28.04.2021 - 16:13 Uhr
VilseckOberpfalz

Das Schicksal der jüdischen Familie Eckstein

Diesen Artikel lesen Sie mit
Alle Informationen zu OnetzPlus

Emma und Otto Eckstein betreiben ab 1908 die Apotheke in Vilseck. Der Apotheker stirbt 1935 an einem Herzinfarkt, seine Witwe wird nach einem Selbstmordversuch in das Arbeitslager Piaski bei Lublin in Polen deportiert.

Otto Eckstein kaufte 1908 die seit 1836 bestehende Apotheke im „Weihertor“, später „Apothekertor“, dem Vorbesitzer Horstmann ab.

Offiziell gab es in der Oberpfalz und die meiste Zeit auch im Bistum Bamberg, zu dem Vilseck gehörte, bis zur Niederlassungsfreiheit 1861 keine Juden. Zwar wissen wir aus Akten des bambergischen Pflegrichters in Vilseck von Leibzoll-Zahlungen beim Durchqueren der Exklave Vilseck, es gibt jedoch keinen Nachweis zu einer Ansässigmachung. Dies sollte sich mit der Gleichstellung der Juden mit den Nichtjuden 1861 ändern.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kamen die ersten Israeliten (so wurden die europäischen Juden im 19. und 20. Jahrhundert bezeichnet) nach Vilseck. Berichtet wird von sieben ansässigen Juden 1900 und weiteren zwei 1910. Leider können wir ihnen keine Namen zuordnen. Konkretes wissen wir von den beiden Familien Eckstein und Pollack. Otto Eckstein, geboren 1880, zog mit seiner Gattin Emma, eine geborene Wolfsheimer, geboren 1886 in München, um das Jahr 1907 nach Vilseck.

Tragischer Tod der Tochter

Hier kaufte er 1908 die seit 1836 bestehende Apotheke im "Weihertor", später "Apothekertor", dem Vorbesitzer Horstmann ab. Die 1909 geborene Tochter Hilde verstarb nach einem bedauerlichen Unfall. Der Sohn von Ecksteins Köchin, ein Jäger, legte aus Übermut sein Gewehr auf Hilde an, wobei sich ein Schuss löste. Sie wurde in Regensburg bestattet.

Die Familie Eckstein war voll in das Vilsecker Geschehen integriert. Beide waren jüdischer Abstammung, wir wissen jedoch nicht, ob sie der jüdischen Glaubensgemeinschaft angehörten. Zumindest waren sie sehr weltlich eingestellt, was nach Zeitzeugen gelegentlicher Genuss von Schweinefleisch und Ecksteins Liebe zur Jagd belegt (einem gläubigen Juden ist die Jagd und der Verzehr von Wildtieren verboten). Sein Jagdgefährte war über 22 Jahre Anton Maier, dessen Schwester 30 Jahre bei Ecksteins im Dienst stand und lebenslanges Wohnrecht hatte.

Großzügige Geldgeber

Otto Eckstein und dem Vilsecker Arzt Dr. Brückmann ist - des regelmäßigen Hochwassers wegen - die Trockenlegung des Stadtweihers zu danken. Die Grundwasserabsenkung führte allerdings zu Rissen im Stadtturm und damit zur Errichtung einer Stützmauer 1932 an der Nordwest-Seite. Die Familie Eckstein finanzierte die Uhr am Vogelturm, Emma Eckstein spendete für den Kindergarten und nähte, so Zeitzeugen-Aussagen, für die Nachbarn Vorhänge. Als junge Frau besuchte sie häufig Tanzveranstaltungen.

Der Leidensweg der Ecksteins, wie aller Juden, begann mit Beginn nationalsozialistischer Herrschaft. Otto Eckstein verstarb im März 1935, 55 Jahre alt, an einem Herzleiden. Die Oberin des Vilsecker Krankenhauses, eine Mallersdorfer Schwester, begleitete den Sterbenden: "Sie hat ihn in den Tod gebetet." Nach geltendem Recht durfte seine Witwe Emma mit Hilfe eines examinierten Apothekers die Apotheke noch ein Jahr betreiben, tatsächlich waren es eineinhalb Jahre bis zum Verkauf. Viele Bewerber waren an der Konzession, jedoch nicht am Stadtturm interessiert.

