagte SPD-Bezirkschef Franz Schindler vor einem Jahr unserer Zeitung. Das hätten die Menschen damals auch noch geantwortet, wenn man sie aus dem Tiefschlaf geholt hätte. Heute würde diese Antwort selbst nach zehn Stunden keinem mehr einfallen.
Der SPD fehlt die Kraft zur Erneuerung. Sie hat keine Antworten auf die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen durch die Digitalisierung. Obwohl Übervater Willy Brandt einst erfolgreich mit dem Versprechen des "Blauen Himmels" über dem Ruhrgebiet warb, kann die Partei nicht einmal im Umweltschutz punkten.
Die SPD ist überaltert. Das Durchschnittsalter beträgt 60 Jahre. Die Partei kann nicht begeistern, weil ihr die Begeisterung fehlt. Dazu kommen die handwerklichen Fehler in Wahlkämpfen. Ausgerechnet die bayerische SPD-Chefin will wissen, was die Genossen im Bund tun sollten. Dabei hat Natascha Kohnen selbst im Freistaat eine krachende Niederlage eingefahren. Dreist. Längst ist der Verbleib in der Großen Koalition die Lebensversicherung der SPD. Bei Neuwahlen würde sie die Hälfte ihrer Abgeordneten einbüßen. Zumindest über einen Kanzlerkandidaten braucht sich die SPD derzeit keine Gedanken mehr zu machen.













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