Schließlich verkaufte Emma Eckstein das Wohnhaus mit Turm, die Apotheke, den Keller, die Holzlege, den Schweinestall, Stadel, Hofraum mit Brunnen für 25 000 Reichsmark an Anton Maier, den jahrelangen Freund der Familie. Die Einrichtung der Apotheke erwarb der nunmehrige Konzessionsinhaber Karl Kreutzer, der die "Offizyn" bis zu seinem Tod 1943 betrieb.

Die Situation wurde für Juden unerträglich. Schon am 6. Mai 1936 hieß es in der nationalsozialistischen Zeitung "Bayerische Ostmark" unter dem Titel "Werden - Kampf - Sieg innerhalb der Ortsgruppe der NSDAP Vilseck" unter anderem "(...) Ein besonderer Dorn im Auge war uns der berüchtigte Jude Apotheker Eckstein, der die besondere Reklamefigur und Finanzmann der Gegenparteien war (...). " Der Hetzartikel der Nationalsozialisten erschien ein Jahr nach Otto Ecksteins Tod.

Am 11. November 1938, einen Tag nach der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November, meldete die Gendarmerie-Station Vilseck an das Bezirksamt Amberg: "Betreff: Schutzhaftnahme der Juden in Vilseck - Zufolge mündlichen Auftrags vom 10. November 1938 gelange an die hiesige Station von der Kreisleitung Amberg folgende fernmündliche Meldung bzw. Auftrag: Auf Anordnung der SA-Gruppe Bayreuth sind sofort sämtliche im Kreisgebiet wohnhaften Juden durch den zuständigen SA-Führer und den zuständigen Hoheitsträger in Schutzhaft zu nehmen. Dabei ist deutsches Volksgut zu schonen. (...) Nachdem sich in Vilseck kein Gefängnis befindet, frage ich noch an, wohin die in Schutzhaft Genommenen gebracht werden sollen. Hierauf meldete sich der Herr Kreisleiter selbst am Telephon und erklärte: 'Sie wissen doch, was Schutzhaft ist, vollziehen Sie den Befehl!' Ich habe daraufhin den Ortsgruppenleiter und Bürgermeister von Vilseck und den stellvertretenden SA-Führer sofort von der Sache in Kenntnis gesetzt, worauf dann in meinem Beisein die Schutzhaftnahme der hiesigen Juden - 3 Frauen - erfolgte."

Stolpersteine zur Erinnerung

Bei den drei in Haft genommenen Frauen handelte es sich um Emma Eckstein und die ebenfalls in Vilseck wohnende Rosa Pollak mit ihrer Tochter Else. Familie Pollak unterhielt in der Breiten Gasse - damals Hans-Schemm-Straße - ein Gemischtwarengeschäft. Auf Initiative eines Vilsecker Bürgers, Manfred Wismeth, setzte 2008 der Künstler Gunter Demnig Stolpersteine als Zeichen der Erinnerung an die einst hier lebenden Mitbürger.

Emma Eckstein versuchte im Februar 1939 Selbstmord durch Öffnen der Pulsader und verlor dabei die linke Hand. Anton Maier veranlasste die Überweisung in das Amberger Krankenhaus und besuchte sie hier auch regelmäßig. Schriftlich drohte daher die Kreisleitung, dass sie Emma Eckstein nach Dachau und ihn und seine Familie wegen "völliger Verjudung" in das Arbeitshaus schicken werde.

Nach diesem tragischen Ereignis zog Emma Eckstein nach Regensburg. Am 28. Mai 1941 wurde sie in das dortige jüdische Altenheim in der Schäffnerstraße, der Sammelstelle für alle zur Deportation anstehenden Oberpfälzer Juden, eingewiesen. Von hier ging es in das Arbeitslager Piaski bei Lublin in Polen.

Dort wurden die meisten Jüdinnen bei Straßenbauarbeiten bis zu ihrem Tod geschunden oder, falls nicht mehr arbeitsfähig, in die Vernichtungslager Sobibor oder Belzec geschafft. Den Gepflogenheiten der Herrschenden entsprechend, ging das Vermögen der Deportierten an die Reichshauptkasse. (ddö)

Historisches Vilsschiff im Nachbau

Vilseck

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.